Archiv
Internet verführt zu wildem Aktionismus

Auch wenn sie oft unterschiedlicher Meinung sind, beim Thema Internet ziehen die Manager aus der Wirtschaft und die Politiker - egal welcher Parteien - an einem Strang. Das Ziel: Möglichst schnell möglichst viele Menschen ins Internet zu bringen. Die Nation muss internettauglich werden.

Die Akteure wollen so das Geschäft im weltweiten Datennetz puschen. Sind sich doch alle Marktanalysten einig: Das Wirtschaftswachstum kommt aus dem Web. Und da wollen alle Länder vorn sein. Im weltweiten Ranking ist die Anzahl der User wichtig und die kann nur steigen, wenn man den Umgang mit dem Computer früh übt - schon in der Schule. Da ist es zunächst einmal unwichtig, wie das Internet in den Unterricht eingebunden wird, Hauptsache: in jedem Klassenraum steht ein Online-PC. Bedenken werden nicht zugelassen, wer Probleme sieht, wird als altmodisch und unflexibel abgestempelt.

Es scheint, das schnelllebige Internet verleite gerade dazu, Panikstimmung zu verbreitet und wilden Aktionismus auszulösen, anstatt über vernünftige Konzepte nachzudenken. Als die Initiative "Schulen ans Netz" 1996 ins Leben gerufen worden ist, hätte man damit beginnen müssen, Konzepte für die Einbindung des Computers und Internets in den Unterricht zu entwickeln und Lehrer auszubilden. In dieser Richtung ist fast nicht geschehen.

Auch die D21-Initative, die gemeinsam von einer Vielzahl von Computer- und Kommunikationsfirmen unter der Schirmherrschaft von Kanzler Schröder Ende vergangenen Jahres gegründet wurde, musste jetzt zugeben, ihre Ziele zu hoch gesteckt zu haben. Bis Ende 2001 wollte die Initiative durch privates Sponsoring 20 000 Internet-Klassenzimmer einrichten. Doch bislang konnten sich erst 105 Schulen über neue Computer-Klassenräume freuen.

Der Plan, rund 20 000 Mitarbeiter aus den Unternehmen in die Schulen zu schicken, um Lehrern und Schülern den Umgang mit dem Internet schmackhaft zu machen, ist ebenfalls gescheitert. Nur etwa 1 700 Computerfachleute haben sich für diese Missionsarbeit gemeldet. Die meisten der freiwilligen Helfer sind nur wenige Male in den Unterricht gegangen - wahrscheinlich, weil sie im Umgang mit den Schülern nicht geübt sind und überfordert waren.

Diese Beispiele zeigen: das Bildungssystem lässt sich nicht mit der Brechstange reformieren. Es muss grundlegend über eine Reform nachgedacht werden, wenn die vielen einzelnen Aktionen nicht ins Leere laufen sollen - und das möglichst schnell. Sonst sind die Computer in den Klassenzimmern veraltet, wenn endlich das Multimediazeitalter in den Schulen Einzug hält.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%