Internationalisierung im Energiegeschäft gewinnt an Tempo
Europas Strommärkte im Umbruch

Die Liberalisierungsbestrebungen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben in den vergangenen Jahren zu grundlegenden Veränderungen auf dem Strommarkt geführt. Die entscheidende Phase der Neuverteilung der Strommärkte steht noch bevor.

DÜSSELDORF. Mit fortschreitender Deregulierung und Marktöffnung verstärkt sich auch in der europäischen Stromwirtschaft die Internationalisierung. Ursache ist dabei nicht nur der Versuch, zu diversifizieren und neue Märkte mit höheren Wachstumspotenzialen zu erschließen. Um nationale oder regionale Marktdominanz zu vermeiden, müssen sich gerade die großen Unternehmen unter dem Auge der Wettbewerbshüter von Beteiligungen im Inland trennen. Als Anlagealternative für die frei werdenden Mittel verbleiben oft nur Investitionen im Ausland.

Gleichzeitig wurden und werden im Rahmen der Deregulierung die ehemals dominierenden Unternehmen aufgespalten. Um den Wettbewerb im Inland zu intensivieren, werden ausländische Investoren von den Aufsichtsbehörden bei der Übernahme von Unternehmensanteilen häufig gegenüber inländischen Investoren bevorzugt.

Dies ist bislang keineswegs in allen westeuropäischen Ländern gleichermaßen der Fall. Allerdings mehren sich die Anzeichen dafür, dass Unternehmen aus Ländern mit rückständiger Marktöffnung bei ihrer Internationalisierungsstrategie behindert werden. Von ihnen selbst geht daher immer stärkerer Druck auf die heimische Regierung aus, den Inlandsmarkt zu liberalisieren.

Innerhalb Westeuropas sind Regionen mit überdurchschnittlichen Wachstumspotenzialen bei der Stromnachfrage selten. Zudem weisen die meisten westeuropäischen Märkte Überkapazitäten bei der Produktion auf. Eine Ausnahme stellen Länder wie Spanien dar: Da im Vergleich zu den westeuropäischen Partnerländern noch ein gewisser Nachholbedarf besteht, wird dort die Nachfrage nach Strom vergleichsweise kräftig wachsen.

Wichtiger aber sind die Wachstumspotenziale, die sich durch die Verschiebung von Marktanteilen im Zuge der bis 2003 abgeschlossenen Liberalisierung des spanischen Strommarktes ergeben können. Der viertgrößte spanische Stromversorger Hidrocantabrico beispielsweise, um den in den letzten Monaten ein wahrer Bieterwettbewerb entbrannte, konnte im letzten Jahr seinen Stromabsatz um 27 Prozent steigern und damit seinen Marktanteil auf knapp acht Prozent verbessern. Zudem gilt Spanien als Sprungbrett nach Lateinamerika, wo auf Grund des gesamtwirtschaftlichen Nachholbedarfs deutlich höhere Wachstumsraten beim Stromabsatz erwartet werden können als in Westeuropa.

Auch in Osteuropa hat der Beginn der Marktöffnung und Privatisierung zahlreiche ausländische Investoren angelockt. Bislang konzentriert sich das Interesse auf die Reformstaaten: Im Hinblick auf den EU-Beitritt können für diese Länder mittelfristig stabile Wachstumsraten erwartet werden. Zudem zwingt sie der Beitrittsfahrplan zu einer konsequenten Liberalisierungspolitik auch auf den Energiemärkten.

Die Anpassung an westeuropäische Umweltstandards wird in diesen Ländern zwar einerseits zu einer höheren Energieeffizienz der industriellen Produktion führen und damit dämpfend auf die Nachfrage nach Strom wirken. Andererseits macht die Übernahme westlicher Emissionsbestimmungen auch umfangreiche Investitionen in die Erneuerung der lokalen Stromproduktion erforderlich. Auch bei einem Scheitern des Kyoto-Protokolls ist davon auszugehen, dass die EU auf eine deutliche Reduktion der CO2-Emissionen dringen wird.

Insbesondere die ungarische Stromwirtschaft ist frühzeitig auf den Liberalisierungsfahrplan der EU eingeschwenkt und hat eine rasche Privatisierung von Teilen der inländischen Stromversorgung vorangetrieben. Vor allem deutsche Stromkonzerne haben bereits in den 90er-Jahren Mehrheitsbeteiligungen an ungarischen Stromproduzenten erworben. Wie auch in Polen und der Tschechischen Republik ist eine vollständige Marktöffnung bis 2005 geplant.

Doch nicht allein die Wachstumserwartungen für die osteuropäische Stromnachfrage sind Hauptmotiv für das Engagement westeuropäischer Investoren. Da selbst nach einer staatlich erzwungenen Modernisierung der osteuropäischen Kraftwerke die Produktionskosten - etwa aus steuerlichen Gründen - geringer bleiben dürften als in Westeuropa, könnte sich bei einem weiteren Abbau der westeuropäischen Überkapazitäten die "Verlagerung" von Stromproduktionskapazitäten nach Osteuropa lohnen.

Letztendlich müssen sich die internationalen Aktivitäten eines Stromversorgers jedoch immer auch daran messen lassen, inwieweit es durch sie gelingt, die strategischen Kerninteressen des Unternehmens zu unterstützen. Dies gelingt in der Regel erst dann, wenn die Auslandsengagements als integraler Bestandteil einer Kostensenkungsstrategie oder zum Aufbau einer internationalen Wettbewerbsposition genutzt werden.

Reine Portfolio-Investitionen als Verlegenheitslösung für die im Zuge von Konzernaufspaltungen reichlich vorhandenen Mittel sind nur wenig viel versprechend. Die Aktienkurse für europäische Übernahmekandidaten haben mittlerweile häufig ein Niveau erreicht, das eine Übernahme "um jeden Preis" nicht mehr rechtfertigt.

Wer als europäischer Player erfolgreich sein will, wird sich in Zukunft nicht nur an seiner Größe und internationalen Präsenz messen lassen müssen, sondern an seiner Fähigkeit, ein preislich konkurrenzfähiges und europäisch vernetztes Angebot an Versorgungsleistungen bieten zu können. In den Ländern, die auf Grund mangelnder Übertragungskapazitäten nicht direkt vom zentraleuropäischen Stromnetz aus beliefert werden können - neben den überseeischen Ländern sind dies aus deutscher Sicht vor allem die iberische Halbinsel, Großbritannien, Skandinavien sowie die osteuropäischen Staaten außerhalb der Reformstaaten -, ist hierfür eine eigenständige Präsenz erforderlich.

Für die größten Akteure auf dem europäischen Markt wird die Konsolidierung in Europa lediglich ein Zwischenschritt auf dem Weg hin zu einer weltweiten Ausrichtung sein. Insbesondere in den USA ist bereits heute auf Grund der Strommisere in Kalifornien und der damit verbundenen Aktienbaisse bei Versorgertiteln ein günstiger Moment für den Markteinstieg gekommen.

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