Instrument dient als Frühwarnsystem
Lebensversicherer haben Stress mit dem Stresstest

Erst Victoria Leben, dann Axa und Gothaer - Meldungen, dass Versicherer den von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) vorgeschriebenen Stresstests nicht bestehen, sorgen im Markt für große Unruhe. Doch was hat es eigentlich mit diesen Stresstests der BaFin auf sich? Was bedeutet es, wenn ein Versicherer hier durchfällt? Um die Tests ist eine Debatte entbrannt.

DÜSSELDORF. Darum geht es bei den Tests: Die Aufsicht will wissen, ob ein Versicherer auch nach einem weiteren Crash am Kapitalmarkt noch genügend Mittel hat, um jederzeit die Kundenansprüche zu erfüllen. Die Verpflichtungen zum Beispiel der Lebensversicherer bestehen in den angesparten Mitteln der Kunden plus die darauf bereits gut geschriebenen Zinsen (Garantiezins plus Überschüsse). Diese Ansprüche müssen mit Kapitalanlagen bedeckt sein. Das Problem: Diese Kunden-Ansprüche, die in der Passiv-Seite der Bilanz ausgewiesen sind, schwanken nicht in ihrem Wert. Dagegen schwankt der Wert der Kapitalanlagen, die ein Versicherer zur Bedeckung der Ansprüche hält, zum teil sehr stark, wie etwa Aktieninvestments.

Um frühzeitig mögliche Probleme zu erkennen, prüft das BaFin durch die Stresstests, ob die Bilanz eines Versicherers einen weiteren Crash aushalten würden. Der BaFin-Test besteht dabei aus zwei Teilen: Der so genannte "harte" Test A simuliert ein weiteres Abrutschen der Aktien um 35 % und einen Kursrückgang der Renten-Titel um 10 %. Der "weiche" Test B sieht ein Kursrutsch bei Aktien von 20 %, und bei Renten von 5 % vor.

Fällt ein Versicherer bei den Tests nun durch, so heißt dies aber nicht, dass das Unternehmen aktuell seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, betont das BaFin. "Die Stresstests zeigen an, dass beim betroffenen Unternehmen Handlungsbedarf besteht, denn die Risikotragfähigkeit muss verbessert werden", erklärt Carsten Zielke, Analyst der WestLB Panmure. Mit anderen Worten: Der Versicherer muss Risiken aus seiner Bilanz nehmen. "Wenn entsprechend reagiert wird, besteht keine Gefahr", ergänzt WestLB-Experte Zielke.

Aktienquote absenken

Wie aber zum Beispiel Victoria und Axa ihre Risikotragfähigkeit erhöhen wollen, darüber reden sie nicht so gerne. "Die Unternehmen können zum Beispiel die Aktienquote absenken", erläutert Christoph Seck, Kapitalanlagenexperte der auf Versicherer spezialisierten Rating-Agentur Assekurata. Weitere Möglichkeiten bestehen darin, die Aktienbestände mit Futures abzusichern. Ein Versicherer kann zudem auch die Überschussbeteiligung senken; denn eine geringere Verzinsung der Policenguthaben dämpft das Anwachsen der zu bedeckenden Ansprüche. Welche Maßnahmen nun tatsächlich ergriffen werden, das verhandeln die Versicherer im stillen Kämmerlein mit der Aufsicht; schließlich ist die Lage bei jedem Versicherer höchst unterschiedlich zu beurteilen.

An der Konstruktion der Tests entzündet sich indes Kritik: "Wenn ein Versicherer bereits einen Teil seiner Aktien abgesichert hat, wird dies beim Test nicht berücksichtigt", sagt Carsten Zielke. Zudem sieht der Test ein gleichförmiges Absinken von Aktien- und Rentenmärkten vor; normalerweise verhalten sich diese Märkte aber entgegengesetzt. Desweiteren ignoriert der Test, ob ein Versicherer bereits einen Teil seiner Aktienbestände abgesichert hat. Die Kritik aus der Branche bleibt aber dennoch leise: Schließlich haben die Versicherer bei Entwicklung der Tests mitgewirkt.

Die Verunsicherung ist groß: Makler fragen sich zum Beispiel, ob sie noch Geschäft an Versicherer vermitteln können, die beim Stresstest gepatzt haben. "In diesem Fall sollten Makler ihre Versicherer auffordern, sie über die getroffenen Gegenmaßnahmen zu informieren", rät Assekurata-Experte Seck. Marco Metzler von der Ratingagentur Fitch rät dazu, in jedem Fall die Unternehmen individuell zu betrachten: "Bei Versicherern wie Axa und Victoria sollten Makler die guten Gruppenratings von Axa in Frankreich beziehungsweise Münchener Rück im Auge behalten." Denn im schlimmsten Fall könnten die Mütter ihren Töchter mit Kapital aushelfen.

Quelle: Handelsblatt

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