Inside Wall Street
Rot und Schwarz: Malen nach Zahlen

Am Dienstagmorgen ist es Kevin Lane von der New Yorker Technimentals Research Group, der eine neue Zahl ins Spiel bringt. Sie lautet 6 300 und kommt ebenso unvermittelt wie Gross? Prognose. An der Wall Street wird über den Wert allerdings nachgedacht, und viele Marktteilnehmer scheinen sich ein wenig zu fürchten - das jedenfalls zeigt der Tageschart, der erneut steil nach unten geht.

NEW YORK. Es ist nicht mehr als ein Spiel, dass Ökonomen und Analysten mit den Zahlen treiben. Mal mehr und mal weniger präzise sind die Begründungen, die Experten den Prognosen hinterherschicken. Mal sind es alte Unterstützungslinien, mal andere technische Level, die zu drei, vier oder fünf Ziffern führen, mal sollen es fundamentale Überlegungen in Anbetracht von Volksverschuldung, Arbeitsmarkt und Verbrauchervertrauensein, mal scheint eine Zahl ganz willkürlich einem (Alb-)Traum entsprungen.

Das Spiel auf jeden Fall ist "Malen nach Zahlen". Da druckt einer eine 5 000 auf das Dow-Feld, und schon kommen einige Anleger und pinseln das halbe Bild zu - tiefrot versteht sich. Etwas heller wird es vielleicht, wo Kevin Lane seine 6 300 hindruckt, und dann ist da ja auch immer noch das Goldman Sachs-"Glücksbärchi" Abbey Joseph Cohen, die gerne ein wenig Grün auf die Leinwand streut, ob das da hingehört oder nicht. Die Umrisse legen die Unternehmen fest, die am Ende eines Quartals schwarze Zahlen schreiben - oder nicht.

Ach ja, zwei weitere Optimisten tummeln sich auf dem Parkett, doch die haben ihre eigenen Regeln. Frei von Zahlen glauben Barton Biggs und Byron Wien von Morgan Stanley, dass es wieder Zeit wäre, in den Markt einzusteigen. Für Biggs sind es "meine Instinkte", die ihm sagen "dass ich jetzt ein Käufer wäre und kein Verkäufer". Wien meint schlicht, der Markt könne von seinen aktuellen Ständen "nicht mehr sehr weit nach unten stürzen".

Zurück zu Lane. Der sieht das ganz anders. Die Blue Chips würden auf 6 300 Punkte fallen, sagt er aus einem einfachen Grund: "Was hier seit einigen Monaten passiert, das wird noch weitergehen, bis die Fond-Manager Aktien für derart billig halten, dass sie sich in eine richtige Kauf-Orgie stürzen." Darauf dürfe man indes noch einige Zeit warten, denn was bevorsteht bezeichnet Lane als "das finale Bärenmarkt-Tief". Der freie Fall der Kurse soll beginnen, sobald der S&P 500 sein Juli-Tief durchbrochen hat. Den Endstand vom 24. Juli hat der marktbreite Index zwar gestern schon gebrochen, vom Intraday-Tief von 775 Punkten ist er aber noch eine Handbreit entfernt.

Kevin Lane gilt als einer der präzisesten Propheten an der Wall Street. Zwar hat auch er schon einige Male daneben gehauen, doch war er es, der den dramatischen Kursverfall des Industrie-Multis Tyco vorhergesehen hatte. Und er war der Rufer in der Wüste bevor IBM einbrach. Im März verkaufte er seine Anteile, seither gab der Computerriese mehr als 40 % an Wert ab.

Lane beruft sich bei seinen Analysen auf eine Vielzahl von Daten aus einem breiten Spektrum. Technische Indikatoren wie Durchschnittskurven, Hinweise aus dem finanziellen Umfeld wie der Goldfluss und die Bewegungen der Fond- und Rentenmärkte, klassische Indizes wie zum Verbrauchervertrauen und historische Stände weisen ihm den Weg. Diese Daten haben ihn nicht gerade zu einem Schwarzmaler par Excellence gemacht - weshalb sein Wort im Dienstagshandel Gewicht hat. Denn während der eingangs erwähnte Pimco-Mann Gross ein Interesse an fallenden Kursen hat und gerne rote Flächen indiziert, treibt Lane auch gerne eine Rallye an. Nach den Terror-Anschlägen des 11. September war er einer der ersten, die erkannt hatten, dass die Aktien zu schnell zu steil verloren hatten.

Lane scheint einer der wenigen zu sein, die beim "Malen nach Zahlen" verschiedene Farben auf der Palette haben. Rot und grün, schwarz und vielleicht auch mal rosa weiß er einzusetzen - ob er diesmal das richtige Bild zeichnet, soll sich am S&P 500 messen lassen und vielleicht schon an den Bewegungen der nächsten Tage.

Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%