Internet als Märchenwelt
Spektakuläre US-Betrugsfälle ärgern Surfer

Früher war alles komplizierter. Für eine gefälschte Identität mussten möglichst echt aussehende Dokumente herbei, außerdem Verkleidungen, angeklebte Bärte oder Perücken, dazu noch eine verstellte Stimme. Heute ist alles viel einfacher: Ein Computer reicht völlig aus.

dpa SEATTLE. Zwei US-Hochstapler wurden jetzt entlarvt, nachdem sie das Internet für besonders spektakuläre Täuschungsmanöver nutzten. Ein Gerichtsverfahren müssen allerdings beide nicht fürchten, da sie nur gelogen, aber nicht gestohlen haben.

Der Tag, an dem die neunzehnjährige Kaycee starb, war ein trauriger Tag für tausende von virtuellen Freunden der bildhübschen Teenagerin. Die junge Frau aus der Kleinstadt Peabody im US-Bundesstaat Kansas hatte zwei Jahre lang in einem Internet-Journal ihre schwere Krankheit beschrieben. Sie leide an Leukämie, manchmal verbringe sie ganze Monate im Krankenhaus, manchmal gehe es ihr so gut, dass sie wieder Basketball spielen könne, schrieb das Mädchen.

Sehr emotionale Beziehung mit einer Fantasiegestalt

Zusammen mit den Berichten aus ihrem Leidens-Leben gab es auch Fotos, von Bildern aus Kaycees Säuglingsjahren bis zum Porträt als Schönheitskönigin ihrer High School. Diese Bilder wurden zusammen mit dem Web-Tagebuch des Mädchens von freiwilligen Helfern als "Kaycee's World" veröffentlicht. Für die Unterstützer der Sterbenden und vielen Leser der scheinbar ganz realen Tragödie kam dann ein doppelter Schock: Kurz nach Kaycees vermeintlichem Tod stellte sich heraus, dass die sterbende Teenagerin eine Erfindung war - "Kaycee's World" entpuppte sich als Märchenwelt.

"Tausende von Menschen ließen sich auf eine sehr emotionale Beziehung mit einer Fantasiegestalt ein", kommentiert die US-Autorin Dianne Lynch den Fall Kaycee. Lynch beschäftigt sich in ihrem Bestseller "Virtual Ethics" mit der Online-Ethik, und sie wundert sich nicht über die Leichtgläubigkeit der Betrogenen. "Ehrenwerte Leute bemühen sich, eine neues Medium für gute Zwecke zu benutzen", sagt Lynch. Leider bleibe dabei oft der gesunde Menschenverstand auf der Strecke.

Die Fans der Kaycee-Autobiografie schickten an die vermeintlich Todkranke Blumen, Stofftiere und tröstende Briefe. Geöffnet und beantwortet wurde diese Post von der Kaycee-Erfinderin, der Hausfrau Debbie Swenson. Sie war in einem Internet-Chatroom als krankes Mädchen aufgetreten und hatte so das Mitleid eines Web-Designers erregt. Er stellte die Website für Kaycee ins Internet, und trat damit eine Lawine los. In Chatrooms und auf weiteren Websites wurde das sterbende Mädchen mit dem unbändigen Lebenswillen zum großen Diskussionsthema.

"Ich bedauere den Schmerz, den ich verursacht habe", sagte Debbie Swenson nach ihrer Entlarvung. Kaycee-Fans waren misstrauisch geworden, als nach dem Tod ihres Idols in keiner einzigen Zeitung in Kansas eine Todesanzeige zu lesen war. Debbie Swenson gestand ihren Betrug, allerdings ohne ihr Motiv zuzugeben. Die zweifache Mutter hatte unter anderem Fotos eines Mädchens aus der Nachbarschaft genutzt und als Aufnahmen von Kaycee ausgegeben.

Angeblich verzweifelt gesucht: der "gorgous guy"

Auch ohne Fotos gelang ein zweiter groß angelegter Betrug, der in den vergangenen Wochen unmittelbar nach dem Fall Kaycee für Aufregung unter Websurfern sorgte. In digitalen Partnerschaftsanzeigen für die Bewohner San Franciscos tauchten plötzlich Dutzende von anonymen Suchbotschaften auf, die alle einem mysteriösen Mann galten: einem fabelhaften Kerl.

Unter dem Stichwort "gorgeous guy" suchten offenbar mehrere Chatroom-Besucherinnen und Besucher nach einem jungen Mann, der ihnen in der Innenstadt San Franciscos über den Weg gelaufen war. Detailliert wurde beschrieben, wie der tolle Typ aussieht, welche Kleidung er trägt, und welchen Bus er benutzt. Mit diesen Angaben konnten dann Zeitungen und Fernsehsender schnell das Ziel der anonymen Fanpost ermitteln, den 29 Jahre alten Dan Baca.

Sogar der Fernsehsender CNN berichtete schließlich über Baca und seine hartnäckigen Verehrerinnen. Baca beschwerte sich vor laufender Kamera über sein neuerdings hartes Schicksal, immerhin werde er ständig an der Bushaltestelle von wildfremden Frauen angesprochen. Ein kalifornischer Journalist entlarvte den "gorgeous guy" schließlich als Betrüger: Die anonymen Botschaften stammten alle aus dem Computer Bacas. Er hatte eine Online-Werbekampagne in eigener Sache gestartet: Baca wollte auf sein Talent als Schauspieler aufmerksam machen.

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