Institutionelle Anleger kritisieren schwankende Urteile der Kreditanalysten
Rating-Agenturen zeigen die Zähne

Viele Profi-Investoren sind sauer. Sie werfen den Ratingagenturen vor, bei der Bewertung von Kreditrisiken viel zu kurzfristig vorzugehen. Außerdem ändere sich ihr Urteil zu schnell. Die Rentenanalysten sehen das freilich anders: In einem volatilen Umfeld schwanke auch die Kreditqualität stark. Darauf müsse man reagieren.

LONDON. Was gilt denn nun? Am 7. Juni senkt die Rating-Agentur Moody?s die Kreditwürdigkeit des US-Mischkonzern Tyco auf Baa3, ein Schritt vor dem Ramsch-Status. Das ist nicht verwunderlich: Der Schuldenberg von Tyco beläuft sich auf 27 Mrd. Dollar, der Ex-Vorstand wird der persönlichen Bereicherung verdächtigt und vor der erhofften Abspaltung der Dienstleistungs-Sparte CIT stehen dicke Fragezeichen. Doch Moody?s hegt noch Hoffnung: "Der Verkauf von CIT würde der Reduktion von Tycos Schulden signifikant helfen." Fünf Tage später erlaubt die US-Wertpapieraufsicht der Firma Tyco die Abspaltung samt Börsengang von CIT. Die Gesellschaft hofft auf Einnahmen von fast 6 Mrd. $. Doch Moody?s reagiert anders als erwartet: Zum Teil mit den gleichen Worten wie fünf Tage zuvor stuft das Institut die Bonität von Tyco erneut herab - um zwei Stufen auf Ramsch-Status.

Ereignisse wie diese sorgen in für ein Reizklima zwischen Rating-Agenturen und institutionellen Anlegern. Unter der Hand beschweren sich derzeit Fondsmanager darüber, dass Standard& Poors und Moody?s seit Anfang des Jahres aggressiver denn je herabstufen. "So etwas sorgt nur für weitere Unsicherheit im Markt", schimpft der Managing Director eines US-Fonds in London gegenüber dem Handelsblatt.

Die Manager suchen sich die Anleihen für ihre Portfolios nach der Kredit-Bewertung zusammen. Sinkt der Wert bei einem Unternehmen unter ein bestimmtes Niveau, müssen sie das Papier unter Umständen gleich wieder verkaufen. Für die Unternehmen selbst ist der Fall unter die Bewertungs-Grenze "Investment Grade" fatal: Anleihen mit "Junk Bond-Status" kommen derzeit nur mit einem erheblichen Zinsaufschlag im Markt unter.

Da ist Sensibilität gefragt, und der Blick auf die dauerhaften Perspektiven einer Firma. Doch "der langfristige Bewertungs-Horizont", stöhnt ein Manager, "hat sich auf Wochen verkürzt." Beispiel Qwest Communications International: Der marode Telekom-Konzern erlitt bei Moody?s seit Anfang des Jahres einen Verfall auf Raten: Am 14. Februar sinkt er von Baa1 auf Baa2, im März auf Baa3. Zwei Monate später rangiert er nur noch bei Ba2, Anfang Juli sogar auf B2. Vor ein paar Tagen landete er bei seinem bisherigen Tief, Caa1. Beispiel Railtrack: Zwischen 1997 und 2002 haben die Anleihen des mittlerweile insolventen Betreibers von Schienennetzen so ziemlich jede Bewertung zwischen AA und C gesehen.

Die Gescholtenen wehren sich: "Die Rating-Agenturen sind nicht aggressiver geworden", sagt Jürgen Berblinger, Managing Director für die Unternehmensfinanzierung bei Moody?s: "In den Ratings spiegelt sich die Kredit-Verschlechterung der Unternehmen wider." Auch Chris Legge, Leiter der Unternehmensbewertung bei Standard&Poors sagt: "Wir befinden uns in einem volatilen Umfeld. Das führt eben dazu, dass die Kreditqualität sich schnell verändern kann."

Die Agenturen stehen unter Druck. Nach den Pleiten von Worldcom, Enron und Swissair bekamen sie heftige Kritik von den Investoren ab, weil sie Risiken zu spät bemerkt hatten. Seitdem versuchen sie offenbar alles, um nicht noch einmal auf dem falschen Fuß erwischt zu werden: Bei Moody?s liegt das Verhältnis von Herab- zu Heraufstufungen bei 5,5. Vor jeder Verbesserung stehen also mehr als fünf Abwertungen. S&P gibt diese Zahl gar nicht erst heraus.

Bei Fonds-Managern ist die Vielfalt der Bewertungen schon als "Rating-Bingo" verschrieen. Die Institute nennen ihr Vorgehen rein "proaktiv". Erst Ende Mai erklärte Moody?s nach einem intensiven Dialog mit Investoren, man wolle trotz Enron an stabilen Ratings festhalten. "Moody's Bond-Ratings sind keine Informationsquelle, die einem häufigen Wechsel unterliegt", hieß es damals.

Bernard Hunter von Merrill Lynch Investment Managers sieht es anders. Der Leiter der Abteilung Credit/Fixed Income kritisierte kürzlich in einem Aufsatz die volatilen Ratings der Institute. Offenbar gibt es schon Herabstufungen auf Verdacht: So habe beim Kreuzfahrt-Unternehmen P&O Princess allein die Ankündigung eines Zusammengehens mit dem Konkurrenten zu einer Herabstufung bei Moody?s gereicht, sagt Hunter. Er kritisiert auch, dass die Bewertung sich oft gleich um mehrere Stufen verändert. "So etwas hat es früher nicht gegeben." Er sieht einen der Gründe in unerfahrenen Analysten. Die Agenturen, so sagt er, kämpfen mit einem hohen Personalumschlag. Fondsmanager und Banken werben die Besten immer wieder ab - wer bleibt, sei jung, relativ unerfahren und angesichts der Masse der Ratings überfordert. Sein Vorschlag: "Die Agenturen brauchen mehr Personal, und sie müssen es mit Aktienoptionen halten können." Das Argument ist falsch, wendet Jürgen Berblinger ein, der auch Geschäftsführer von Moody?s Deutschland ist. Der Personalumschlag im Land tendiere "gegen Null."

Die Meinungen sind verschieden, doch den Fondsmanagern schreibt Bernard Hunter für die Zukunft eine Warnung ins Stammbuch: Sie "müssen in diesem volatilen Marktumfeld verstärkt dazu übergehen, ihrem eigenen Credit Research nachzugehen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%