Internationale Rolle
Multilateraler Musterknabe

Deutschland hat sich in den vergangenen 60 Jahren von Schmuddelkind zu einer tragenden Säule der internationalen Zusammenarbeit entwickelt.

BERLIN. Die Beschlüsse der Antirassismus-Konferenz der Vereinten Nationen in Genf waren nicht wirklich von großer Tragweite. Dennoch stellte die Konferenz im April einen Einschnitt in der deutschen Außenpolitik dar und bereitete den Diplomaten erhebliches Kopfzerbrechen. Denn nach langer Abwägung verweigerte die Bundesregierung wegen des provokanten Auftritts des iranischen Präsidenten die Teilnahme und schickte nur einen Beobachter nach Genf.

Die Entscheidung fiel der Bundesregierung deshalb so schwer, weil sich Deutschland damit das erste Mal in seiner Zeit als Uno-Mitglied gegen eine Aktivität der von Berlin stark unterstützten Vereinten Nationen gestellt hatte. Bisher galt Deutschland als multilateraler Musterknabe. Und das hat seine Gründe.

Denn als die Bundesrepublik 1949 gegründet wurde, war Deutschland das geächtete Schmuddelkind der internationalen Politik. Verantwortlich für den Zweiten Weltkrieg, besiegt und geteilt von den Alliierten, wurde den Deutschen zunächst keine volle Souveränität zugestanden.

Die Bundesrepublik Deutschland - und die DDR bis 1990 - holten sie sich erst schrittweise zurück. Ein Mittel, wieder zu einem anerkannten und geachteten Mitglied der Weltgemeinschaft zu werden, war dabei das Engagement, sich in internationalen, multilateralen Organisationen zu engagieren – aus Überzeugung und Eigennutz. Denn die Einordnung in multilaterale Verbünde galt und gilt als bester Beweis dafür, dass niemand mehr vor einem Alleingang Deutschlands Angst haben muss. Dazu kam die wachsende Überzeugung, dass sich viele Interessen in einer globalisierten Welt ohnehin nur auf gemeinsamen Plattformen durchsetzen lassen.

Letztlich kann man also die bundesdeutsche Entwicklung in internationalen Organisationen seit 1949 als eine Emanzipationsgeschichte lesen. Ein Beispiel ist die Nato. Die Wiederbewaffnung 1955 ging einher mit der Mitgliedschaft im Nordatlantischen Verteidigungsbündnis – das hatte nicht nur mit dem Kalten Krieg und der Frontstellung zum Warschauer Pakt und der Sowjetunion zu tun (die DDR war 1953 in den Warschauer Pakt eingetreten). Denn gerade den kleinen europäischen Nachbarn konnte mit der Nato-Mitgliedschaft die Angst vor einem erneut bewaffneten Deutschland genommen werden.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Fähigkeit, eine moderne Armee aufzubauen, stieg auch das Ansehen. In den siebziger Jahren wurde mit Manfred Wörner ein Deutscher Nato-Generalsekretär. Und Schritt für Schritt fielen nach dem Ende des Kalten Kriegs auch die Beschränkungen für den Einsatzradius der Bundeswehr und die Schwelle zu Kampfeinsätzen. In Afghanistan gehört die Bundeswehr mittlerweile zu den größten Truppenstellern mit der Sicherheitsverantwortung für den gesamten Norden des Landes.

In den vergangenen Jahren ist der deutsche Einfluss in der Nato sicher zurückgegangen. Aber dies liegt vor allem an der ständigen Erweiterung der Organisation. Zuletzt sank im ohnehin schon großen Klub der 29 Staaten durch die Rückkehr Frankreichs in die militärischen Strukturen der relative Einfluss jedes Staates erneut. Im Verbund mit anderen Kontinentaleuropäern arbeitet die Bundesregierung aber daran, den Einfluss der EU-Staaten insgesamt gegenüber den militärisch übermächtigen USA im Bündnis zu stärken.

Ähnlich verläuft die Entwicklung in der EU. Nach der Gründung in Rom 1967 ist Deutschland zusammen mit Frankreich sicher die treibende Kraft der Integration gewesen – und hat in den neunziger Jahren auch die Osterweiterung vorangetrieben. So wie die Nato-Mitgliedschaft die Ängste vor einem aggressiven Deutschland dämpfte, baute und baut die Einbindung in die EU die Sorge der Nachbarn vor einem industriell übermächtigen Deutschland ab. Grundidee des großen Europäers Jean Monnets war ja gewesen, mit der Montanunion – dem Vorläufer der Europäischen Gemeinschaft (EWG) und dann der EU - gerade den deutsch-französischen Konflikt in den auch militärisch zentralen Bereichen Stahl und Kohle zu entschärfen.

Diese europäische Einbindung hat ermöglicht, dass die Bundesrepublik bis 1990 ohne große Reibungen zur größten westeuropäischen Volkswirtschaft aufgestiegen ist – seit der deutschen Einheit ist sie klar der größte EU-Staat. Deutsche Staatsphilosophie seit Jahrzehnten ist über die Parteigrenzen hinweg, dass ein Mehr an Integration und die teilweise Abgabe an nationaler Souveränität letztlich deutschen Interessen dient – weshalb die Bundesrepublik 1999 auch die geliebte D-Mark aufgab und gemeinsam mit anderen EU-Staaten den Euro als gemeinsame Währung einführte.

Seite 1:

Multilateraler Musterknabe

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%