Internet soll Gemeinschaftserlebnis fördern
Leipzig wird Mekka der Computerspieler

Die Computer- und Videospiele-Branche, deren Geräte früher abschätzig "Daddelkisten" genannt wurden, hat sich Leipzig als Wallfahrtsort ausgesucht, und die Stadtväter beginnen zu ahnen, dass sie einen guten Fang gemacht haben.

LEIPZIG. Schon auf dem Bahnhof begrüßt die Reisenden ein schrilles, überdimensionales Poster: "Hier ist die Games Convention." Leipzig freundet sich langsam mit seinem jüngsten Messe-Kind an. Die Zahl der Besucher könnte diesmal die Einhunderttausend streifen, hoffen die Veranstalter, 80 000 kamen im Vorjahr.

Zum zweiten Mal findet im neuen Messegelände die Leistungsschau der digitalen Unterhaltungselektronik statt. Größer, schöner, bunter, ist das Motto der vom 21.8. bis 24.8. dauernden Produktschau. Von Sony über Nintendo, Buena Vista (Disney), Microsoft und Electronic Arts bis zu Nokia sind alle Großen der Branche vertreten. Gegenüber dem ersten Jahr stieg die Ausstellerzahl um 20 % auf 207 aus elf Ländern, die auf 40 000 Quadratmetern (plus 30 %) ihre Produkte und Services zeigen.

Im Vordergrund steht das Bemühen der Branche, aus dem sozialen Abseits herauszukommen. Noch immer hängt den Videospielkonsolen wie Playstation, Gameboy und X-Box oft ein Ruf zwischen albernem Zeitvertreib für Kinder und gefährlichem Ballerwahnsinn an. Die Akzeptanz steigt nur langsam. Nach vorläufigen Zahlen stieg der Umsatz mit Unterhaltungssoftware im ersten Halbjahr um 8,5 % gegenüber dem ersten Halbjahr 2002. Im Gesamtjahr 2002 wurde in Deutschland für 1,4 Mrd. Euro Unterhaltungssoftware gekauft. Über den Hardwarebereich lagen keine Zahlen vor, hier dürfte es aber schlechter aussehen. Seit längerem fällt Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zurück.

Die Branchenriesen setzen bei ihrer Sympathiekampagne auf das Internet und die Vernetzung von Spielern und Spielegeräten. Dadurch soll die soziale Komponente und das Gemeinschaftserlebnis herausgestrichen werden. Sony etwa ersetzt seinen Werbespruch "The third place" - Sony-Manager Manfred Gerdes sagt als Begründung: "Den hat sowieso niemand verstanden." Künftig wirbt der Hersteller der Playstation 2 (PS2) mit dem Slogan "Fun, anyone?". Das als Party-Gag gedachte Eye Toy - eine Zusatzhardware zur PS2, bei der die Spieler durch eine Webkamera mit ins Spielgeschehen einbezogen werden - verkaufte sich besser als geplant: über 100 000 Stück in vier Wochen in Deutschland, die Viertelmillion soll bis Jahresende erreicht sein. Weltweit wurden bislang rund 45 Millionen PS2 verkauft.

Konkurrent Microsoft setzt auch auf die Internet-Karte. In Leipzig werden von fünf Satelliten-Ständen aus Videospielwettbewerbe live auf eine Großleinwand im Hauptstand übertragen. Über 500 000 X-Box-live Kunden gibt es inzwischen weltweit, sagt Hans Stettmeier, Chef der X-Box-Division Deutschland. Ab Jahresende sollen X-Box-Internetspieler dann mit dem Internet-Spieledienst auch SMS versenden können - der Gemeinschaftsgedanke wird groß geschrieben.

SMS aus der X-Box? Solche Pläne bestätigen Herausforderer Nokia in seinem Engagement in dieser jungen Branche. Durch die Übernahme der Online-Technik des Sega-Konzerns (siehe nebenstehenden Artikel) werde es "noch vor Weihnachten möglich, eine komplette Spiele-Community aufzubauen", sagt Nokia-Manager Stefan Lampinen. Neben dem Mobilfunkhandel Handel soll die "N-Gage" genannte Handy-Konsole (349 Euro ohne Mobilfunkvertrag) auch von den Netzprovidern T-Online, O2 und E-Plus angeboten werden.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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