Interview: Jürgen Wessing - Der Düsseldorfer zählt zu seinen Klienten Unternehmen wie Babcock Borsig, aber auch Großbanken oder Ruhrgebietskonzerne
Vom Teufel und dem Weihwasser

Bis vor wenigen Jahren waren Bilanzstraftaten für die Ermittler terra inkognita. Heute begreifen sich Staatsanwälte zunehmend als ein Korrektiv der Wirtschaft. Was Strafanwalt Jürgen Wessing, einer der Top-Ten-Strafverteidiger in Deutschland, Unternehmen rät, um Probleme zu verhindern oder sie zumindest möglichst folgenarm zu bewältigen. Besonders wichtig: Eine öffentliche Hauptverhandlung vermeiden!

Herr Wessing, Sie bereiten Unternehmen auf die Situation vor, dass der Staatsanwalt vorstellig wird. Was können Sie tun, wenn noch nullkommanichts vorliegt?

Eigentlich gibt es zwei Situationen: Entweder es liegt wirklich - zumindest im Moment - nichts vor, dann berate ich so, dass strafrechtliche Problemlagen gar nicht erst entstehen. Zum Beispiel: Wie verhindere ich, dass Verkäufer ihre Akquisition durch unzulässige Geschenke unterstützen. Oder es gibt Indizien. Nehmen Sie Betrugsvorwürfe in der Presse, dass sich der Staatsanwalt interessieren wird. Dann muss der erwartete Schaden für die Firma und deren Mitarbeiter klein gehalten werden. Also einmal präventiv, das andere Mal kurativ.

Was kann man denn strafrechtlich im Voraus überhaupt tun? Und was kann da ein Strafrechtler wie Sie noch entdecken, was die Unternehmen nicht selbst schon wissen?

Zum Beispiel Verantwortlichkeiten deutlich machen, von denen den Betroffenen nicht klar ist, dass sie sie haben. Nehmen Sie zum Beispiel einen Finanzvorstand einer Chemiefirma. Dem ist zumeist nicht bewusst, dass er bei einem Störfall im Unternehmen sich nicht nur um die finanziellen Konsequenzen dieses Störfalls kümmern muss, sondern akut an der Beseitigung der Umweltschäden mitarbeiten muss. Nach dem Gesetz ist ein Vorstand in Krisenzeiten nämlich für alles verantwortlich im Unternehmen. Das in Firmen so beliebte Schachteldenken nach der Devise "Dafür bin ich nicht zuständig", hat vor den Augen des Staatsanwalts keinen Bestand. Die interne Aufgabenverteilung entlastet den einzelnen Vorstand oder Geschäftsführer von Verantwortung nur so lange, wie keine gravierenden Probleme im Bereich des Kollegen sichtbar werden.

Sie klären also Manager darüber auf, wen sie alles überwachen und kontrollieren müssen?

Auch. Es gibt branchentypische Fallgestaltungen und regelrechte strafrechtliche Moden. Beispiele: Bei Banken sind zentrale Themen immer Untreue durch Vergabe riskanter Kredite und Beihilfe zur Steuerhinterziehung, bei Chemieproduzenten Umweltverstöße, bei Produzenten aus dem technischen Bereich sind es Körperverletzung oder fahrlässige Tötung, die so genannte strafrechtliche Produzentenhaftung. Die Quellen solcher Problemlagen erkennt der Wirtschaftsstrafrechtler mit der Erfahrung aus Parallelfällen, er kann sie identifizieren und damit dem Unternehmen die Chance geben, das Problem auszumerzen.

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