Insider-Kolumne aus New York
Wall Street: Seiltanz zwischen Schein und Sein

Der Handel an der Wall Street ist am Donnerstag unübersichtlich - aber nicht überraschend. Im Gegenteil: Überraschend wäre es gewesen, wenn der Markt über Nacht eine Richtung gefunden und die Rally dramatisch ausgebaut oder alle Gewinne wieder abgegeben hätte.

wsc NEW YORK. Doch tatsächlich haben die US-Börsen in den vergangenen Monaten unter so vielen Faktoren gelitten, dass nach dem überraschenden Aktien-Run vom Mittwoch eine treffende Analyse schwer fällt. Da wäre zum einen der Zusammenhang zwischen Aktienmarkt und Konjunktur, der am Donnerstag wieder einmal beleuchtet wird, nachdem es einige Tage lang kaum Daten aus dem ökonomischen Umfeld gegeben hatte. Hatte sich einst die Konjunktur auf die Börse niedergeschlagen, so hat sich das Verhältnis mittlerweile gedreht. Das Wachstum der US-Wirtschaft verlangsamt sich - und schuld ist zum Teil der schwache Aktienmarkt, denn der belastet Unternehmen und Verbraucher. Die Bestellungen langlebiger Güter, ein wichtiger weil langfristiger Indikator über das Kaufverhalten, sind nicht wie erwartet gestiegen, sondern (den starken Rüstungssektor herausgerechnet) um fast 5 % zurückgegangen.

Dann wäre da die Reform, die Senat und Kongress in Washington verabschiedet haben, und die zunächst als Schlag gegen die Wirtschaftskriminalität gefeiert wurde, und die ihren Teil zur Mittwochs-Rallye beigetragen haben dürfte. Zwischen den Zeilen des neuen Gesetzentwurfs steht jedoch nicht viel Handfestes: Härtere Strafen - schön und gut. Doch ist Wertpapierbetrug auch in Zukunft schwer nachzuweisen. Das wird sich auch nicht ändern, wenn CEOs und Finanz-Chefs künftig persönlich für die Bilanzen bürgen, denn sie beurkunden "nach meinem besten Wissen". Das Hintertürchen aus dem Knast steht sperrangelweit offen - ob und wie hart gegen Betrüger vorgegangen wird, die Unternehmen in die Pleite wirtschaften und Anleger um ihre Ersparnisse bringen, das muss sich erst erweisen.

Einen Vorgeschmack bekam die amerikanische Öffentlichkeit am Mittwoch, als die Adelphia-Familie um John Rigas fernsehgerecht verhaftet und in Handschellen abgeführt wurde. Zwar drohen den gierigen Chefs des ehemaligen Kabel-Riesen nun lange Haftstrafen. Doch war es - wie in Amerika üblich - vor allem die Show der Verhaftung (samt Handschellen!), das Symbol einer härteren Gangart, was den Markt in die Höhe trieb. "Wenn John Rigas? Verhaftung 489 Punkte bringt, dann ist Bernie Ebbers gut 600 Punkte wert. Und ein halbes Dutzend Enron-Gauner dürften dem Dow 1000 Punkte bringen", sagt der Ökonom Paul Erdmann.

Diese Meinung teilen viele auf dem Parkett, und der Gedanke, dass ein einzelnes Ereignis den Markt um Hunderte von Punkten pushen kann, ist nicht neu. Der Tod von Osama Bin Laden wird an der Wall Street mit rund 1000 Punkten gehandelt, ähnlich könnte auch der Abgang von Saddam Hussein zu Buche schlagen. Doch wären diese Gewinne kurzfristiger Euphorie zuzuschreiben und nicht zwingend von Dauer.

Denn der Tod eines Diktators bringt nicht nachhaltig Frieden in die Welt. Genauso wenig wie die Inhaftierung eines Bilanzschwindlers das Vertrauen der Anleger in die Märkte zurück bringt. Zumal an jeder Ecke neue Gefahren lauern. Am Donnerstag ist das an der Wall Street ganz deutlich zu sehen: Die Ermittlungen der Börsenaufsicht gegen AOL lassen die Aktie um weitere 18 % stürzen, das bloße (und bereits dementierte) Gerücht um einen Konkurs bei Tyco treibt den Industrie-Multi um 21 % in den Keller.

Das "Big Picture", der Blick auf den Tageshandel, ist deutlich - in seiner Unentschlossenheit. Während die Nasdaq nach schlechten Nachrichten aus dem Chip-Bereich den ganzen Tag verliert, haben Dow und der marktbreite S&P 500 die Null-Linie schon acht, neun, zehn Mal gekreuzt. Mal schwingen sie 2 % ins Minus, dann wieder 1 % ins Plus. Es wird ein paar Tage dauern, bis Investoren den hektischen Mittwoch verdaut und analysiert haben.

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