Integrationsfachdienste können wertvoille Hilfestellung bieten
Hohe Hemmschwelle

Viele Unternehmen scheuen sich davor, Schwerbehinderte einzustellen. Die Gründe sind häufig Vorurteile und mangelnde Information.

Detlef Leinberger begrüßt seine Kundin an der Tür und begleitet sie für das folgende Gespräch in den Konferenzraum. Der Diplom-Kaufmann, verheiratet, zwei Kinder, ist 1974 als Trainee bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt eingestiegen, 1999 aufgestiegen in den Vorstand. Am liebsten wäre dem 52-Jährigen, an dieser Stelle folgte ein Punkt. Aber die Geschichte fängt erst an. Denn Leinberger stützt sich auf Krücken, als er seiner Besucherin fest die Hand schüttelt. Skiunfall, dauerhaft, aber verjährt, spottet er manchmal, wenn er keine Lust hat, den wahren Grund zu sagen: Kinderlähmung im Alter von drei Jahren.

Schwerbehinderte müssen mehr leisten als andere, wenn sie eine Karriere wie Leinberger machen wollen, ist die Erfahrung von Jörg Kopp, Trainer und Coach, der unter anderem Berufstätige mit Handikap betreut. "Vorurteile und fehlende Information", seien die größten Hemmschwellen für die Integration Behinderter, konstatierte Ende 2001 eine Forschungsgruppe der Uni Eichstätt. "Manche Schwerbehinderte denken nicht: Was kann ich für das Unternehmen tun? Sondern: Was kann das Unternehmen für mich tun?", beklagen dagegen Insider.

In Fällen wie diesen stehen öffentliche Institutionen, wie die Integrationsfachdienste bei den Arbeitsämtern, zur Verfügung. Sie sollen Unternehmen helfen, Konflikte zu lösen und Schwerbehinderte zu integrieren. Einziges Manko: Die Beratungsstellen sind meistens unbekannt, oft fehlt es ihnen an Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und unternehmerische Bedürfnisse.

Vielen Behinderten fehlt das nötige Selbstbewusstsein

Leinberger persönlich brauchte diese Sonderbehandlung nicht. Am liebsten möchte er so wahrgenommen werden wie auf dem Foto im KfW-Geschäftsbericht: als ein Vorstandsmitglied, das im Kreis seiner Kollegen von Hans W. Reich bis Ingrid Matthäus-Maier am Tisch sitzt - alles ganz normal. Eine Einstellung, mit der Behinderte am besten fahren, wenn sie eine Karriere als Fach- oder Führungskraft anstreben, sagen Experten.

Doch nicht alle sind so selbstbewusst wie Leinberger. Viele trauen sich erst gar nicht, sich zu bewerben oder haben es aufgegeben. "Wenn die nicht zu uns kommen, gehen wir eben zu denen", sagte sich deshalb die KfW und lud Vertreter verschiedener Einrichtungen wie etwa das Berufsförderungswerk Bad Vilbel zu einem runden Tisch ein, um die Bank, die Jobs und die Anforderungen vorzustellen. "Wir kooperieren mit verschiedenen Behinderteneinrichtungen, an die wir im Vorfeld kommunizieren, welche Qualifikationen und Kompetenzen der Mitarbeiter im Einzelfall mitbringen muss. Die Einrichtungen treffen dann eine Vorauswahl", erzählt Klaus Günther, Direktor für Grundsatzfragen und Soziales. Das erspart Frust: beim Arbeitgeber, aber auch bei den Behinderten, die oft vergeblich Blindbewerbungen schreiben.

In der KfW durchläuft der schwerbehinderte Bewerber ein Auswahlverfahren, das breiter ist als üblich. Fachabteilung, Personalabteilung und Schwerbehindertenbeauftragte führen getrennte Interviews, die Kollegen in spe geben ihre Meinung ab. "Wenn der Aufwand für die Betreuung höher ist als die Leistung, wenn Kollegen einen Teil der Arbeit von Schwerbehinderten mit erledigen müssen, dann leidet die Akzeptanz durch die Mitarbeiter", sagt Günther.

Umfangreiche Fördermöglichkeiten

An finanziellen Fördermitteln fehlt es nicht: Die Integrationsämter übernehmen nicht nur Kosten etwa für die Einrichtung einer Behindertentoilette oder den größeren Bildschirm, sondern auch das Honorar für einen Coach. Dennoch: "Soziale Verantwortung kostet", weiß Günther. Die KfW stellt sich dieser Verantwortung. Das öffentlich-rechtliche Unternehmen beschäftigt fast sechs Prozent Schwerbehinderte und liegt damit sogar über der gesetzlich vorgeschriebenen Quote. Unternehmen, die nur auf den Shareholder Value schwören, können oder wollen sich das selten leisten.

Viele Personaler fürchten auch, sich wegen des hohen Kündigungsschutzes nicht wieder von Schwerbehinderten trennen zu können, und stellen sie deshalb lieber gar nicht erst ein. Dabei gibt es Möglichkeiten, Mitarbeiter über Probezeit oder befristete Verträge erst mal zu testen.

Wenn Unternehmen Absagen schicken, geschieht das selten mit der expliziten Begründung Behinderung. "Nur zwei Firmen waren so ehrlich und haben meine Hörbehinderung als Grund genannt", erzählt Jan C. Völker. Nach seinem Studium an der Verwaltungshochschule Speyer hat Völker sich zwei Jahre als freier Berater durchgeschlagen, bevor er 1999 bei ITM Consulting in Stuttgart anfing. "Generell herrscht wohl der Eindruck vor, Höreinschränkungen hätten etwas mit Intelligenzeinschränkungen zu tun."

Solchen Vorurteilen ist auch Roland Geschwill von der Mannheimer Managementberatung GP begegnet. Er hat eine inkomplette Querschnittslähmung, bewältigt kürzere Strecken an Krücken, längere im Rollstuhl. Geschwill erzählt von einem Schuhhersteller, der ihn als Berater nicht mochte. Sein damaliger Chef war couragiert genug, den Auftrag zurückzugeben.

Mitleidsbonus? Nein, danke!

Inzwischen ist der Diplom-Psychologe einer der vier GP-Geschäftsführer und kämpft in Präsentationen selbst um Aufträge. Und er wird fuchsteufelswild, wenn er spürt, dass er einen Mitleidsbonus bekommt. "Ich hab mich früher mit anderen gemessen, und das will ich auch heute noch." Geschwill spielte Feldhockey, bevor ihn im Alter von 20 Jahren eine Zecke biss und er an Enzephalitis erkrankte.

Der 42-Jährige ist ein Powertyp, der auch mal die Nacht durcharbeitet, wenn's sein muss - wie viele, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. "Krüppel haben einen besonderen Drive", sagt er, und bei ihm klingt das überhaupt nicht wie Pfeifen im Wald, eher wie ein Donnerschlag. "Wenn Sie Leistungssport getrieben haben und dann plötzlich aufwachen, bewegungsunfähig bis in die Fingerspitzen, dann gehen Sie daran kaputt, oder Sie bewältigen das Trauma und legen so richtig los."

Natürlich nervt ihn die Behinderung, natürlich möchte er bei Präsentationen nicht darauf angesprochen werden, sondern fachlich debattieren. Bremsen lässt er sich aber nicht. Manchmal profitiert er sogar davon. "Ich gelte als Trainer, der unangepasst ist. Als Behinderter habe ich die Freiheit, selbst Vorständen manches offen zu sagen, was andere sich nicht erlauben könnten."

Unverkrampft mit der Behinderung umgehen, Förderer suchen, Netzwerke aufbauen, das rät Geschwill Schwerbehinderten mit Ambitionen. Und: Nicht permanent eine Leidensmiene zur Schau stellen nach dem Motto "ich trag die ganze Welt auf meinen Schultern. Dann doch lieber: Die ganze Welt liegt mir zu Füßen".

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