Internationale Harmonisierung ist notwendig
Bilanzdickicht an der Börse

An der deutschen Börse wuchert das Bilanzdickicht. Eine Gemengelage aus US-Standards und deutschen HGB- Vorschriften macht Jahresabschlüsse zunehmend unvergleichbar. Zudem sind viele Unternehmen mit der Erstellung der Bilanz überfordert. "Wir haben jetzt schon ein Chaos. Wenn dann 2005 noch die EU- Richtlinie in Kraft tritt, ist es um die Vergleichbarkeit der Abschlüsse geschehen", kritisiert Wolfgang Ballwieser, Professor für Rechnungslegung an der Münchner Ludwig Maximilians-Universität.

dpa-afx MÜNCHEN. Im Dickicht der Anforderungen haben sich viele Firmen verstrickt. So musste der Vorstand des Medienkonzerns EM.TV im vergangenen Jahr wegen Bilanzierungsfehlern bereits veröffentlichte Zahlen zurücknehmen. Der aktuelle und testierte Jahresbericht kam trotz mehrwöchiger Fristverlängerung fast drei Wochen zu spät. Damit wurde eine Strafe in Höhe von 50 000 ? fällig. "Den jungen, meist mittelständischen Unternehmen am Neuen Markt hängen trotz berechtigter Aktionärsinteressen die Bilanzierungsanforderungen um den Hals wie ein Mühlstein", sagte EM.TV-Vorstand Rolf Rickmeyer.

Die sich zunehmend durchsetzenden amerikanischen Bilanzierungsmaßstäbe wie US-Gaap (Generally Accepted Accounting Principles) und IAS (International Accounting Standards) wurden nie vollständig niedergeschrieben. Vielmehr sind sie eine lose Sammlung, die sich in der Bilanzierungspraxis durchgesetzt hat. "Die Gaap sind sehr vielschichtig und kaum nachzulesen, weil sie vor allem aus dem privaten Wissen einiger Fachleute bestehen", sagte Ballwieser.

Umstellung wird auf die leichte Schulter genommen

Auch die Generalsekretärin des privaten Standardisierungsrates, Liesel Knorr, warnte vor der Komplexität der verschiedenen Standards. "Viele nehmen US-Gaap Regeln oder die Umstellung auf die leichte Schulter", sagte die Expertin. Viele Berichte am Neuen Markt entsprächen nicht den Standards. "Das ist nicht immer böser Wille, sondern meistens können es die Controller einfach nicht besser."

Das Unwissen vieler Controller und Wirtschaftsprüfer und die mangelnde Transparenz alarmieren auch die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "Eine Firma weist bei Mitarbeiterprogrammen die Aktienoptionen als Personalkosten aus, die nächste nicht", kritisiert SdK-Chef Claus Schneider. Die Umstellung von HGB-Maßstäben auf Gaap biete enorme Möglichkeiten für den, der Nebelkerzen werfen wolle.

So verbuchten viele Firmen im Jahresabschluss Umsätze, entsprechende Rechnungen aber erst ein Jahr später. Firmen, die auf Einkaufstour gegangen seien, verschwiegen die entstandenen Abschreibungen, indem sie via Pressemitteilung nur das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) angäben. Beliebt sei auch das Aufpolieren von Jahresüberschüssen durch aufgelöste Rückstellungen. Benachteiligt werde vor allem der Privatanleger, der in das Dickicht von Konzernabschluss, Segmentberichterstattung und Anhang kein Licht bringen könne.

Kontrollbehörde für den Neuen Markt

Einhellige Forderung aller Experten ist daher eine Börsenkontrollbehörde nach dem Vorbild der US-Bundesbehörde SEC (Security Exchange Commission). "Am Neuen Markt passt keiner auf, außer uns", kritisierte der Kleinaktionärvertreter Schneider. Die wenigen Mitarbeiter der Deutschen Börse seien derart überfordert, dass sie Berichte nur noch abzeichneten, aber nicht mehr die langen, komplizierten Anhänge kontrollierten. Auch die Höhe der existierenden Bußgelder wirke nicht disziplinierend. "Was sind denn 50 000 ? für ein börsennotiertes Unternehmen?"

Eine internationale Harmonisierung der Bilanzregeln ist unvermeidlich. "Nationale Alleingänge gehen nicht mehr", räumte Rickmeyer ein. Die Vorteile der US-Standards liegen dabei laut Ballwieser auf der Hand. Die Richtlinien enthalten weniger Wahlmöglichkeiten als das deutsche HGB und sind Anleger orientiert, während das HGB sich eher am Interesse der Gläubiger ausrichtet. Wichtig sei zudem die Ausbildung qualifizierter Wirtschaftsprüfer und Mitarbeiter, sind sich Experten einig. "Eine Tochterfirma bilanziert nach US-Gaap, die nächste nach UK-Gaap, die übernächste nach HGB, und wir stellen unser System um - da muss man erstmal Controller finden, die auf diesem Klavier spielen können", sagte Rickmeyer.

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