Interventionen in Sicht
Jagd auf den Euro

Die europäische Gemeinschaftswährung ist an den internationalen Devisenmärkten massiv unter Druck geraten. Am Freitag notierte der Euro zeitweise bei 0,8346 Dollar. Das war der niedrigste Wert in diesem Jahr.

dpa FRANKFURT/M. Die europäische Gemeinschaftswährung ist an den internationalen Devisenmärkten massiv unter Druck geraten. Am Freitag notierte der Euro zeitweise bei 0,8346 Dollar. Das war der niedrigste Wert in diesem Jahr. Sogar ein Durchbruch unter das historische Tief von 0,8230 Dollar im Oktober 2000 schien nicht mehr ausgeschlossen. "Nach der letzten Zinssenkung der amerikanischen Notenbank am 27. Juni hat eine regelrechte Jagd auf den Euro eingesetzt", hieß es im Frankfurter Devisenhandel. Im Tagesverlauf konnte sich der Euro allerdings wieder leicht festigen.

Über die Ursachen der akuten Euro-Schwäche herrscht bei den Geldprofis weitgehend Übereinstimmung: "Die Akteure an den Finanzmärkten trauen der US-Wirtschaft eher zu, wieder rasch aus dem Konjunkturtief zu kommen", beschrieb Devisenhändler Folker Hellmeyer von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) die allgemeine Einschätzung. Neben einem steilen Anstieg des amerikanischen Stimmungsindikators für das Dienstleistungsgewerbe sieht Hellmeyer in der vorgezogenen Steuererleichterung von 50 Mrd. Dollar ein weiteres Indiz für die berechtigten Wachstumshoffnungen in den USA. "Das wird den Konsum ankurbeln."

Für Ernst Pullmann von der Deka-Bank hat der Euro mittlerweile ein "gefährliches Niveau" erreicht. Bereits am Donnerstagabend seien im Devisenhandel bei Kursen von 0,84 Dollar erhebliche Euro-Positionen abgebaut worden, um weitere Verluste zu vermeiden. Klassische Indikatoren wie die positive Zinsdifferenz zwischen Euroland und den USA spielten derzeit keine Rolle.

Psychologie beherrscht die Szene

"Die Psychologie beherrscht derzeit die Szene", lautet das Fazit von Hellmeyer. Dabei komme auch die Europäische Zentralbank (EZB) nicht gut weg. Für die Finanzmärkte starre sie zu sehr auf das Ziel Preisstabilität und zu wenig auf die Konjunktur und das Zinsniveau. Darüber hinaus belasteten Kapitalströme von Europa nach Nordamerika den Eurokurs, zumal über die Schweiz erhebliche Bargeldbestände von D-Mark in Dollar wanderten. Dahinter werden auch Schwarzgelder aus illegalen Geschäften in Osteuropa und Russland vermutet.

Sollte der Euro in der kommenden Woche tatsächlich - wie von einigen Devisenhändlern befürchtet - unter die Schwelle von 0,80 Dollar rutschen, käme die EZB in arge Bedrängnis. Um den Inflationsimport vor allem über die ohnehin hohen Ölpreise zu stoppen, müsste sie mit Interventionen ihre noch junge Währung stabilisieren. Interventionen ohne begleitende Zinserhöhungen drohen aber leicht zu verpuffen. Angesichts der starken Konjunkturabkühlung in Europa wäre eine Leitzinserhöhung auch kaum zu vermitteln.

In dieser prekären Lage befindet sich derzeit Schweden, das nicht der Eurozone angehört. Nach Interventionen zur Stützung des Kronen- Kurses musste die schwedische Reichsbank am Freitag auch noch ihren wichtigsten Leitzins um 0,25 auf 4,25 Prozent anheben, obwohl die Konjunktur der Nordeuropäer eher eine Lockerung der Zinspolitik nötig hätte.

Für die deutsche Konjunktur zeichnen sich aus dem Ursachengeflecht der Euro-Schwäche auch günstige Perspektiven ab. Sollte die US- Wirtschaft ihr Tief rasch verlassen, könnte dies zusätzliche Exportchancen für die deutsche Industrie eröffnen. Die Ausfuhr ist mit einem erwarteten Zuwachs von 7 Prozent in diesem Jahr ohnehin die entscheidende Konjunkturlokomotive, nachdem die Hoffnung auf den privaten Konsum in gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreisen versandete.

Umsatz- und Gewinnpuffer

Bei der Automobilindustrie ist der schwache Eurokurs vor allem im Nordamerika-Geschäft mittlerweile zum entscheidenden Umsatz- und Gewinnpuffer als Ausgleich für den nachlassenden Inlandsabsatz geworden. Auf dem wichtigsten Auslandsmarkt USA konnten die deutschen Hersteller im ersten Halbjahr sogar teilweise Rekordverkäufe verbuchen. Dabei sorgt der hohe Dollarkurs für kräftige Gewinne in den deutschen Bilanzen.

Auch der wieder belebte Auftragseingang in der deutschen Industrie wird ausschließlich vom guten Auslandsgeschäft gespeist. Vor allem Großaufträge hatten im Mai nach Monaten rückläufiger Tendenz zu einem Anstieg der Bestellungen um 4,4 Prozent geführt. Dabei verbesserten sich die Exportaufträge um 9 Prozent, im Inland kam lediglich ein Plus von 1,0 Prozent zu Stande. Der gedrückte Eurokurs bildet somit ein wichtiges Schmiermittel, um die aktuelle Flaute auch hier zu Lande leichter überwinden zu können.

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