Insider erwarten Insolvenzantrag in den nächsten Tagen
Zähes Ringen um Premiere

Kein Krimi auf Premiere ist derzeit so spannend wie die Verhandlungen, die hinter den Kulissen des Senders ablaufen. Den ganzen Tag über haben die Minderheitsgesellschafter des defizitären Bezahlfernseh-Kanals gestern mit Managern der Kirch-Gruppe verhandelt - bislang ohne Erfolg.

HB MÜNCHEN/BERLIN. Unternehmenskenner rechnen nun mit einem Insolvenzantrag in den kommenden Tagen, weil Premiere das Geld ausgeht. Am Montag hatte Wolfgang van Betteray, der neue Geschäftsführer der Kirch Media - Kirchs Kernfirma - einen Insolvenzantrag des Bezahlfernsehens bereits angekündigt. Dieser wurde dann wegen der laufenden Verhandlungen aber noch nicht beim Amtsgericht München eingereicht. Doch die Zeit drängt, denn Premiere fährt jeden Tag mehr als 1 Mill. Euro Verlust ein. Vergangenes Jahr erwirtschaftete Deutschlands einziger Pay-TV-Kanal rote Zahlen von rund 1 Mrd. Euro.

Die Pleite könnte den Weg frei machen für den australischen Medienunternehmers Rupert Murdoch. Über seinen britischen Pay-TV-Kanal BSkyB ist Murdoch bereits mit mehr als 20 % an Premiere beteiligt. Weitere Anteilseigner sind der saudische Prinz Al Waleed, sowie die Investment-Bank Lehman Brothers.

Branchenkreise sehen in Murdoch mit seinem weltweiten Medienimperium News Corp. einen Rettungsanker für Premiere. Der Unternehmer habe bewiesen, dass er auch auf schwierigen Märkten dem Bezahlfernsehen zum Durchbruch verhelfen könne, heißt es. Vor allem die Hollywood-Studios hätten ein Interesse, dass ein erfahrener Partner das Bezahlfernsehen in Deutschland weiter führt. "Murdoch saß doch erst in der letzten Woche mit den Studios an einem Tisch, um darüber darüber zu sprechen", erklärte ein Insider. Die Filmproduzenten wie Universal (Vivendi), Paramount (Viacom), Columbia (Sony), Disney und auch Murdochs eigenes Studios Fox brauchen das Bezahlfernsehen als wichtigen Teil der Wertschöpfungskette, um ihre teuren Produktionen finanzieren zu können.

In den Neunziger Jahren hatte Kirch für horrende Preise in Hollywood groß eingekauft. Zuletzt konnte die für den Filmeinkauf zuständige Kirch-Media allerdings nicht einmal mehr die Raten für "völlig überteuerte Filmrechte", so ein Insider, bezahlen.

Die Verträge wurden von Kirch offenbar nicht besonders geschickt verhandelt. Denn aus unternehmensnahen Kreisen verlautete, dass die großen Filmlieferanten in Hollywood bei einer Insolvenz der Kirch-Gruppe jederzeit einseitig kündigen können. Damit eröffnet sich für Murdoch die Möglichkeit, möglicherweise schon in wenigen Wochen die enormen Programmkosten - Schuldentreiber Nummer eins - auf seine Rechnung neu zu verhandeln.

Die Kosten für die Rechte setzen sich zum einen aus einer Grundgebühr und zum anderen aus der Zahl der Abonnenten zusammen. Bei Premiere war in den Verträgen mit Hollywood mit vier Millionen zahlenden Kunden kalkuliert worden. Tatsächlich sind es derzeit nur 2,4 Millionen. Wegen der Zahlungsschwierigkeiten und den jahrelangen Streitigkeiten mit dem Hollywood-Studio Universal konnte Premiere beispielsweise zuletzt den Oscar-gekrönten Kassenknüller "Gladiator" nicht zeigen.

Offenbar wäre Murdoch auch bereit, das vom neuen Premiere-Chef Georg Kofler vor zwei Wochen präsentierte Sanierungs-Konzept mit zu tragen. Kofler versprach, die Kosten drastisch zu senken. Mindestens 800 der 2 400 Mitarbeiter müssen in den kommenden Wochen gehen. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Kofler auch unter einem neuen Eigentümer an der Spitze von Premiere stehen wird.

"Das Bezahlfernsehen hat in Deutschland eine Zukunft", sagte gestern Ferdinand Kayser, Premiere-Chef bis Dezember letzten Jahres, dem Handelsblatt. Der jetzige Vorstandschef des Luxemburger Satellitenbetreibers SES Astra hält die Rettungskonzepte seines Nachfolgers für sinnvoll. Mit neuen Rechteverträgen und einer gesicherten Finanzierung könne es das Pay-TV schaffen. Premiere hat allein von Anfang 1997 bis Ende 2001 einen Verlust von 4,2 Mrd. Euro eingefahren.

Dennoch glaubt der frühere RTL-Chef Helmut Thoma an die dauerhafte Existenz des Pay-TV in Deutschland. Neben den Hollywood-Verträgen machte der Medienberater des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (SPD) die mangelnde Ertragskraft im frei empfangbaren Fernsehen als Schwäche von Kirchs Bezahl-TV aus. "Hätte Kirch bei Pro Sieben und Sat 1 stärker auf höhere Gewinne ausgerichtet, hätte er sein Pay-TV finanzieren können", sagte Thoma in Berlin.

Bis Premiere zum ersten Mal in die schwarzen Zahlen kommt wird es nach Koflers Plänen noch etwas dauern: 2005 soll erstmals ein Gewinn ausgewiesen werden.

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