Insolvenzrichter entscheidet am Dienstag über Schicksal der Musiktauschbörse Napster
Bertelsmann verabschiedet sich vom E-Commerce

Der Medienkonzern vollzieht die Kehrtwende im Internetgeschäft: Der Web-Buchhändler Bol soll möglichst bald verkauft werden. Die Landes-Politik fürchtet negative Impulse.

DÜSSELDORF. Die Bertelsmann AG verabschiedet sich vom E-Commerce. Der weltweit fünfgrößte Medienkonzern beabsichtigt, möglichst bald seinen Internetbuchhändler Bol (Bertelsmann Online) zu verkaufen. Die Direct Group, in der die Buchclubs und die E-Commerce-Aktivitäten des Konzerns gebündelt sind, hat bereits einen entsprechenden Beschluss gefasst, berichten Insider in Gütersloh.

Als Kaufinteressent gilt der US-Online-Händler Amazon.com Inc. Im Gegensatz zu Bol hat sich Amazon zäh vorarbeiten können, massive Sparprogramme durchgeführt und ist heute Weltmarktführer an der Schwelle zur Profitabilität. Bol hingegen hatte nie eine echte Chance. Von Anfang an trug die Firma die typischen Merkmale eines Konzern-Unternehmens. Hohe Fixkosten, überbordende Verwaltung und vor allem teure EDV-Systeme. "Das hätte man alles ein paar Nummern billiger machen können", so ein Internet-Berater aus Düsseldorf. Der Umsatz von Bol mit seinen noch verbliebenen weltweit 200 Mitarbeitern belief sich im Geschäftsjahr 2000/2001 auf 94 Mill. Euro.

In Kreisen der nordrhein-westfälischen Landesregierung wird der Strategie-Wechsel in Gütersloh kritisch beäugt: "Der mögliche Rückzug aus dem E-Commerce ist ein Rückschritt auch für die Region", heißt es in Düsseldorf. Ein Verkauf der deutschen Bol-Tochter würde 50 Arbeitsplätze in München betreffen. Die nordrhein-westfälische Politik fürchtet aber auch negative Auswirkungen auf die Szene kleinerer und mittlerer Internet-Firmen im bevölkerungsreichsten Bundesland. Erst vor einigen Tagen hatte die Landesregierung eine "Interactive Content Initiative" zur Förderung von Hardware- und Software-Anbietern für E-Commerce-Lösungen ins Leben gerufen.

Der Strategiewechsel beim Internet-Handel trifft auch die insolvente Musiktauschbörse Napster. Das Schicksal der Musiktauschbörse liegt in den Händen eines US-Insolvenzrichters. Er soll heute entscheiden, ob Bertelsmann die Vermögenswerte von Napster für neun Mill. Euro übernehmen darf. Lässt der Richter den Termin jedoch verstreichen, hat Bertelsmann die Option von seinem Angebot zurückzutreten. Das würde sicherlich auch gemacht, sagt ein Bertelsmann-Manager.

Der Strategiewechsel kommt nicht überraschend. Der kürzlich entlassene Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hatte bis zuletzt in das Internetgeschäft investiert. Doch sein eher bodenständiger Nachfolger Gunter Thielen steht dem eher reserviert gegenüber.

Ewald Walgenbach, erst seit wenigen Wochen Chef der Direct-Group, muss nun verlustreiche Engagements veräußern. Die Internetanlaufverluste beliefen sich allein im zweiten Halbjahr 2001 auf 127 Mill. Euro. Im Geschäftsjahr 2000/01 lagen sie sogar noch bei 500 Mill. Euro.

Die Direct Group steht unter großem Druck. Bei einem Jahresumsatz von 1,5 Mrd. Euro betrug der Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) 464 Mill. Euro. Der operative Verlust lag bei 40 Mill. Euro. Der 43-jährige Walgenbach will bis Ende nächsten Jahres die Gewinnschwelle erreichen. 2004 soll die Direct Group dauerhaft die Profitabilität erreichen. Walgenbachs Vorgänger Klaus Eierhoff war erst vor vier Wochen entlassen worden. Im Mai 2001 hatte Eierhoff Bol noch in die Buchclubs integriert, um ein öffentliches Scheitern von Bol zu vermeiden.

"Der Verkauf wird sich noch hinziehen", heißt es. Einen Vorstandsbeschluss gebe es noch nicht. Auch ob die Bol-Töchter in Deutschland, Holland, Großbritannien, Schweden, Italien und China getrennt oder als Block verkauft werden, stehe noch nicht fest, heißt es in Unternehmenskreisen.

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