Interesse an gutem Verhältnis zu den USA
Iran kämpft um innere Stabilität

In Teheran wischen die iranischen Geschäftsleute Beschuldigungen, der Iran habe Verbindungen zum Terrornetzwerk El Kaida, als billige Propaganda weg. Die meisten haben beste Kontakte zum Westen.

TEHERAN. Als die CNN-Moderatorin mit sorgenvoller Mine auf die Massenvernichtungswaffen in Iran und die Verbindungen des Landes zur Terrororganisation El Kaida zu sprechen kommt, brechen die Männer in dem Teheraner Restaurant in wildes Gelächter aus: El Kaida? Das können sich die wohlhabenden iranischen Geschäftsleute beim besten Willen nicht vorstellen. "Das haben sie doch auch dem Irak nachgesagt, und was haben sie gefunden?"

Die Männer, die alle beste Kontakte in den Westen haben, wischen die Nachrichten aus Washington als billige Propaganda weg. Doch hinter ihrer Heiterkeit verbirgt sich tiefe Sorge über die Zukunft ihres Landes. Vor allem die iranischen Ökonomen wünschen sich ein besseres Verhältnis zum Westen und den USA: "Der Iran braucht ein stabiles politisches Klima, um wirtschaftlich zu expandieren", sagt Mehdi Karbassian, Vizeminister für Wirtschaft und Finanzen. Glaubwürdigkeit genießt die US-Administration aber nicht: Viele Iraner stört vor allem der Versuch Washingtons, die im Irak stationierten Volks-Mudschaheddin im Kampf gegen die Mullahs einzusetzen. Die militante Gruppe ist für eine Reihe blutiger Terroranschläge im Iran verantwortlich und hat im Krieg gegen den Irak auf der Seite von Saddam Hussein gekämpft.

Harsche Reaktion Chameneis

Der außenpolitische Druck wirkt auch auf die inneren Auseinandersetzungen: Nachdem der mit islamischen Geistlichen besetzte Wächterrat zwei wichtige Gesetzesvorhaben der Regierung von Präsident Mohammed Chatami für eine Justizreform und liberalere Wahlgesetze hat scheitern lassen, rückt der oberste geistliche Führer des Landes, Ayatollah Ali Chamenei, stärker in den Fokus. Rund 90 Reformabgeordnete hatten in einem dramatischen Schreiben an ihn appelliert, in der angespannten Situation Verantwortung zu zeigen, die Unterdrückung der Menschenrechte im Land zu beenden und sich mit dem Westen diplomatisch zu verständigen.

Die Reaktion des Staatsoberhaupts fiel zunächst harsch aus: Wer immer eine Annäherung an die USA auch nur vorschlage, sei "ein Verräter", ließ Chamenei die Abgeordneten wissen. Doch nachdem sich vergangene Woche weitere Führungspersönlichkeiten aus Regierung und Gesellschaft den Forderungen der Abgeordneten angeschlossen haben, erklingen moderatere Töne aus Chameneis Hauptquartier. Nach einem Treffen forderte das religiöse Oberhaupt lediglich alle Gruppen im Land auf, ihrer Differenzen im Dialog beizulegen und dabei den Rahmen der Verfassung zu achten. Kritiker der Regierung wie der Wirtschaftsexperte Fariburs Raisdana erwarten, das genau das eintritt: "Die verschiedenen Fraktionen werden in der Krise wieder zusammenrücken", sagt er.

In ihrem Schreiben an Chamenei, das inzwischen im Internet nachzulesen ist, weisen die Mitglieder des Establishments auch auf die vielen ungelösten Probleme im Inneren hin: Die angespannte wirtschaftliche Lage, die steigende Arbeitslosigkeit, Drogen und Prostitution.

Die Menschen werden ungeduldig

Seit der Revolution hat sich die iranische Gesellschaft radikal verändert. Die Bevölkerung verdoppelte sich auf 70 Millionen Menschen. 65 % sind zwischen 15 und 35 Jahre alt - eine Folge der verfehlten Familienpolitik während der ersten Jahre der islamischen Republik, die dem Staat heute schwer zu schaffen macht: "Am Anfang hatten wir eine Ausbildungskrise", sagt Mohammed Ali Abtahi, Vizepräsident und Gefolgsmann Chatamis (siehe Interview). Jetzt habe Iran ein Job-Problem. Rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze muss der Staat im Jahr schaffen, um der Nachfrage gerecht zu werden, schätzt ein Regierungsbeamter. Pro Job müssen rund 20 000 Euro investiert werden - das überfordert selbst ein Ölland wie Iran.

Die wirtschaftliche Situation macht die Menschen ungeduldig: Westliche Beobachter schätzen die Inflationsrate auf bis zu 35 %, das Finanzministerium spricht von 15 %. Die Arbeitslosenrate liegt offiziell bei 15 %, doch in manchen Regionen sind es mehr als 20 %. Informierte Kreise berichten, dass die Regierung seit mehreren Monaten keine Löhne mehr auszahlen kann, nur mit Mühe werden Streiks abgewendet. "Auf Grund dieser angespannten Lage, wird es nicht lange dauern, bis wir eine Lösung des Problems mit den USA sehen", sagt ein Teheraner Analyst: Beide Länder seien im Mittleren Osten aufeinander angewiesen. Die Bush-Administration brauche eine Übereinkunft mit Iran, um im Irak und Afghanistan Fortschritte machen zu können. Und der Iran brauche Stabilität, um seine wirtschaftlichen und sozialen Probleme in den Griff zu bekommen.

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