Interview: Ganz schön durchsichtig

Interview
Ganz schön durchsichtig

Stararchitekt Helmut Jahn wollte in Bonn Schluss machen mit den öden Zellenbüros: "Man betritt das Gebäude und hat das Gefühl, da ändert sich die Welt."

Herr Jahn, was müsste ein Post-Mitarbeiter über seinen Arbeitsplatz sagen, damit Sie zufrieden mit Ihrer Leistung sind?

Der Hauptzweck eines Gebäudes ist immer, dass die Menschen, die dort wohnen oder arbeiten, sich wohl fühlen. Allerdings hat jeder Mensch andere Gewohnheiten. Manch einer möchte sich in eine Höhle zurückziehen, ein anderer sich wie auf einem Tablett präsentieren. Man kann den Erfolg eines Gebäudes also nicht immer von dem Urteil all seiner Bewohner abhängig machen.

Wie haben Sie die Büros konzipiert, damit sich möglichst viele Menschen wohl darin fühlen?

Die Mehrzahl der Büros in Deutschland sind Zellenbüros, also geschlossene Zimmer mit einem, in der Regel zwei Arbeitsplätzen. Wir haben im Post-Tower versucht, die isolierende, etwas öde Wirkung dieser Zellenbüros zu vermeiden. Unsere Einer-, Zweier- und Dreier- Zellenbüros sind zum Flur hin vollkommen verglast. Die Trennwände zwischen den Büros sind teilweise lichtdurchlässig, teilweise durchsichtig. Die Idee war, dass die Mitarbeiter in den Zellenbüros das Gefühl haben, in einem größeren Bereich zu sitzen. Das fördert eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen den Kollegen, was dann die gegenseitige Kommunikation und meiner Meinung nach auch das Wohlbefinden in den Büros steigert.

Sollte ein Unternehmen Offenheit und Transparenz in den Mittelpunkt seiner Planung stellen?

Das ist nicht nur meine Auffassung. Der Deutsche-Post-Vorstand Hans- Dieter Petram (zuständig für die Post-Immobilien, die Red.) hat uns manchmal ganz schön gepusht und ermutigt, über diese sehr offene und transparente Konzeption der Büros nachzudenken. Man kann sich da einfach nicht verstecken.

Muss ein Bauherr seine Mitarbeiter in die Planung einbeziehen?

Das hängt von der Unternehmenskultur ab. Im Falle der Deutschen Post hatte ich nach dem Wettbewerb den Post Tower dem Betriebsrat und einigen Mitarbeitern vorgestellt. Später standen die Verantwortlichen der Deutschen Post mit dem Betriebsrat in Verbindung. Allerdings: Wenn man zu vielen Leuten zuhört, verwässert das Konzept. Außerdem ist ein herausragender, ungewöhnlicher Plan immer viel schwieriger zu verkaufen als das fertige Gebäude. Viele Leute können die Bauzeichnungen einfach nicht lesen. Ihnen fehlt das perspektivische Vorstellungsvermögen. Wir haben deshalb ein paar Musterbüros gebaut, damit sich die Mitarbeiter anschauen konnten, wie es einmal von außen und innen aussehen soll.

Welche Wirkung sollte das äußere Design eines Bürogebäudes auf die Menschen darin haben?

Das Erscheinungsbild ist nicht so sehr von ästhetischen, stilistischen Ideen geprägt, sondern am Ende ein Resultat der städtebaulichen Vorgaben, der funktionellen Ansprüche des Bauherren und abhängig vom verwendeten Material sowie von der Technik. Am Ende ist das Gebäude ein Produkt, wie eine Maschine. Daran glaube ich eigentlich, dass das Gebäude vor allem funktionieren muss, und wenn es funktioniert, sieht es auch gut aus.

Also kommt für Sie zuerst die Funktion und dann die Repräsentation?

Die schönsten Autos sind ja auch die Formel-1-Autos. Die sehen nicht nur schön aus, die fahren auch am besten. Und die sind auch am sichersten. Im übertragenen Sinn ist das das Ziel eines Gebäudes. Der Nachteil ist natürlich, dass man bei einem Gebäude immer nur einen Prototypen baut. Wenn man fertig ist, dann weiß man viel mehr. Ziel sollte immer sein, etwas zu schaffen, das besser funktioniert als etwas Konventionelles, also ein Gebäude etwa, das Temperatur und Licht selber regelt. Das Gebäude soll langlebiger sein und als Hauptzweck auch komfortabler.

Worauf sollte ein Unternehmer achten, der einen Bürobau plant?

Was einem Bauherren am meisten hilft, ist: wenn er eine offene Meinung hat und mit Leuten arbeitet, die Erfahrung und eine gute Reputation haben. Wenn der Bauherr sie dann noch richtig fordert, dann wird er ein Produkt erhalten, das über das Gewöhnliche hinausgeht. Diesen Extraschritt sollte er gehen, nicht um des Neuen willen, sondern einfach, weil in unserer Zeit die Idee, wie man arbeitet, eine neue Hülle braucht. Diesen Schritt erfolgreich zu tun, ist unheimlich schwierig.

Und unheimlich teuer?

Vielleicht lässt sich der Wert einer attraktiven Büroumgebung nicht genau beziffern. Die Nutzung kann aber die Mehrkosten, die sicherlich mit intelligenten Systemen verbunden sind, bei weitem wett machen. Stellen Sie sich nur mal vor, was die 2 000 Mitarbeiter des Post Tower jedes Jahr verdienen. Verglichen damit sind die Kosten für den Bau und die Instandhaltung des Gebäudes nur gering.

W

as gefällt Ihnen persönlich am Post Tower am besten?

D

as Schönste an ihm sind eigentlich die Büros. Normalerweise ist es doch so: Je mehr ich mich meiner Bürozelle nähere, desto mehr geht von der Stimmung und von der Atmosphäre des Gebäudes verloren. Als ich vor einigen Wochen die Büros im Tower besuchte, hatte ich das Gefühl: Das Erlebnis steigert sich sogar. Vielleicht stimmt mir da nicht jeder der 2 000 Mitarbeiter zu. Aber für mich war das ein sehr gehobenes Erlebnis.

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VITA

Helmut Jahn (62) studierte in München und Chicago Architektur, unter anderem unter Mies van der Rohe. Ab 1967 arbeitete der Nürnberger in Chicago für C. F. Murphy und wurde schnell zu einem der gefragtesten Architekten der USA. 1981 wurde sein Arbeitgeber umfirmiert in Murphy/ Jahn.

Weltweit berühmt machten ihn spektakuläre Glas-Stahl-Monumentalbauten im Stil der Postmoderne wie das Staten of Illinois Center in Chicago oder das Sony Center in Berlin.

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