Interaktives-TV per Satellit
Astra wettet auf digitales Fernsehen

In Deutschland ist interaktives Digital-Fernsehen ein Ladenhüter. In England und Frankreich dagegen läuft das Geschäft - Sportwetten am Fernsehen sind sehr beliebt. Der Luxemburger Satellitenbetreiber SES-Astra startet jetzt einen neuen Versuch, interaktivem TV zum Durchbruch zu verhelfen.

HB DÜSSELDORF. Wahre Pferdefreunde wetten im Sitzen, auf dem Sofa, zumindest in Frankreich, vor der flimmerfreien Kiste. Dann schaut der Pferdefreund Equidia, den interaktiven Bezahlsender, der über Canal Satellite läuft, digital und per Satellit natürlich. Umsätze von schätzungsweise 150 000 Euro täglich beschert der interaktive Pferdekanal dem amtlichen französischen Wettbüro PMU.

Auf der anderen Seite des Kanaltunnels ist es ganz ähnlich: "Fernsehwetten haben sich als die Killerapplikation des Digital-Fernsehens entpuppt", sagt Charles Malir, Marketingdirektor des britischen Online-Wettbüros Ladbrokers. Inzwischen nimmt der Satelliten-TV-Anbieter British Sky Broadcasting (BskyB) mehr als die Hälfte seiner interaktiven Umsätze (im Jahr 2001 waren das immerhin 92 Mill. Pfund) als Onlinebuchmacher ein.

Was für Pferdewetten oder Bingo, gilt, hat auf der Insel auch für Pizza seine Gültigkeit: Bereits vor zwei Jahren verkaufte Domino?s, die Pizzakette aus den USA, im Vereinigten Königreich jede Woche für 50 000 Pfund Pizza, die per Fernbedienung über Rupert Murdochs BSkyB bestellt wurden.

Kofler müssten die Tränen kommen

Bei solchen Geschichten müssen Premiere-Chef Georg Kofler die Tränen kommen. Denn verglichen mit den gut 7 Millionen Kunden, die der britische Bezahlsender BskyB zählt, nehmen sich die 2,4 Millionen von Premiere im mit Abstand größten Fernsehmarkt Europas mehr als bescheiden aus. Seit Jahr und Tag macht sich eine ganze Branche daher Gedanken, wie der Markt für digitales Fernsehen endlich auch in Kontinentaleuropa nach vorne kommt. "In Sachen Digital-Fernsehen ist Deutschland Entwicklungsland", sagt Thomas Fuchs, Berater des Pariser Satellitenbetreibers Eutelsat.

Doch nun soll das Geschäft in Gang kommen, schließlich durchleben auch die großen europäischen Satellitenbetreiber erstmals eine Phase der Stagnation. Digital-TV und interaktive Dienste per Satellit sollen neue Wachstumsperspektiven eröffnen, gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Kabelkonkurrenten in eine existenzielle Krise geraten sind. Vor wenigen Tagen erst hat der Luxemburger Satellitenbetreiber SES-Astra zusammen mit der europäischen Raumfahrtbehörde ESA ein Gemeinschaftsprojekt auf den Weg gebracht. 49 Mill. Euro investieren sie gemeinsam mit dem größten europäischen Chiphersteller STMicroelectronics und dem französischen Elektronikkonzern Thomson in "Satmode". Das ist ein in den Satellitenreceiver integrierter Sender, der das Satellitenfernsehen interaktiv machen soll: für Pferdewetten, Pizzabestellungen, für Spiele oder auch Superstars-Wahlen.

"Das ist ein besserer SMS-Service", rümpft ein Marktbeobachter die Nase über das Luxemburger Projekt. Mit schnellem Internet habe das nichts zu tun, da würden Chancen verschenkt. SES-Astra lässt die Kritik kalt. "Es soll eine reine Fernsehanwendung sein und keine Konkurrenz zu Breitbanddiensten wie schnellem Internet", sagt ein Astra-Sprecher. Mit Satmode peilt der Eutelsat-Konkurrent demnach gezielt den Massenmarkt an, hier haben die Luxemburger auch ihre größten Erfolge erzielt. "Dies wird das Angebot interaktiver Dienste stimulieren", meint Astras-Chef Ferdinand Kayser.

"Ein bisschen Etikettenschwindel"

Bisher ist interaktives Fernsehen ein bisschen Etikettenschwindel. Denn der Rückkanal läuft über Telefonleitung, das schränkt nicht nur die Einsatzmöglichkeiten ein, auch der Komfort ist beeinträchtigt. Und zu allem Überfluss ist der Service auch noch teuer. Für den einfachen Rückkanal würden reine Telefonkosten von bis zu 250 Euro im Jahr extra fällig, heißt es in einer Andersen-Studie.

Die Konsumenten wollen auch keine größeren Hürden überwinden. "Es braucht nur die Telefonbuchse im Wohnzimmer zu fehlen, schon verzichten viele auf das interaktive Fernsehen, sagt eine Premiere-Sprecherin.

Untersuchungen in England unter Digital-Nutzern zeigen ein eindeutiges Ergebnis: Ist der Dienst zu kompliziert, verlieren die Kunden das Interesse - Ende per Fernbedienung. So hat BskyB den mit vielen Hoffnungen gestarteten und mit großem Aufwand beworbenen Shopping-Kanal inzwischen wegen Misserfolgs zu einer Sparte im normalen Programm zurückgefahren.

"Die Leute wollen unterhalten werden, Fernsehen darf nicht zu kompliziert sein", bestätigt Yves Feltes von SES. Auch deshalb sei die ESA mit von der Partie. Claudio Mastracci, ESA-Direktor für technische Anwendungen: "Bisher war das Heim-Terminal das kritischste Element für einen Erfolg im Endverbrauchermarkt."

Bei Satmode soll das alles anders sein - einfach, günstig und bequem dazu. "Satmode wird keinesfalls mehr als 50 Euro zusätzlich zum Decoder kosten, der ja oft auch schon gratis an die Kundschaft geht", sagt ein Astra-Sprecher. Die Technik auf DVB-Basis über das leistungsfähige, schnelle Ka-Band des Satelliten Astra 1H werde allen Herstellern von Decodern offen stehen. So glaubt Astra, über das Angebot endlich die breite Kundschaft für das interaktive digitale Fernsehen per Satellit zu gewinnen. Anfang 2004 soll das System den Test beginnen, Ende 2004 auf dem Markt sein.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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