Internet-Apotheken entzweien Pharma-Branche
Konzerne meiden Online-Medizin

Arzneimittelverkauf über Internet ist hier zu Lande noch ein Tabu. Weite Teile der Pharmabranche fürchten, dass das Verbot fällt.

DÜSSELDORF. Die Befürworter des Arzneimittel-Verkaufs über das Internet haben ein Punktsieg errungen. Das Hamburger Landgericht hat eine einstweilige Verfügung aufgehoben, die dem Privatversicherer Deutscher Ring untersagt hatte, Arzneikosten einer Bestellung bei der niederländischen Web-Apotheke DocMorris.com zu übernehmen. Außerdem gestatten die Richter dem Krankenversicherer, Patienten auf diese Bestellmöglichkeit aufmerksam machen (AZ 312 O 775/00 vom 27.2.01). Das Verfahren war vom Abmahnverein "Zentrale gegen die Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs" angestrengt worden.



Dennoch werden sich deutsche Verbraucher gedulden müssen, ehe sie in heimischen Online-Apotheken ordern können. Denn in Hamburg dürfte sich bald die nächsthöhere Gerichts-Instanz mit dem Internet-Verkauf von Medikamenten befassen. Und die niederländische Internet-Apotheke DocMorris und der deutsche Apothekerverein (DAV) wollen ihre juristische Auseinandersetzung bis vor den Europäischen Gerichtshof tragen.



Längst hat der Streit die Politik erreicht. Bundes-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hält das Versandverbot für Arzneimittel für "nicht mehr haltbar." Hinter den Kulissen versucht die Ministerin, die Apotheker für ihre Position zu gewinnen. Doch Pharmazeuten und Großhändler bleiben stur, sie verweisen auf Gesundheitsrisiken und ihre Versorgungpflicht und wollen das Versandverbot kraftvoll verteidigen.



Pharmaindustrie wartet ab



Die Pharmaindustrie wartet ab. Zwar haben viele Konzerne E-Commerce-Arbeitsgruppen eingerichtet, über eigene Vertriebskanäle oder an eine Zusammenarbeit mit herkömmlichen Apotheken wird aber noch längst nicht nachgedacht. Die abwartende Haltung könnte Konsequenzen haben, zumal der Marktanteil deutscher Pharmahersteller auf dem heimischen Markt seit einem Jahrzehnt schwindet. Trotzdem zeigen die Konzerne wenig Interesse: "Wir warten ab, wie sind ist auf den Internet-Vertrieb nicht vorbereitet," sagt ein Sprecher eines deutschen Pharma-Konzerns, der anonym bleiben will. Für den Verband der forschenden Arzneimittelhersteller ist ein Internet-Vertrieb durchaus "denkbar". Doch eine Handelsblatt-Umfrage belegt das insgesamt geringe Interesse und die mangelnde Vorbereitung der Industrie. Vor allem kleinere Unternehmen scheuen die Kosten, die durch den Aufbau neuer Infrastrukturen entstünden. Dass die Einführung des Internet-Vertriebs generell niedrigere Arzneimittelpreise zur Folge hätte, erscheint vielen Konzernen unsicher. "Es ist noch unklar, wie sich die Preise bewegen würden", erklärt die Bayer AG, Leverkusen. Die Hoffmann-La Roche AG, Grenzach, verweist auf die Vorteile der externen Vertriebsabwicklung durch Großhändler. Der Internethandel würde im Konzern für "Verunsicherung" sorgen, heißt es.



Indessen deutet die Erfahrung amerikanischer Netz-Apotheken wie Drugstore.com und Planet Rx auf Vorteile des Internet-Handels hin. Besonderns chronisch Kranke honorieren den Dienst - und der Markt für frei verkäufliche Produkte floriert. Allerdings sperren sich viele Krankenversicherungen noch gegen die Kostenerstattung.



Die Frage der Kostenerstattung dürfte auch in Deutschland zum Zankapfel werden. Derzeit besteht eine doppelte Barriere: Gesetzliche Krankenkassen dürfen keine Arznei-Kosten erstatten, wenn die Apotheke ihren Sitz im Ausland hat - und deutsche Apotheken dürfen keine Medikamente versenden.



Online bis zu 60 % billiger



Die Einsparpotenziale für Verbraucher und Kassen sind jedoch gewaltig, nach Berechnungen von HSBC Securities zählen die Gewinnspannen deutscher Apotheken und Großhändler zu den höchsten in Europa. Verbraucherverbände und Krankenkassen haben eine klare Position: "Arznei ist online bis zu 60 % billiger", erklärt die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände. Die Monheimer Schwarz Pharma AG gehört nicht zu den Skeptikern, sie verfolgt ein E-Commerce-Projekt und verspricht sich viel vom Netz-Vertrieb: "Zwischen Hersteller und Apotheke entsteht ein Preiszuwachs von bis zu 50 %. Bei so unsinnigen Gewinnspannen ist die Verlockung groß, über andere Vertriebswege nachzudenken", sagt Pressesprecher Erich Schröder. Im vergangenen Jahr versuchte der Konzern, die Apotheken erfolglos mit einem Durchblutungsmittel direkt zu beliefern: "Auch bei einem niedrigeren Preis wollten die Apotheker nicht mit einer neuen Vertriebsschiene belästigt werden", sagt Schröder. Trotzdem ist er überzeugt, dass sich das Internet durchsetzt: "Die EU wird zu Gunsten des Online-Vertriebs entscheiden, Deutschland muss sich dann anpassen - und wir sind sofort dabei."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%