Institute fürchten Verschlechterungen für Optionsschein- und Zertifikatemarkt
Banken verschlafen EU-Richtlinie

Heute erdacht, morgen gebracht - die Handelszulassung von Optionsscheinen, Zertifikaten und Aktienanleihen geht in Deutschland teilweise sehr schnell. Das könnte sich durch eine neue EU-Prospektrichtlinie bald ändern. Erst sehr spät formiert sich in Deutschland der Widerstand dagegen.

HB BRÜSSEL/DÜSSELDORF. "Völlig unpraktikabel", "das Ende für den Deutschen Optionsscheinmarkt in seiner bisherigen Form", "enorme Haftungsrisiken" - in den Optionsscheinabteilungen vieler Banken herrscht Aufregung. Grund dafür ist eine von der EU geplante Wertpapierprospekt-Richtlinie, welche die bisherige deutsche Zulassungspraxis bedroht. Unter Federführung der Stuttgarter Optionsscheinbörse Euwax leisten die in Deutschland aktiven Banken dagegen jetzt Widerstand.

Dafür ist es höchste Zeit. Das Brüsseler Gesetzgebungsverfahren ist schon weit fortgeschritten. Der Richtlinienentwurf der EU-Kommission liegt seit rund einem Jahr vor, und die Stellungnahme des Europaparlaments dazu gibt es auch schon seit Monaten. "Die Emittenten von Optionsscheinen haben die Gefahr erst spät bemerkt", räumt Euwax-Vorstand Thomas Munz ein. Die Briten waren schneller. Sie brachten die spezifischen Interessen ihres Finanzplatzes rechtzeitig in die - für die Gesetzgebung sehr wichtige - Stellungnahme des Europaparlaments zur neuen Prospekt-Richtlinie ein.

Die deutsche Langsamkeit überrascht, denn für den Optionshandel steht viel auf dem Spiel. Bislang dürfen neue Optionsscheine und andere von Aktien abgeleitete Wertpapiere (Derivate) wie Zertifikate und Aktienanleihen zügig und unbürokratisch am Markt platziert werden. Das könnte sich durch die neue Richtlinie ändern. Mit ihr will die EU die Zulassung von Wertpapieren europaweit vereinheitlichen. Folge: Das deutsche Schnellverfahren bei der Zulassung von Optionsscheinen droht zu entfallen.

Die EU-Kommission strebt einen europäischen Börsenpass für alle Wertpapiere an, der an allen Finanzplätzen der EU gelten soll. Inhalt und Genehmigungszeitraum des Börsenprospektes sind in der Richtlinie genau festgelegt. "Die Vorschläge tragen dem derivativen Markt kaum Rechnung", kritisiert Stephanie Kirbach, Sprecherin der Citibank AG. Die Ausgestaltung orientiere sich zu stark an Aktienemissionen, sei für die schnelllebigen Optionsscheine zu langwierig. So könne es 15 bis 30 Tage dauern, bis ein neuer Optionsschein das Okay der Behörden bekomme. Bisher ist in Deutschland eine Genehmigung binnen eines Tages üblich. "Verzögerungen würden das Geschäft enorm erschweren", sagt Klaus Oppermann von der Commerzbank.

Auch die Anforderungen an den Prospekt sorgen bei den Banken und Börsen für Kopfschütteln. "Es könnte zum Beispiel sein, dass bei jedem Siemens - Optionsschein auf alle Risiken der Siemens-Aktie hingewiesen werden muss", sagt Elisabeth Roegele, Geschäftsführerin der Börse Stuttgart. Dies sei umständlich und berge große Haftungsrisiken. Die Banken verlangen nun eine Ausnahmeregelung für den weltweit führenden deutschen Markt. "Für Emissionen, die nur im Inland gehandelt werden, sollte es beim bisherigem Börsenprospekt bleiben", heißt es in einem Papier, das eine Mehrzahl der Euwax-Emittenten zusammen mit der Börse erstellt hat.

Die EU-Kommission zeigt bislang keine Neigung, diesen Wunsch zu erfüllen. "In einem europäischen Finanz-Binnenmarkt benötigen wir einen einheitlichen Prospekt, möglichst ohne nationale Sonderregeln", sagte der Sprecher von Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein auf Anfrage.

Auch im Europäischen Parlament dürfte die Lobby-Arbeit schwierig werden. Der zuständige Abgeordnete Chris Huhne "weiß nichts von Problemen mit deutschen Optionsscheinen", sagte eine Mitarbeiterin des Briten noch vergangene Woche.

Anfang dieser Woche hatte Huhne Gelegenheit, seine Kenntnisse bei einem Besuch der Stuttgarter Börse aufzufrischen. Jetzt keimt bei den Schwaben Hoffnung auf einen Verbündeten. "Huhne hat Verständnis für die deutschen Forderungen gezeigt und uns Unterstützung zugesagt", berichtet Euwax-Chef Munz.

Trotzdem ist fraglich, wie stark er sich für die Deutschen einsetzt. In Brüssel ist es ein offenes Geheimnis, dass sich der frühere Finanzjournalist und Mitbegründer der Rating-Agentur Fitch vor allem für die Londoner City interessiert. Erfolgreich kämpft der Brite für die englische Börse AIM, an der Papiere von mittelständischen Unternehmen gehandelt werden. Für Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung bis zu 350 Millionen Euro solle die EU-Prospektpflicht nicht gelten, verlangt der Brite und fand für diese Forderung eine Mehrheit im Straßburger Parlament. Pech für die Deutschen, dass sich auch die zweite für Börsenprospekte zuständige EU-Abgeordnete, die Finnin Piia-Noora Kauppi, für den Finanzplatz London stark macht. Nur der CSU-Abgeordnete Alexander Radwan steht auf der Seite der Deutschen: "Wir dürfen nationale Märkte nicht mit europäischen Regeln kaputt machen", sagt Radwan.

Für die Stuttgarter Börse ist aber noch nicht alles verloren. Die Deutschen können bei der EU-Kommission direkt auf Änderungen dringen. Der Zeitpunkt ist günstig: Die EU-Behörde ist gerade dabei, ihren Richtlinienentwurf zu überarbeiten. Außerdem haben die Deutschen Einflussmöglichkeiten im EU-Finanzministerrat. Bundesfinanzminister Hans Eichel ist auf das Problem bereits aufmerksam geworden. Für "rein nationale Märkte" sollten beim Börsenprospekt Sonderregeln gelten, schrieb Eichel im Frühjahr an den damaligen spanischen Vorsitzenden des Finanzministerrates Rodrigo Rato. Bleibt abzuwarten, ob Eichel für diesen Standpunkt im Ministerrat die erforderliche Mehrheit findet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%