Inside Wall Street
Kolumne: Wie viele Nebenkriegsschauplätze verträgt die Wall Street?

Ein kleiner Zacken im Tages-Chart verrät alles: An der Wall Street weiß wieder einmal niemand, wo der Hase läuft. Die US-Börsen waren aus gutem Grund schwach in den Tag gegangen, dann schlugen sie dank eines unerwartet starken Verbrauchervertrauens nach oben aus - nur um dann wieder zurück zu fallen, um seither in enger Spanne in Richtung Wochenende zu dümpeln.

Anleger hatten am Morgen allen Grund, sich noch einmal aus dem Markt zurück zu ziehen. Dabei hatte das wenige Stunden vorher noch ganz anders ausgesehen. Nach einer ansehnlichen Rally am Donnerstag wähnten die Bullen endgültig das Zepter in der Hand. Eine Reihe erfreulicher Konjunkturdaten hatte ihnen Zuversicht gegeben, außerdem hatten sich einige CEOs optimistisch zur Zukunft geäußert, darunter sogar die Chefs von Hightech-Riesen wie Cisco, Microsoft und Intel. Letztere hatten in schöner Euphorie sogar den Rückkauf von 480 Mill. Aktien angekündigt.

Plötzlich schien die Beweislast für die Misere an der Wall Street bei den Bären zu liegen - viele fanden angesichts zeitweise guter Daten keine Argumente und zogen den Pelz aus. Setzten sie sich Hörner auf? - Schön wär?s, doch vielmehr scheint es, zum Wochenschluss setzt der Markt den Optimisten Hörner auf. Reingelegt, auf konjunktureller Seite sind nicht nur starke Einzelhandelsergebnisse und sinkende Arbeitslosenzahlen zu melden sondern auch steigende Lagerbestände. Die können Firmen zwingen, erneut die Produktion zu drosseln, dann wiederum Kosten zu senken und Arbeitsplätze zu streichen.

Und wenn die Arbeitslosigkeit steigt, dann fällt auch wieder das Verbrauchervertrauen, dessen Sprung auf 85 Punkte im Michigan-Index dem Markt am Morgen ein paar Minuten lang Kraft gab und für den Zacken im Tages-Chart verantwortlich zeichnet. Die meisten Anleger dürften mittlerweile gemerkt haben, dass dem Verbrauchervertrauen nicht zu trauen ist. Ein höherer Stand als erwartet kam unter anderem zustande, weil in die sehr aktuelle Befragung die Entscheidung des Irak am Mittwoch einspielte, die UN-Resolution anzuerkennen. Doch dürften viele Amerikaner am Freitag schon wieder sehr viel mehr Angst vor einem militärischen Konflikt oder einer Fortsetzung des Kriegs gegen den Terrorismus haben als vor zwei Tagen.

Der Grund: Das FBI warnt am Freitag nicht nur vor weiteren Terroranschlägen, sondern man schlägt einen ganz anderen Ton an als man ihn bisher kannte. Wo einst eine einfache Notiz, ein vager Hinweis auf Aktivitäten der Al-Kaida für Panik sorgte, da wütet heute die Bundespolizei mit den Worten, "spektakuläre neue Attacken" könnten "ungeheuer viele Tote, massiven Schaden für die US-Wirtschaft und nachhaltige psychologische Traumata" mit sich bringen. Ein solcher Text sorgt für Angst, nicht für Sicherheit.

Andererseits drängt sich eine Frage auf: Wie ernst darf und muss man eine solche Meldung nehmen. Das FBI äußert sich weder konkret dazu, wo, von welcher Seit, wann und warum ausgerechnet jetzt eine Attacke droht, und man geht nicht einmal so weit, die Alarmstufe für das Land herauf zu setzen. Auf dem Parkett glauben viele, dass die Warnung ein Ablenkungsmanöver der Regierung ist, Propaganda, um über die Terrorschiene einen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen, auch nachdem die dortige Regierung UN-Waffeninspekteuren Einlass ins Land gegeben hat.

Damit würde George W. Bush immer mehr dem Bild gerecht werden, das Kritiker schon lange zeichnen. Sucht der Mann einen Krieg? Geht es ihm nun doch nicht mehr um die Sicherheit der USA und der Welt? Das Verhalten Washingtons lässt den Schluss zu, dass man den Irak auf jeden Fall angreifen will und krampfhaft nach Begründungen sucht. Muss jetzt Afghanistan als Nebenkriegsschauplatz herhalten um den Einmarsch in den Irak zu begründen? So wie der Irak als Nebenkriegsschauplatz herhalten musste, um die schwachen Ergebnisse im Terrorkampf in der afghanischen Einöde zu vertuschen? Müssen Afghanistan und der Irak herhalten, um den Blick von Arbeitslosigkeit, dem nach wie vor schwachen Verbrauchervertrauen, der lahmenden Konjunktur abzulenken?

Eine solche Politik wäre höchst gefährlich. Nicht nur aus politischen Gründen. In Amerika findet sich nach wie vor eine Mehrheit, die Angst vor einem Krieg gegen den Irak hat und nicht an einen schnellen Sieg glaubt. Ein Teil dieser vorsichtigen und Risiko abwägenden Amerikaner hält Aktien - und verkauft vor dem drohenden Szenario. Der Markt wird weiter geschwächt und mit ihm die Unternehmen. Der Krieg stützt die Wirtschaft - diese Rechnung geht nicht auf, und ein Blick auf die Charts beweist das ganz klar.

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