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Interview: Inflationsgefahren bleiben mittelfristig bestehen

Herr Professor Siebert, laut Prognose Ihres Instituts fällt Deutschland 2001 deutlicher hinter den Durchschnitt der Euro-Zone zurück als im Jahr 2000. Warum?

Deutschland hat im ersten Halbjahr dieses Jahres wegen seiner überdurchschnittlichen Abhängigkeit vom Export stärker als andere unter dem Einbruch der Weltwirtschaft gelitten. Zudem haben sich die überdurchschnittlich gestiegenen Preise für Öl und Nahrungsmittel negativ ausgewirkt.

Die Politik ist nicht schuld?

Nicht direkt. Natürlich wird weiterhin nicht genug getan, um die Wirtschaft auf einen höheren Wachstumspfad zu führen.

Wäre es nun nicht endlich an der Zeit, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen senkt?

Eindeutig nein. Die Teuerungsrate liegt derzeit deutlich über der Rate, mit der die EZB Preisstabilität verbindet, und auch mittelfristig bestehen nicht zu unterschätzende Inflationsgefahren. Zwar wird sich der Preisbuckel im Lauf des Jahres zurückbilden. Aber zur Jahreswende werden die Preisschilder getauscht, und der Euro wird eingeführt. Da lassen sich einmalige zusätzliche Preissteigerungen nicht ausschließen. Eine weitere offene Flanke ist in Deutschland die Tarifrunde im Frühjahr. Wenn die Abschlüsse nicht moderat ausfallen, hat das nicht nur negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sondern auch auf die Konjunktur.

Rechnen Sie mit moderaten Abschlüssen?

Sagen wir so: Der jüngste Abschluss bei den Piloten ist nicht gerade ein positives Signal.

Ist die Hoffnung des Kanzlers auf 3,5 Millionen Arbeitslose 2002 noch erreichbar?

Wir erwarten im Jahresdurchschnitt 3,7 Millionen. Wenn ich die beschäftigungsfeindlichen Pläne der Regierung zur Änderung des Betriebsverfassungsgesetzes ansehe, sehe ich derzeit nicht, wie diese Prognose besser ausfallen könnte.

Prof. Siebert ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Mitglied des Sachverständigenrats. Die Fragen stellte Werner Mussler.

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