Inside Wall Street
US-Airlines in Turbulenzen

Dass US Airways am Wochenende in den Gläubigerschutz ging, kam für Analysten und Anleger nicht aus heiterem Himmel. Ein wenig überraschend dennoch, denn an der marktbreiten Erholung nach dem Vieljahrestief von Ende Juli hatte die Aktie teilgenommen. Auch andere Airlines könnten noch in Turbulenzen geraten.

wsc NEW YORK. Es gibt Filme, die im Flugzeug nie gezeigt werden: "Der Flug des Phoenix", zum Beispiel, oder "Airforce One". Auch taugt nicht jedes Buch zur Lektüre über den Wolken, sorgenvolle Passagiere sollten jeden Lesestoff meiden, der irgendwie mit Flügen und Katastrophen zu tun hat.

Doch begab es sich vor einiger Zeit, dass ich auf einem Flug von New York nach Milwaukee in einem großen US-Wirtschaftsmagazin blätterte und auf 6000 Meter Höhe eine Story über die US-Airline-Industrie las - es war eine einzige Katastrophe. Der Lokalanbieter Southwest Airlines, hieß es da, habe mittlerweile eine höhere Marktkapitalisierung als alle anderen US-Fluggesellschaften zusammen.

Und tatsächlich: Southwest, einer der wenigen Carrier, die auch nach den September-Attentaten weiter in der Gewinnzone fliegen, hat einen Börsenwert von 10 Mrd. $. Zum Vergleich: Die einstigen Branchen-Schwergewichte Delta und American Airlines und bringen es auf 1,8 beziehungsweise 1,5 Mrd. $, über ihnen notiert als zweitgrößter Anbieter der Branchen-Neuling Jet-Blue, der mit Billig-Angeboten von sich reden macht. US Airways notierte zum Wochenschluss mit einem Börsenwert von 163 Mio. $.

Dass US Airways am Wochenende in den Gläubigerschutz ging, kam für Analysten und Anleger also nicht aus heiterem Himmel. Ein wenig überraschend dennoch, denn an der marktbreiten Erholung nach dem Vieljahrestief von Ende Juli hatte die Aktie teilgenommen, und erst am Freitag hatte das Papier 5 Cent zugelegt - da war wieder ein wenig Hoffnung im Markt.

Diese Hoffnung ist indes nicht ganz verschwunden - sie hat nur die Seiten gewechselt. Investoren ist sie abhanden gekommen, nur das Management hält noch das Fähnchen hoch und will bis zum ersten Quartal 2003 gestärkt aus der Krise hervorgehen. Ob man bis dahin zum einen durchhält, zum anderen einen profitablen Markt findet, ist indes alles andere als sicher. Denn die Krise bei US Airways und die anhaltende Schwäche in der gesamten Branche hat mehrere Gründe und die Terroranschläge vom 11. September sind nur einer davon.

Sicher, seit dem 11. September ist die Nachfrage nach Flügen - geschäftlich wie privat - dramatisch zurückgegangen, und bis heute gibt es Tausende ehemaliger Kunden, die nie mehr in den Urlaub fliegen wollen. Doch hat man innerhalb der Industrie die Terror-Anschläge lange genutzt, um eine Branchenkrise zu begründen, die man längst an vielen Fronten hätte bekämpfen können.

Zum Beispiel am Ticketschalter: Die Flugpreise sowohl für Inlands- als auch für internationale Flüge sind zu hoch. Billig-Anbieter wie Jet-Blue haben den unflexiblen Branchenriesen mit 99-Dollar-Flügen Kunden abgeworben. Und immer mehr Passagiere buchen ohnehin nicht mehr bei den Gesellschaften direkt, sondern gehen über die immer mächtigeren und immer billigeren Schnäppchenwebseiten wie Travelocity, Priceline oder Expedia. Diese sind so erfolgreich, dass trotz eines schwierigen Internet-Umfelds immer mehr Anbieter auf den Markt kommen, zuletzt Orbitz.com.

Zum Beispiel im Bereich Service: Um Kosten zu sparen haben die Fluggesellschaften überall da gekürzt, wo es der Verbraucher spürt. So gibt es auf Inlandsflügen in den USA kein Essen mehr, höchstens noch ein Tütchen Chips. Für Musik und Film muss der Passagier bezahlen - pro Kopfhörer 5 $ Miete -, und lange Schlangen am Ticketschalter sind auch nicht gerade Lockstoff für verärgerte Kunden.

Zum Beispiel Planung: In der Krise nach den September-Attentaten haben viele Airlines überreagiert und in Panik zu viele Maschinen still gelegt. Seither werden Flüge hoffnungslos überbucht, und vor allem Passagiere, die mehr als einmal umsteigen müssen, können häufig eine unvorhergesehene Übernachtung an einem Knotenpunkt in die Reiseplanung aufnehmen. Das ist nicht nur ärgerlich für den Kunden, sondern vor allem teuer für die Airline, denn die zahlt nicht nur die Hotelkosten, sondern bis zu 400 $ pro versetztem Passagier.

So geben es eine ganze Reihe von Ansatzpunkten, an denen Fluggesellschaften die Krise anpacken könnten. Dass sie unter der anhaltend schwachen Konjunktur zu leiden haben und eine baldige Erholung nicht aus eigener Kraft zu schaffen ist, steht auf einem anderen Blatt. Auf dem Parkett ist man nun geteilter Meinung, was das Schicksal von US Airways angeht. Wenn die Aktie in den Handel geht (wahrscheinlich erst am Dienstag), dann dürfte es einige Spekulanten geben, die Hoffnung auf Rettung oder Übernahme hegen, und die den Carrier zum Spottpreis ins Portfolio heben wollen.

Es überwiegen allerdings die Stimmen derer, die in einem Untergang von US Airways eine gesunde Bereinigung des Marktes sehen, und die schon einen weiteren Kandidaten vor dem Absturz sehen: United Airlines. Deren Aktien haben seit September 85 % an Wert verloren und - im Gegensatz zu den meisten Papieren des Sektors - eine Zwischenrallye bis Ende März nicht mitgemacht.

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