Interaktive Unterhaltung aus dem Taunus
Spielfilm als Film-Spiel

"Jack-Point-Jack" hat kein Happy End und geht auch nicht schlecht aus. Der Film hat elf verschiedene Schlüsse: Welches Schicksal der Möchtegern-Rockstar Jack erleidet, entscheidet der Zuschauer. Die Wiesbadener TaunusFilm GmbH-Produktions arbeitet zusammen mit der Münchner Dicke Helden Film GmbH an dem laut Eigenwerbung angeblich "weltweit ersten echt interaktiven Spielfilm". Eine Pilotversion bietet T-Online auf seinem neuen Breitbandportal an, das Mitte März auf der Computermesse CeBIT in Hannover vorgestellt wird.

HB/dpa WIESBADEN. "Jack-point-Jack funktioniert wie ein Online-Videospiel mit realen Schauspielern", erklärt TaunusFilm-Sprecher Markus Vahlefeld. Der Film besteht aus verschiedenen Clips mit je drei bis vier Minuten Länge. 40 Handlungsstränge sind abgedreht. Jack (Stefan Michme) ist Sänger einer Band und träumt vom Plattenvertrag, aber ihm fehlt das nötige Kleingeld. Mit seiner Freundin Julia (Karoline Kunz) knackt er eine Bank. Julia wird von einem Wachmann misshandelt. Was soll Jack machen? Geld oder Liebe, ist nur eine Option, die der Zuschauer hat, Jacks Leben zu beeinflussen.

Das Werk ist in der Mitte zwischen Computer-Spiel und Spielfilm angesiedelt. Im Bemühen beides zu sein, sei "Jack-Point-Jack" keines von beidem richtig, bemängeln Kritiker. Weder Spielefans noch Filmwissenschaftler erwarten daher viel von solchen Formaten. "Interaktivität bringt die Filmkunst nicht weiter", sagt der Mainzer Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger. Das Wesen eines Films sei es, eine Geschichte anzubieten, mit der sich der Zuschauer befassen müsse. Wenn der Zuschauer die Charaktere selbst bestimmen könne, komme das der "Vernichtung des Films als Kunstwerk" gleich.

Auch Videospiel-Experten glauben nicht, dass interaktive Filme zum neuen Trend werden. Der Markt wolle "Baller-Spiele", sagt Spieletester Sascha Pilling von der Zeitschrift "PC Games online". "Die Leute wollen vor allem ihre Aggressionen ablassen." Spiele mit Handlung könnten sich nur in einer Nische behaupten. Und selbst die Freunde solcher Angebote sind skeptisch: "Das Faszinierende an diesen Spielen ist doch gerade, dass das Szenario nicht real ist", sagt ein Mainzer Spiele-Freak, "wenn das abgefilmt ist, wird es banal."

Gänzlich neu ist die Idee eines interaktiven Films allerdings nicht. Erste Videospiele mit echten Schauspielern kamen als CD-ROM Mitte der 90er Jahre auf den Markt. Und seit Herbst 2000 läuft auf einem T Online-Portal - die angeblich erste interaktive "Web-Soap" Deutschlands, die Serie "90sechzig90". Nach jeder neue Folge können die Zuschauer im Internet abstimmen, wie es weitergehen soll mit "Tinas Modelagentur". Hinter dem Versuch, Film und Spiel zugleich zu sein, steckt bei "Jack-Point-Jack" auch ein wirtschaftliches Motiv. Die Produktionsgesellschaft will den Film wirtschaftlicher machen, indem sie das abgedrehte Material mehrfach verwertet. So ist das "Jack"- Spiel eine Zwischenstufe auf dem Weg zum "Jack"-Kinofilm: Ende März sollen die Dreharbeiten für die Kinofassung beginnen, ein Musikvideo soll ab Mitte des Jahres Appetit darauf machen.

Auf der Leinwand ist es dann vorbei mit der Interaktivität: Der Zuschauer wird nicht mehr abstimmen können, wie der Film ausgeht. Regisseur und Drehbuchautor Michael Stelzer hat sich bereits auf ein Ende festgelegt - oder besser gesagt auf zwei. Er will zwei parallele Schlüsse ineinander schneiden: Einmal wird Jack tatsächlich ein Rockstar, einmal kommt er in die Hölle. Solche parallelen Schluss- Sequenzen gab es schon bei Kinoerfolgen wie "Lola rennt".

Seit Kinofilme auf DVD und nicht mehr auf Video zweitverwertet werden, gibt es noch einen anderen Trend: Hollywood-Regisseure bieten dem Zuschauer zu Hause unterschiedliche Schlüsse an. Wer beispielsweise Michael Caton-Jones' Krimiverfilmung "Der Schakal" einlegt, hat die Wahl zwischen dem "director's cut" aus dem Kino und einem alternativen, gewalttätigeren Ende.

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