Internet könnte TV den Rang ablaufen
Fußball-WM: Viele Firmen verbieten Fernsehen am Arbeitsplatz

Zum ersten Mal werden wichtige Spiele der Fußball-WM während der Arbeitszeit übertragen. Die Unternehmen wollen, dass die Mitarbeiter schuften - doch die wollen gucken. Der Konflikt ist programmiert.
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DÜSSELDORF. René Sgraja ist Überzeugungstäter. Bundesliga, Uefacup, Championsleague - der Mann nimmt alles mit. Und sagt Sätze wie "Der Ball muss rollen". Außerst ungern lässt sich der 28-jährige Hamburger bei Fußballübertragungen stören. "Klar, ich will die Tore sehen." Kann er auch, denn Sgraja hat einen verständnisvollen Chef. Der toleriert sogar den Deutschland-Schal, mit dem der Marktforscher der Hamburger Ipsos Deutschland GmbH am fünften Juni im Büro aufkreuzen will. An diesem Tag spielt Deutschland in der Weltmeisterschafts-Vorrunde gegen Irland - und Sgraja ist live am Bildschirm dabei. Um 13.30 Uhr. Im Büro. Während der Arbeitszeit.

Ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung hat allerdings nicht so viel Glück wie Sgraja und wird in fußballfreien Büros und Produktionshallen auf den Nationen-Kick verzichten müssen. Erstmals sind bei einer Fußball-Weltmeisterschaft wegen der Zeitverschiebung einige Spiele der Vorrunde, des Achtelfinales und beide Halbfinal-Begegnungen werktags morgens oder am frühen Nachmittag live zu sehen. Erstmals kann Sportschau-Dinosaurier Heribert Faßbender seine Begrüßungsformel "Guten Abend allerseits" nicht unters Volk streuen. Und erstmals müssen sich die Angestellten und Arbeiter entscheiden: Entweder Aktenberge abtragen oder Zweikämpfe verfolgen, entweder den Auftrag beenden oder mit Rudi Völler über Tore jubeln. Der Konflikt ist programmiert.

Führungskräfte beachten die WM kaum

Die Prioritäten der deutschen Manager sind klar. Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der WirtschaftsWoche unter 500 deutschen Unternehmen, schenken der WM kaum Beachtung. Fast 71 Prozent der befragten Firmen glauben, dass das Interesse der Belegschaft an der Fußball-WM weniger groß oder gering ist. Die große Mehrheit von 84 Prozent verbietet den Mitarbeitern ausdrücklich, die Spiele zu verfolgen. Das Credo aus den Chefetagen: "Wer gucken will, muss Urlaub nehmen."

Bei der Bayer AG beispielsweise, mit Bayer 04 Leverkusen immerhin Besitzerin eines der zurzeit erfolgreichsten deutschen Fußballclubs, gibt es keine Ausnahmen: "Wir arbeiten in laufenden Prozessen, die können nicht mal eben angehalten werden. Und das Internet darf nur für dienstliche Zwecke genutzt werden", so die klare Ansage von Meinolf Sprink, dem Sportbeauftragten der Bayer AG. Auch der Volkswagen-Konzern, Sponsor des Bundesligisten VfL Wolfsburg, duldet keine Sonderregeln. Sprecher Kurt Rippholz: "Keine Ausnahmen für Fußballfans." Gleiches gilt für den Branchen-Kontrahenten Ford aus Köln oder die Dresdner Bank - der Geschäftsbetrieb läuft normal weiter.

Wenn sie sich da mal nicht täuschen: Immerhin geben 33 Prozent der Teilnehmer einer Internetumfrage des Jobvermittlers monster.de zu, ein paar Tage blau machen zu wollen, um bei Bier und Chips Rudi Völlers Team zum Sieg zu brüllen.

"Krankmeldungen werden zunehmen"

Das bestätigt auch der Freiburger Psychologie-Professor Heinz Schüpbach: Sind die Arbeitszeiten und der Chef nicht flexibel, bleibt dem Fan nur noch der Gang zum Hausarzt: "Die Krankmeldungen werden an diesen Tagen zunehmen." Dabei "wollen die Mitarbeiter ihr Unternehmen nicht betrügen. Betriebspsychologisch ist es sinnvoller, die Leute selber entscheiden zu lassen", so Schüpbach. Deshalb machten auch Fußballverbote wenig Sinn: "Die Leute gucken nämlich trotzdem", sagt der Freiburger Professor, "oder besorgen sich die Informationen aus dem Internet."

Reinen Zweckoptimismus bescheinigt Jo Groebel, Chef des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf, den Unternehmen: "Es ist Wunschdenken, dass sich angeblich so wenige Beschäftige für die WM interessieren." Selbst wenn die Deutschen früh aus dem Turnier gekickt würden, sei das Interesse immer noch "riesengroß", sagt Groebel. Der Zuschauer suche sich dann eine neue Lieblingsmannschaft und verfolge das Turnier weiter. "Gerade am Arbeitsplatz wird doch am meisten über Fußball diskutiert. Schon allein deshalb haben die Mitarbeiter ein großes Informationsinteresse, um mitreden zu können", sagt Groebel. Doch Deutschlands Manager bleiben cool. Etwa 96 Prozent der Unternehmen rechnet nicht mit Produktivitätseinbrüchen während der WM - ergab die WirtschaftsWoche-Umfrage.

Auf leisen Sohlen wird das größte Sportspektakel des Jahres dennoch nicht an den Unternehmen vorbeischleichen. Nicht nur die Deutschen, auch die hierzulande arbeitenden Türken, Spanier, Italiener oder Portugiesen wollen unbedingt wissen, was ihre Mannschaften mit dem Ball anstellen. Hinter vorgehaltener Hand geben einige Unternehmer zu, dass in ihrem Betrieb kein Mensch an Arbeit denkt, wenn Fußball läuft. Verbot hin oder her: "Schon jetzt stecken die Fans die Köpfe zusammen und basteln an geheimen Plänen, um den Chef auszutricksen", sagt ein Unternehmenssprecher, der nicht genannt werden möchte.

Dankbar schaltet sich in Wahlkampfzeiten die deutsche Politprominenz in den Konflikt ein. Via Boulevardpresse ließ der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck verkünden: "Den Arbeitgebern muss etwas einfallen." Als Fußballfan wisse er, wie sehr es einen fuchse, wenn man ein schönes Spiel verpasse. Jürgen Möllemann, Fußballfan, Aufsichtsratsmitglied beim FC Schalke 04 und liberaler Landespolitiker, sieht hingegen keinen Handlungsbedarf: "Die Betriebe und Arbeitnehmer sollten versuchen, einvernehmliche Lösungen zu verhindern. Die Politik aber muss sich da raushalten."

Die erste Internet-WM?

Die Zeitverschiebung sorgt auch in der Medienwelt für veränderte Koordinaten. Erstmals könnte das Internet dem Leitmedium Fernsehen ernsthafte Konkurrenz machen. "Wir rechnen mit einer Internet-WM", sagt Alexander Wagner, Redaktionsleiter von Kicker Online. "Die Tageszeitungen erscheinen 24 Stunden später und einen Fernseher hat auch nicht jeder auf dem Schreibtisch stehen." Mit Hilfe der so genannten Liveticker sind die Fans zeitlich ganz nah dran am Geschehen. "Fußballfans mit einem Internetanschluss im Büro werden den auch nutzen, um aktuelle Informationen aus dem Web abzurufen", so Wagner. Oder klemmen sich - ganz konventionell - ans Radio.

Offizielle Internet-Livebilder sucht der Surfer vergebens. Nur Yahoo bietet in Zusammenarbeit mit dem Fußballweltverband Fifa vierminütige Zusammenschnitte der Spiele. Allerdings zwei Stunden nach Abpfiff. Der Dienst kostet 22 Euro und spornt derzeit Internethacker an, dem "Daumenkino zu Champagnerpreisen" (O-Ton in den Diskussionsforen) mit kostenlosen und illegalen Mitschnitten Konkurrenz zu machen.

Dass aber eifrige WM-Surfer deutlich höhere Providing-Kosten verursachen, bezweifelt Manfred Breul von Bitkom, dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien. Ein Zusammenbrechen der Netzwerke sei aufgrund der geringen Datenmengen für Audio- und Bildübertragungen nicht zu erwarten. "Ob die Mitarbeiter im Internet Moorhühner jagen, Filmtrailer herunterladen oder die WM verfolgen, spielt eigentlich keine Rolle", so Breul. "Allerdings bleibt es ein Missbrauch der Firmeninfrastruktur."

Im schlimmsten Fall kassiert der Moorhuhnjäger oder WM-Surfer sogar die Kündigung, wenn das nicht-dienstliche Surfen generell in dem jeweiligen Unternehmen verboten ist. Ein kurzer fußballerischer Überschwang der Gefühle reicht allerdings noch nicht für den Rausschmiss: Rennen die Fußballfans nach einem Sieg ihres Teams freudentaumelnd aus dem Büro, um spontan ein paar Runden um den Block zu drehen, gilt das als verzeihlich. Aber auch ein noch so glorioses 10:0 befreit nicht von der Abmeldepflicht.

Produktivitätsloch ist Mentalitätsfrage

Ob Sportereignisse wie die WM eine ganze Nation in ein Produktivitätsloch stürzen, ist letztlich eine Mentalitätsfrage. Die Horrorszenarien für Arbeitgeber, die sich während der WM 1970 bei den legendären Spielen Deutschland-Italien (Halbfinale, 3:4) oder Brasilien-Italien (Finale, 4:1) abspielten, sind im pflichtbewussten und strebsamen Deutschland nicht zu erwarten. Damals hatte sich ein großer Teil der Nachtschicht-Arbeiter von Alfa Romeo krankgemeldet - die Arbeiter wollten unbedingt Fußball gucken.

Professor Gert Wagner vom DIW in Berlin wurmt an der ganzen WM, dass er beim Fußballgucken am helllichten Tag auf ein Bier verzichten muss: "Die Übertragungszeiten sind unglücklich - aber die Deutschen schaffen es sowieso nur bis ins Viertelfinale." Mit anderen Prognosen ist er vorsichtiger: "Ich erwarte keinen messbaren Produktionsausfall durch Krankmeldungen oder abgelenkte Mitarbeiter", sagt der Arbeitsmarktforscher. "Die Auswirkungen werden gering sein - das lässt sich nicht quantifizieren."

Fragt man allerdings die Fans selbst, ergibt sich ein anderes Bild. Nach einer Umfrage von 4thegame.com, der Internetseite von Barclaycard Premiership, wollen zumindest 40 Prozent der über 15 Millionen Fußballfans in Großbritannien an den Spieltagen Englands krankfeiern. Für die Unternehmen bedeutet das allein in der ersten Runde Kosten in Höhe von 1,2 Milliarden Pfund, behauptet das Kreditkartenunternehmen Barclaycard. Die britische Handelsministerin Patricia Hewitt empfiehlt den Unternehmen sogar, den Mitarbeitern die Gelegenheit zum Fußballgucken zu bieten. "Das letzte, was ich will, ist dass die gesamte Belegschaft blau macht", sagt die Ministerin. Vermutlich wird die arbeitende Bevölkerung ohnehin blau: In der Wiege des Fußballs dürfen die Pubs während der Spiele in Asien ausnahmsweise schon vormittags ihre Pforten und Zapfhähne öffnen.

In Spanien und Portugal brauchen die Unternehmen gegen das Fußballfieber gar nicht erst anzukämpfen - an ein WM-Verbot hält sich kein Mensch. Wenn auch die traditionell langen Pausen zeitlich nicht mit den angesetzten Spielen harmonieren, "wird das in Spanien niemanden abhalten, sein Nationalteam zu sehen", sagt der spanische Nationaltrainer José Antonio Camacho. Noch weiter südlich hat der Fußballgott einen "heiligen Monat" geschaffen: Während der WM ist das öffentliche Leben in Brasilien auf stand-by geschaltet. Zwar ist das Team nach Meinung vieler Brasilianer nicht so stark wie in den vergangenen Jahren. Trotzdem klebt die Nation vor den Bildschirmen. Die verlorene Arbeitszeit soll nachgeholt werden.

Ganz andere Sorgen hatten da die Fußballfans der Delta Lloyd Deutschland AG in Wiesbaden, der deutschen Tochter des niederländischen Lebensversicherers Delta Lloyd NV. Der niederländische Vorstand hatte darüber zu befinden, ob für die Mitarbeiter der Ball im Fernsehen rollt oder nicht. Das Problem: Die Niederlande sind nicht nur der fußballerische Erzfeind der Deutschen, sondern zur Schmach der niederländischen Fans nicht mal für die WM qualifiziert. Die Vorständler jedoch bewiesen Sportsgeist - jetzt darf auf einer großen Leinwand geguckt werden.

Die steht auch für die SAP-Mitarbeiter in der Walldorfer Unternehmenskantine bereit. Wichtige Spiele sollen dort zu sehen sein - wenn es die Arbeitssituation erlaubt. "Wir arbeiten kunden- und projektbezogen, bei uns gibt es keine Kernarbeitszeiten. Wenn fußballinteressierte Mitarbeiter keine wichtigen Termine haben und das Pensum trotz Fußball bewältigt wird, geht das in Ordnung", so Pressesprecher Markus Berner. Fußball hat Tradition bei den Walldorfer Software-Entwicklern. SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, jetziger Aufsichtsvorsitzender und einer der reichsten Männer des Landes, sponsert den Sport nach Kräften. Für seinen Heimatverein TSG Hoffenheim hat er früher selbst das Fußballtrikot übergestreift. Jetzt steht in dem kleinem Dorf im Kraichgau ein nagelneues Stadion, das seinen Namen trägt.

Die Chance, sich ausgewählte Spiele anzuschauen, bietet auch der Autobauer DaimlerChrysler seinen Mitarbeitern. Im Pausenbereich stehen Fernsehgeräte, auf denen nach Absprache mit den Teamleitern ausgewählte Spiele live verfolgt werden können. In der Konzernzentrale in Möhringen wird eine Ausstellung mit den besten Sportfotos des Jahres zu sehen sein. Und die Internet-Sportseite des Konzerns versorgt die Öffentlichkeit wie Mitarbeiter mit aktuellen Spielständen. Damit sich die Leute auch bewegen, hat die Betriebssportgruppe Fußballturniere organisiert.

Fußball-Sause für die Mitarbeiter

Adidas-Salomon lässt sich ebenfalls nicht lumpen. Der Sportartikel-Hersteller aus Herzogenaurach kreiert für die 1 400 Köpfe zählende deutsche Belegschaft eine ganz besondere Fußball-Sause. Auf einer Großbildleinwand werden die wichtigen Spiele gemeinsam angeschaut, im Rahmen eines Bonusprogramms flattern ausgewählten Mitarbeitern WM-Tickets ins Haus - Reise und Hotel inklusive. Im Firmennetz ermittelt Adidas den besten Tipper, auf dem hauseigenen Sportplatz veranstaltet das Unternehmen ebenfalls ein Fußball-Turnier. "Wir fiebern der WM entgegen", sagt Unternehmenssprecher Jan Runau.

Einige Unternehmen bevorzugen ein kooperatives Modell: Wenn es die Arbeitssituation zulässt, darf nach Absprache mit dem Chef Fußball geguckt werden. Die flexible Arbeitszeitregelung macht dies möglich. Die Frankfurter MG Technologies AG wendet ein Arbeitszeitmodell an, das den Mitarbeitern erlaubt, die Arbeit für private Gründe zu unterbrechen - zum Beispiel für ein Fußballspiel.

Manchmal zieht auch die ganze Firma zu einem Kollegen ins heimische Wohnzimmer: Die Belegschaft der Cyrano Kommunikation GmbH, einer PR-Agentur aus Münster, will gemeinschaftlich in der Wohnung des Chefgrafikers die deutschen Kicker zum Sieg jubeln. "Wir müssen aber noch knobeln, wer in der Agentur das Telefon bewacht", sagt Geschäftsführer Alexander Springensguth. Hätte die Agentur zu diesem Zeitpunkt einen Rohrbruch, bräuchten sie bei dem Münsteraner Installateur Andreas Koch gar nicht erst anrufen: "Da geht bei mir gar nichts - wir machen eine verlängerte Fußball-Mittagspause."

Es gibt sie also, die fußballfreundlichen Unternehmen. Die meisten jedoch geben sich bedeckt, fürchten als faul und unproduktiv stigmatisiert zu werden. Glaubt man dem Freizeitforscher und Psychologen Albert Gebert, ist die Angst vor einem schlechten Ruf unbegründet, in diesem konkreten Fall sogar kontraktproduktiv. "Wenn die Firma Verständnis für die Interessen ihrer Mitarbeiter zeigt, reißen die sich freiwillig und hochmotiviert sechs Beine aus, um das Versäumte nachzuholen." Der Arbeitsausfall werde überkompensiert - das Unternehmen mache Gewinne und leiste obendrein einen konstruktiven Beitrag zum Betriebsklima. "Das ist besser als jede Weihnachtsfeier."

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