Interview
"Es droht das Phänomen des Kämpfertourismus"

Herbert Landolin Müller, Terrorismusforscher und Islamwissenschaftler vom Baden-Württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz, sieht die Gefahr, dass die Radikalisierung von Muslimen nach dem Irak-Krieg zunehmen wird - auch in Deutschland.

Politologen des Kairoer Al-Ahram Zentrum für politische und strategische Forschung warnen davor, dass es nach dem Irakkrieg zu einer Radikalisierung von Muslimen und zu einem Anstieg der Mitgliederzahlen bei El Kaida kommen werde. Schließen Sie sich dieser Meinung an?

Die Gefahr sehe ich. Obwohl von westlicher Seite zu Recht, aber oft krampfhaft behauptet wurde, der Krieg im Irak sei kein Religionskrieg, gibt es Anzeichen, dass das in der arabischen Welt anders aufgefasst worden ist. Der Gelehrte Sheik Muhammad Sayyed Tantawi von der Kairoer Al Azhar-Universität, einer der angesehensten islamischen Universitäten weltweit, spricht selber von einem Kreuzzug, indem er sagt, "das Tor zum Dschihad steht weit offen". Das wird nicht nur beim einfachen Volk als Aufruf zum religiös legitimierten Kampf gegen die Amerikaner und Briten aufgefasst.

In welchen Ländern ist verstärkt mit einer Radikalisierung zu rechnen?

Ägypter sind eigentlich umgängliche Menschen, aber was sich da jetzt an Kundgebungen gezeigt hat, lässt einen schon bange werden. Auch in Marokko habe ich es noch nie erlebt, dass auf Touristenfahrzeuge Steine geflogen sind, auch das lässt mich einiges befürchten. Hinzu kommt Jordanien.

Trotz der Aufrufe zum Dschihad hat es bis jetzt keine Hinweise auf geplante Anschläge in Deutschland gegeben. Auch in anderen Ländern ist es bisher ruhig geblieben. Worauf führen Sie das zurück?

Ich sehe ein ganzes Bündel von Gründen, warum noch kein Anschlag durchgeführt worden ist: Einerseits die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden, die im Bereich amerikanischer, britischer, jüdischer und israelischer Objekte einen hohen Sicherheitsstandard einhalten.

Andererseits sehe ich eine gewisse Zurückhaltung bei den extremistischen Muslimen. Sie wollten während des Krieges keine ungünstige Wirkung bei der friedensorientierten Nationen erzielen. Nun wollen sie abwarten, wie sich die Lage im Irak und in anderen arabischen Ländern entwickelt.

Sehen Sie in Deutschland bereits Anzeichen für eine mögliche Radikalisierung?

Ja, die Stimmung ist in einigen islamistischen Zirkeln nicht gut. Diese Leute sind durchaus auch auf Friedensdemonstrationen hier mit marschiert, aber nicht aufgrund einer pazifistischen Gesinnung. Vielmehr befürworten sie Krieg als Mittel der Politik und sehen Selbstmordattentäter als Märtyrer der arabischen und islamischen Freiheit an. Wir haben Anzeichen dafür, dass sich solche Leute von hier aus auf den Weg in den Irak machen oder machen wollen.

Warum ist das problematisch?

Das ist das nicht unbekannte Phänomen des "Kämpfertourismus". Wir haben schon bei der sowjetischen Besetzung Afghanistans erlebt, dass verstärkt Moslems nach Afghanistan gepilgert sind, um dort gegen die Russen zu kämpfen und dann entsprechend ideologisiert und radikalisiert in ihre Heimatländer zurück gekehrt sind. Dort hat man sie als unliebsame gefährliche Elemente registriert und solange Druck auf sie ausgeübt, bis sie weitergezogen sind, zum Beispiel nach Deutschland, wo sie alle Möglichkeiten zur Fortsetzung ihrer Mission hatten. Das könnte mit diesen Personen, die jetzt unterwegs sind, auch passieren, jetzt, wo sich der Krieg dem Ende zuneigt.

Wann werden sie losschlagen?

Man kann vermuten, dass die mutmaßlichen Terroristen zunächst überlegen, wie man dem irakischen oder dem muslimischen Volk in erster Linie beistehen und die "Feinde", also die Amerikaner an entsprechender Stelle schädigen kann. Es ist ja nicht damit getan, dass man irgendwo hinreist, um dann wild loszuschlagen. Insofern halte die Leute in gewisser Weise für rational. Bei der Serie der Attentate, die von Leuten um Bin Laden, der El Kaida, begangen wurden, sind die Ziele ja stets mit großer Geduld und Sorgfalt ausgesucht worden. Ich sehe keinen Grund, dass sie in dieser Situation überhastet versuchen, irgendwie ein Zeichen zu setzen.

Handelt es sich bei den radikalen Muslimen denn nicht nur um eine Minderheit?

Man kann leider nicht sagen: Da sind die bösen kleinen Zellen von Terroristen und da sind die breiten arabischen Massen, die nur den Krieg abgelehnt haben und die Amerikaner so schnell wie möglich aus dem Irak weghaben wollen. Vielmehr ist es eine höchst problematische Verzahnung von Ablehnung von Krieg und der Bereitschaft, den Amerikanern diese erneute Demütigung und diesen Kolonialismus heimzuzahlen. Das was sich im Irak abspielt, kommt in breiten Schichten der arabischen Welt ganz schlecht an.

Ist diese Entwicklung hin zu einer immer amerikafeindlicheren Gesinnung unvermeidlich?

Es wird noch sehr darauf ankommen, wie die Nachkriegsordnung im Irak aussehen wird und wie sich die Amerikaner dort verhalten. Außerdem wird die Entwicklung in Israel eine Rolle spielen. Dieses "Nahost-Paket" ist nun noch weit problematischer als vorher. Die Stimmung kann dort sehr schnell kippen. Angesichts der breiten Zustimmung zu eventuellen Aktionen gegen Amerikaner könnten sich dann noch ganz neue radikale Elemente ermutigt fühlen. Bei Selbstmordattentätern kommt es nicht darauf an, dass es viele sind - auch wenige können schon viel Schaden anrichten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%