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Intellektuelle Slalomläufe

Javier Marías? Roman "Dein Gesicht morgen" gibt eine Fülle von Denkanstößen

Jaime Deza hat eine seltene Gabe. Er beobachtet Personen, hört ihnen zu, und aus seinen gewonnenen Erkenntnissen gibt er treffsichere Prognosen über deren zukünftiges Verhalten ab. Als "Psychoprophet" und "Dolmetscher des Lebens" wird der introvertierte Sprachwissenschaftler von seinen Zeitgenossen bezeichnet. Jaime lebt (wie so viele Marías-Figuren) in Oxford, arbeitet für die BBC und gerät in die Fänge des britischen Geheimdienstes, der Dezas Fähigkeiten für seine Zwecke ausnutzen will.

Das von Javier Marías gezeichnete Ambiente ist kühl und emotionslos, spröde Kopfmenschen üben sich in intellektuellen Verrenkungen. Der emeritierte Hispanist Wheeler wird in Personalunion Dezas Bindeglied zum Geheimdienstmann Bertram Tupra und auch sein rätselhafter Gegenspieler. Anders als etwa in den bekannten Spionageromanen John le Carrés spielt sich bei Marías die Agententätigkeit auf intellektueller Ebene ab. Die Kopfspionage steht im Mittelpunkt. Deza soll anhand von Sprachaufzeichnungen und Videobändern Personen analysieren, der "Fluch des Sprechens" und das daraus prognostizierte "Gesicht von morgen" werden ihnen zum Verhängnis.

So ist der erste Band von Javier Marías? Trilogie auch ein Roman über die Geheimnisse der Sprache, ein tief philosophisches Buch über die menschliche Kommunikation und deren Enträtselung. Ganz nebenbei hat der 53-jährige Madrider Autor auch noch eine kleine Hommage an seinen Vater, den berühmten Philosophen Julián Marías, in die Handlung integriert. In einem langen Gespräch zwischen Deza und Professor Wheeler geht es auch um den Spanischen Bürgerkrieg. Der Vater des Protagonisten wurde damals von einem seiner besten Freunde (wie Marías senior) verraten und landete im Gefängnis.

Bespitzelung und Verrat spielen auch im Fortgang der Handlung noch eine zentrale Rolle. Im Büro des Geheimdienstlers Tupra findet Deza eine Akte über sich selbst, in der er als kaltblütiger Egoist charakterisiert wird, dem es "egal sei, was anderen geschieht". Seine Auftraggeber haben ihrerseits also eine Analyse des "Menschendeuters, Geschichtenantizipierers und Lebensübersetzers" vorgenommen.

Aber ganz so emotionslos geht es in Dezas Innerem nicht zu. Wenn er an seine geschiedene Frau Luisa, die gemeinsamen Kinder und an die Zeit in Madrid zurückdenkt, weht ein zarter Hauch der Melancholie durch seine Gedanken. Javier Marías, der im deutschen Sprachraum durch das "Literarische Quartett" (im wahrsten Sinne des Wortes) über Nacht berühmt wurde, pflegt bisweilen einen etwas langatmigen, zu gedanklichen Ausschweifungen neigenden Erzählstil. Wer sich aber auf diese intellektuellen Slalomläufe einlässt, wird reich entschädigt - durch eine gigantische Fülle philosophischer und linguistischer Denkanstöße.

"Man sollte niemals etwas erzählen" lautet durchaus programmatisch der erste Satz dieses Romans. Dezas traurige Erfahrung ist die "vom Beobachten des Beobachters der Beobachter", wie Friedrich Dürrenmatt 1986 seine um Bespitzelung kreisende Novelle "Der Auftrag" im Untertitel nannte.

Javier Marías: Dein Gesicht morgen, Klett Verlag, -Cotta Stuttgart 2004, 489 Seiten, 24,50 Euro.

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