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Insolvenzen: Anwalt der Anonymen

Er war ein erfolgreicher Firmenchef, dann hat er fast alles verloren. Als seine Not am größten war, hatte Attila von Unruh eine Idee: einen Gesprächskreis in Köln zu gründen, die „Anonymen Insolvenzler“. So viele Unternehmer aus dem ganzen Land suchen nun seine Hilfe, dass er mit seiner Idee expandiert
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HAMBURG/KÖLN. Als er mit hastigen Schritten, die Laptoptasche in der Hand, atemlos Gate C 04 erreicht und im Korridor des Gangway verschwindet, ein hagerer, hochaufgeschossener Mann im schwarzen Anzug, dessen lange Beine seinem Gang etwas leicht Storchenhaftes verleihen, hat er erneut einen Tag hinter sich, der ihn auf seinem Weg, ein Problem seines Landes zu lösen, wieder etwas vorangebracht hat.

Er wundert sich manchmal noch selbst, wie schnell alles gegangen ist. Auf dem Rollfeld steht abflugbereit die Maschine, die ihn zurückbringt nach Köln-Bonn, in den langen Gängen des Hamburger Flughafens ist der letzte Aufruf der Damen am Schalter seiner Fluggesellschaft verhallt.

Er ist spät dran, sehr spät, aber er schafft es gerade noch rechtzeitig an Bord.

Das ist im Grunde die Kurzform jener Geschichte, mit der für Attila von Unruh, 47 Jahre alt, hauptberuflich freier Unternehmensberater, wohnhaft in Ruppichteroth östlich von Köln, alles begonnen hat. Sie ist kompliziert, grob vereinfacht geht sie so: Von Unruh war früher mal Teilhaber einer Eventmarketing-Agentur. Er hatte sie für gutes Geld verkauft. Als der Käufer pleiteging, erwischte es auch ihn. Alte Darlehensbürgschaften, die er unterschrieben hatte, waren der Grund. Die Bank wollte 300 000 Euro. Sofort.

Seine Pleite ist sein Kapital geworden. Von Jahr zu Jahr schwand zuletzt die Zahl der Firmenpleiten. Bis zum Herbst, bis die Krise auch nach Deutschland kam. Seither ist Attila von Unruh so gefragt, dass er expandiert. Er bietet eine Dienstleistung an, die es so bisher nicht gab.

Zu ihm kommen gescheiterte Unternehmer, Chefs insolventer Betriebe, Bosse von Gesellschaften mit beschränkter Hoffnung. Um zu reden. Nicht einzeln, sondern in Gruppen. Von Unruh hört ihnen zu, versteht, urteilt nicht. Er nimmt kein Geld. Er ist, wenn man so will, eine ehrenamtliche Seelenauffanggesellschaft für Pleitiers.

Er selbst würde das nie so sagen. Es wäre ihm, einem ernsthaften Mann, in dessen Gesicht, lang und schmal wie der restliche Körper, sich tiefe Furchen gegraben haben, zu flapsig. Von Unruh versteht sich als Lobbyist von Menschen, die ihr Scheitern zu Beladenen einer Leistungsgesellschaft gemacht hat, der sie jahrelang aus Überzeugung angehört haben und die sie plötzlich abstößt, weil sie eine Norm verletzen: Sie haben unvermittelt aufgehört zu funktionieren.

Scheitern ist in Deutschland vielleicht eines der letzten Tabus. Wer sich nach einer Insolvenz wieder berappeln will, hat es schwer. Viele Banken gewähren keinen Kredit mehr, der nötig wäre, um eine neue Firma aufzubauen. Die Entschuldung dauert sechs Jahre. Dazu kommt das Stigma der Niederlage, denn selten bleibt eine Pleite geheim. Eine Pleite kann sehr einsam machen.

Ein kalter Januarabend, Attila von Unruh sitzt in einem Kölner Café; in gut einer Stunde treffen sich die „Anonymen Insolvenzler“ wieder, so hat er seinen Gesprächskreis genannt.

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