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Intelligente Rollstühle überwinden Hindernisse

Ein Serien-Rollstuhl names "iBot" von Johnson & Johnson bewältigt bereits Treppen und unebenes Gelände. Forscher der Universität Ulm haben nun ein Elektrogefährt entwickelt, das per Autopilot gesteuert wird. Es soll schwerstbehinderten Menschen helfen - könnte sich aber auch für einen Einsatz auf Flughäfen und im Klinikalltag eignen.

HB DÜSSELDORF. Eine Generation neuer Rollstühle könnte Schwerstbehinderten künftig zu einem größeren Aktionsradius verhelfen. Eine Forschergruppe der Universität Ulm hat ein Elektrogefährt entwickelt, das von einer Art Autopilot gesteuert wird. Kollisionsfrei bahnt sich der Rollstuhl seinen Weg selbst durch belebte Bahnhofshallen. Möglich wird dies durch ein hoch entwickeltes Navigationssystem. Dieses sucht mit seinen Sensoren und Laserscannern kontinuierlich die Umgebung nach Hindernissen ab. Auf Basis der Daten berechnet ein Kleincomputer den Fahrtkurs durch die Menschenmenge.

"Wir sind zwar noch ein gutes Stück von der Serienreife entfernt, aber wissen, dass viele Kranke große Hoffnung in die Technik setzen", sagt Projektleiter Erwin Prassler vom Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung. Er stehe in Kontakt mit Selbsthilfegruppen, die sich für das Produkt stark machen.

Der Prototyp namens Maid (Mobility Aid for Elderly and Handicapped People) kann erkennen, ob ein Passant im Weg steht. Das eingebaute Sprachausgabesystem bittet den Blockierer, den Weg freizumachen. Das Ziel kann vorher einprogrammiert oder durch Sprachbefehl, Augenzwinkern oder über ein Blasröhrchen mitgeteilt werden. Unfallopfer, Patienten mit Parkinson-Krankheit, Sehschwäche oder Multipler Sklerose könnten das Gefährt nutzen.

Beförderungssystem auch für Messen geeignet

Maid ist zwar in erster Linie für kranke und behinderte Menschen konzipiert, könnte aber als cleveres Beförderungssystem auch weitere interessante Anwendungen bergen: "Wir wollen demnächst mit Flughäfen Kontakt aufnehmen", sagt Prassler. Die künstliche Intelligenz des fahrbaren Untersatzes könne auch gestressten oder bequemen Besuchern von Messen und Erlebnisparks zugute kommen. Theoretisch könnte Maid in drei Jahren kommerziell verfügbar sein, heißt es bei den Ulmer Forschern. Doch das Interesse der Industrie hält sich bislang in Grenzen.

Der deutsche Marktführer für elektrische Rollstühle, die Meyra GmbH aus Kalletal, verfolgt die Ulmer Entwicklung immerhin mit Interesse, zumal Maid aus einem Meyra-Rollstuhl gebaut wurde. "Wir könnten auf Wunsch gemeinsam mit den Ulmern solche Gefährte in Einzelfertigung bauen", sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Wahlen. "Aber einen Massenmarkt für solche High-End-Geräte wird es nicht geben", dämpft er die Hoffnung. Zudem seien die Krankenkassen zurückhaltend bei der Kostenübernahme. Wahlen schätzt, dass Maid mit 30 000 DM doppelt so teuer wäre wie ein herkömmlicher Elektrorollstuhl. Nachfrage-Potenzial sieht Wahlen bei sehgeschädigten Personen.

Sensoren warnen vor Kollisionen

Thomas Röfer vom Institut für Sichere Systeme der Universität Bremen hat in einem Forscher-Team ebenfalls einen Meyra-Rollstuhl mit Sensoren ausgestattet. Sie sollen vor möglichen Kollisionen warnen, der Fahrer behält aber die Kontrolle. Nach Röfers Einschätzung verzichten viele Behinderte aus Angst vor Kollisionen auf Elektrogefährte. Die soll das System namens Rolland dem Fahrer nun nehmen. "Eine sinnvolle Anwendung wären halb- oder vollautomatische Transportsysteme in Krankenhäusern", sagt Röfer.

Dass programmierbare Rollstühle für den Krankentransport auf langen Klinikfluren geeignet wären, glaubt auch Ingenieur Prassler. "Das Münchener Uni-Klinikum Großhadern wollte von uns versuchshalber eine ganze Maid-Flotte bestellen." Alle Projektbeteiligten waren startklar, doch das Vorhaben scheiterte an der Europäischen Kommission, die laut Prassler "ethische Bedenken" anmeldete. "Das ist mir völlig unverständlich", sagt er.

Zur Marktreife hat es weltweit erst ein innovativer Rollstuhl gebracht. Der "iBot" der US-Firma Independence Technologies, einer Tochter von Johnson & Johnson in New Brunswick, kann mit seinen vier gleich großen Rädern Treppen hochfahren und sich sogar aufrichten. Wenn das Gefährt mittels Motorkraft auf die Hinterräder aufbockt, kommt der Fahrer auf Augenhöhe mit den Mitmenschen.

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