Interessenten Deutsche Börse und Euronext bringen sich in Position
Wettlauf um die Börse London

Als Jean-Francois Theodore vor einigen Tagen auf dem Weihnachtsempfang der Euronext auf die Londoner Börse angesprochen wurde, tänzelte der Chef des in Paris beheimateten Marktplatzes förmlich um das Thema herum. Er sprach über die Weihnachtsdekoration, das schlechte englische Wetter und den guten Fußball des Landes. Die London Stock Exchange (LSE) erwähnte er mit keinem Wort. Tage später holte eine Mitteilung aus Paris nach, was Beobachter geahnt hatten: Die Euronext kündigte Übernahmegespräche mit der Londoner Börse an.

HB LONDON. Der lang erwartete Kampf um den größten europäischen Kassamarkt - gemessen am Marktwert der notierten Firmen - ist entbrannt. Bislang kämpfen nur Euronext und Deutsche Börse. Doch noch ist nicht ausgemacht, dass es bei einem Zweikampf bleibt. "Die amerikanische Technologiebörse Nasdaq ist von ihrem selbst erklärten Ziel, einen 24 Stunden-Handel aufzubauen, niemals abgerückt", sagt ein Großaktionär der LSE. Zudem "steht die LSE nur einmal zum Verkauf". Noch betonen alle Seiten, dass die Gespräche auch scheitern können. Doch dass es so kommt, glauben nur die wenigsten. Der Druck von Kunden und Aktionären ist zu hoch.

Die Übernahme der LSE leitet die entscheidende Phase der europäischen Börsen-Konsolidierung ein. Während des abgelaufenen Jahres deutete sich der Trend schon an. Die Handelsplätze in Wien, Budapest und Warschau sind eine Allianz eingegangen. Zur skandinavischen Börse OMX wird Kopenhagen stoßen. Auch die Deutsche Börse hatte im Sommer schon einmal ihre Fühler ausgestreckt: Sie versuchte, die Schweizer für größere Kooperationen zu gewinnen.

Doch jetzt geht es um sehr viel mehr. Wer London gewinnt, hat einen deutlichen Größenvorteil und für weitere strategische Partnerschaften oder Übernahmen in Europa die besten Argumente in der Hand. Die Konsolidierung gilt schon lange als überfällig. Sie verspricht den Anbietern Skaleneffekte durch höhere Handelsvolumina auf ihren Plattformen. Die Kunden hoffen auf geringere Transaktionskosten und eine höhere Liquidität.

Das kann allerdings noch dauern. Investmentbanker rechnen damit, dass sich die Verhandlungen bis weit ins zweite Quartal 2005 hinziehen. Bisher liegt nur eine informelle Offerte von Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert auf dem Tisch. Sein Bar-Angebot von 1,35 Mrd. Pfund oder knapp 2 Mrd. Euro wurde von der LSE abgewiesen. Jetzt muss Seifert nachbessern und Theodore einen ersten Vorschlag machen.

Der Preis dürfte dabei noch deutlich nach oben getrieben werden. In den vergangenen Tagen notierte die Aktie der LSE bereits bei rund 5,80 Pfund und damit fast zehn Prozent über Seiferts Angebot von 5,30 Pfund je Aktie. Viele Analysten halten schon das jetzige Preisniveau übertrieben, andere trauen zumindest der Deutschen Börse zu, bis zu 6,00 Pfund je Aktie verdauen zu können. Einig sind sich die meisten Marktbeobachter aber, dass es lange dauern dürfte, bevor die Synergien sich tatsächlich auszahlen.

Immerhin: Die deutsche Seite gilt als sehr gut vorbereitet. Seifert hat aus der Pleite von 2000 gelernt, als er - damals vergeblich - versuchte, mit London zu fusionieren. Er hat die Aktionäre der Londoner City mit einer monatelangen Charme-Offensive auf die Übernahme vorbereitet. Und er hat viel Geld gesammelt.

Die Kriegskasse der Euronext ist zwar weniger gut gefüllt. Die Vier-Länder-Börse kann aber auf strategische Vorteile verweisen. Über den Abwickler Clearnet arbeitet sie bereits mit der LSE zusammen.

Seifert hat von Anfang an durchblicken lassen, er wolle die Belange der Marktteilnehmer, vor allem auch der kleineren Broker, berücksichtigen. Deutliche Preissenkungen hat er bereits in Aussicht gestellt. Londoner Finanzkreisen zufolge soll er ihnen die Übernahme auch mit der Aussicht auf Sitze im Aufsichtsgremium und einer teilweisen Verlagerung des Managements nach London schmackhaft gemacht haben. Die Forderungen der Broker gehen allerdings noch einen Schritt weiter. Sie würden es am liebsten sehen, wenn die Börse ihren Sitz komplett nach London verlegt.

Weniger Bedenken scheinen sie dagegen gegen die Abwicklungsstrukturen zu haben. Seifert hält sein eigenes, das so genannte vertikale Modell für überlegen. Dabei gehört der Abwickler, der sich um Clearing und Settlement der Wertpapiertransaktionen kümmert, zum eigenen Haus. Clearstream, zuständig für Abrechnung und Abwicklung, ist eine Tochter der Börse. Dagegen arbeiten London und Paris jeweils mit mehreren externen Anbietern.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich Marktteilnehmer und Regulatoren mit dieser deutschen Lösung anfreunden können. Nicht zu unterschätzen ist schließlich die emotionale Komponente. Auch wenn alle drei Beteiligten börsennotiert sind, werden sie sich nicht frei machen können von den politischen Wünschen ihrer Stammländer.

Lesen Sie Ausblicke auf das Jahr 2005 in der großen Handelsblatt.com-Jahreschronik: >>> weiter...

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