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Internet-Auktion von Mietwohnungen stiftet Unfrieden

Frankfurt/Main (dpa) - Seinen Nachbarn will der neue Mieter erst mal nicht erzählen, was er für die Wohnung in der Kasseler Nordstadt zahlt. Einen Euro Kaltmiete pro Quadratmeter überweist der Verwaltungsangestellte an die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Kassel (GWG) und ihm schwant: «Da würde schon schnell Neid aufkommen.»

Frankfurt/Main (dpa) - Seinen Nachbarn will der neue Mieter erst mal nicht erzählen, was er für die Wohnung in der Kasseler Nordstadt zahlt. Einen Euro Kaltmiete pro Quadratmeter überweist der Verwaltungsangestellte an die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Kassel (GWG) und ihm schwant: «Da würde schon schnell Neid aufkommen.»

Acht Wohnungen hat die GWG im strukturschwachen Nordhessen bislang über das Internet-Auktionshaus ebay losgeschlagen und dabei neben jeder Menge wohlwollender Publicity auch einiges an Kritik eingesteckt.

Gerade mal 17,50 Euro Kaltmiete im Monat muss der erste Nutznießer des Verfahrens im Monat für seine Studentenbude zahlen, mit den Nebenausgaben kostet die Dreizimmerwohnung in Uni-Nähe 125 Euro. GWG- Chef Peter Ley sieht seine Strategie als erfolgreich an: «Die Ersteigerungspreise nähern sich schrittweise dem regulären Mietpreis.» 88 Prozent der regulären Miete seien schon erzielt worden, die Tendenz stimme.

Seit etwa fünf Jahren, erzählt Sven Göbel, Chef einer großen Hausverwaltung, ist Kassel ein absoluter Mietermarkt. Mehr als 3000 Wohnungen stünden leer, die großen Wohnungsgesellschaften bekommen ihre Blöcke aus den 50er- und 60er Jahren nicht mehr voll. Daher locken sie mit mietfreien Anfangsmonaten oder Premiere-Abos. Manche Wohnungen seien nicht einmal mehr für drei Euro den Quadratmeter zu vermieten, sagt Göbel. «Wir arbeiten am unteren Limit und haben eigentlich schon das Niveau der östlichen Bundesländer erreicht.»

In dieser Situation, sagt die Kasseler Maklerin Gabriele Velke, sei die Auktionsidee der GWG «ein Super-Werbegag» gewesen. Dass sich mit den Internet-Schnäppchen langfristig am Leerstand etwas ändern könnte, erwartet sie nicht. Die Unternehmen würden in Zukunft bevorzugt ihre «Ladenhüter» ins Netz stellen, ein bedeutender Vertriebsweg werde daraus aber wohl nicht.

Der Kasseler Mieterbund fürchtet um den sozialen Frieden, wenn die Alteingesessenen deutlich mehr für die gleiche Wohnung zahlen müssen als die ebay-Kundigen. Erste Mieter hätten sich erkundigt, ob sie ihrerseits die Miete senken könnten, sagt Vize-Vorsitzender Eberhard Fischer. Wenn dies nicht möglich sei, zögen mit den neuen Mietern gleich Neid und Missgunst ein. «Das kann eine Mieterfeindschaft in Gang setzen.»

Die wichtigen Verbände der Wohnungsindustrie bezweifeln, dass sich das GWG-Modell auch in anderen Regionen abseits der Ballungsräume durchsetzt. «Das ist kein Mittel gegen Leerstände, wenn es strukturelle Probleme gibt», sagt Alexander Rychter vom Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen in Berlin. Mit einer gewissen Verzögerung erreichten die aus ostdeutschen Plattenbausiedlungen bekannten Probleme auch westdeutsche Großsiedlungen, für die sich ebenfalls immer weniger Mieter fänden. «Ohne Zukunft nützen auch günstige Mieten nichts.»

Dann helfe nur städtebaulich und planungsrechtlich verträglicher Rückbau, sprich Abriss. Dumping-Aktionen könnten hingegen «gesunde Bestände ins Rutschen bringen», die dann nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben wären, warnt Rychter. Beim Bundesverband Deutscher Wohnungsunternehmen ist man ebenfalls skeptisch. Eine Mietwohnung sei eben kein Produkt, das sich wie ein Handy versteigern lasse, sagt Verbandssprecher Manfred Neuhöfer.

«Auktionen ergeben in der Regel einen realen Marktpreis», kontert ebay-Sprecher Nerses Chopurian. Auf dem virtuellen Marktplatz finde man viele Arten von Verträgen. Meist gehe es aber um Handys oder Leasingverträge, um Mietwohnungen noch ganz selten. Ebay achte lediglich darauf, dass alle relevanten Informationen über eine Wohnung im Angebot enthalten seien. Auch die GWG habe Lehrgeld zahlen und genauere Angaben zu ihren ersten Offerten machen müssen. Sie will ihre Auktionen fortsetzen.

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