Interview
„Krisen sind die Zeiten der Marktführer“

Metro-Chef Körber über Gründe für die schlechte Stimmung im Einzelhandel und die Selbstbedienungsmentalität in der Wirtschaft.

Hans-Joachim Körber, 56, wurde 2001 zum ersten Vorstandsvorsitzenden der Metro AG ernannt. Der Diplombraumeister und promovierte Diplomkaufmann stieg nach dem Studium beim Nahrungsmittelkonzern Oetker ein. Dort wechselte er 1980 in die Geschäftsführung der Sekttochter Söhnlein. 1985 kam er zur Metro, wo er in erster Linie für Controlling und Rechnungswesen zuständig war. 11 Jahre später wurde er in den Vorstand der neu geschaffenen Metro AG berufen.

Herr Körber, Sie als Chef von Deutschlands größtem Handelskonzern müssen sich doch große Sorgen machen, wenn die Leute aus lauter Angst um ihren Arbeitsplatz jeden Euro zweimal umdrehen, bevor sie etwas kaufen. Wie erklären Sie die schlechte Stimmung?

Es geht ja nicht nur um den Konsum. Viele Menschen sind zurzeit in Deutschland grundsätzlich negativ eingestellt. Wir sind nun einmal eine Nation von Schwarzmalern und Skeptikern. Der Metro-Konzern ist in ganz Europa präsent, aber nur in Deutschland erleben wir so eine pessimistische Stimmung. Und das bekommt der Handel nun knüppeldick zu spüren. Die Situation ist uns ja nicht fremd. Seit fast acht Jahren haben wir in Deutschland kein reales Wachstum im Handel. Aber dann kam der Euro, und die Reaktion der Verbraucher darauf hat auch uns überrascht. Technisch ist zwar alles reibungslos gelaufen, aber dann ging plötzlich die Debatte um die so genannte gefühlte Inflation los. Ohne Zweifel, die Diskussion um den Euro hat den Kunden nochmal besonders preissensibel gemacht. Selbst bei einer Eins-zu-Eins-Umrechnung hatte er am Ende den Eindruck, der Kasten Bier oder das Jägerschnitzel seien teurer geworden. Tatsache ist, die Inflationsrate ist weiter gesunken, auch weil der Handel mit umfangreichen Preissenkungen reagiert hat.

Wollen Sie behaupten, die Metro ist in der Sünderkartei der Euro-Abzocker nicht aufgetaucht?

Ja, natürlich. Dabei kann ich bei einer Million Artikel, die wir bei Praktiker, Real, Media-Markt oder Kaufhof verkaufen, nicht ausschließen, dass sich im Einzelfall auch Preiserhöhungen finden lassen. Aber damit haben wir uns nicht systematisch einen Vorteil verschafft.

Glauben Sie denn an eine baldige Besserung?

Zumindest scheint die Euro-Diskussion vom Tisch. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag der EU-Kommisison zeigt zudem, dass der Verbraucher wieder Vertrauen fasst. Er glaubt wieder an stabile Preise und will aufgeschobene Anschaffungen nun tätigen. Die Studie ist vom Juli.

Jetzt bedrohen neue Hiobsbotschaften wie die Kürzung von Weihnachtsgeld Ihr Geschäft. Und mit der Konjunktur scheint es auch nicht aufwärts zu gehen.

Mit diesem Pessimismus werden wir wohl bis nach der Bundestagswahl leben müssen.

Sie glauben, der Ausgang der Bundestagswahl könnte positiv auf das Konsumklima wirken?

Sie wird zumindest für Klarheit sorgen. Ganz egal, wer dann die Regierung stellt. Nur muss dann schleunigst der Reformstau beseitigt werden. Im Handel etwa bei Regulierungen, die teilweise noch aus den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts stammen, wie etwa beim Ladenschlussgesetz, den Sonderveranstaltungsregeln, Rabattverordnungen oder beim Zwangspfand und anderen kostentreibenden Aktionen des Staates.

Was würde denn passieren, wenn der Handel rund um die Uhr geöffnet hätte?

Zunächst würde wahrscheinlich jeder sein eigenes Glück versuchen, bis man feststellt, man schädigt sich gegenseitig. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, in einem Einkaufscenter hätte der Schuhladen über Mittag geschlossen, der Getränkeladen morgens, und der Blumenhändler hat montags überhaupt keine Lust. Der Kunde würde sich ärgern und wegbleiben. Ich bin sicher, dass dies die Gesetze der Marktwirtschaft schnell regeln würden. Noch ein Beispiel: die Schlussverkäufe, die heute bundesweit geregelt sind. Mit dem Ergebnis: Halb Nordrhein-Westfalen ist im Urlaub, wenn der Sommerschlussverkauf läuft.

Welche Forderungen hätten Sie sonst noch an einen neuen Bundeskanzler?

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Das hilft in hohem Maß auch den geringfügig Beschäftigten...

....Sie meinen die 320 Euro-Jobs?

Ja, hier wäre uns mit einer deutlichen Erhöhung geholfen.

Würden 500 Euro reichen?

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Auch bei den Sozialversicherungen müssen Entscheidungen fallen. Die Menschen sind irritiert, wenn sie immer wieder hören, ihre Altersvorsorge steht auf der Kippe.

Ist das Vertrauen in die Politiker nicht sowieso längst dahin, angesichts der Skandale um Bestechungen, Honorare oder Bonusmeilen?

Das Entscheidende wird sein: Sie müssen wieder daran glauben können, dass die Politiker die Probleme auch in den Griff bekommen und Verantwortung tragen wollen. Dieser Glaube ist teilweise verloren, und das verunsichert enorm. Dass sich unsere Nachbarn Sorgen um Deutschland machen, die einstige Lokomotive in Europa, sollte uns nachdenklich stimmen und Ansporn genug sein.

Die Topleute aus der Wirtschaft geben zurzeit auch nicht gerade eine gute Figur ab. Erleben wir nicht eine Zeit, in der jeder zuerst an sich selbst zu denken scheint?

Sie haben Recht, auch das drückt auf die Stimmung. Da ist teilweise eine Schieflage entstanden. Unternehmen haben vereinzelt versucht, die Annehmlichkeiten des amerikanischen Systems zu übernehmen, mit hohen Gehältern und Aktienoptionen, gleichzeitig aber die Nachteile dieses Systems nicht akzeptieren wollen, nämlich höhere Verantwortung, kürzer laufende Verträge für Manager und bei Misserfolg auch den konsequenten Rauswurf. Dabei hat jede Gesellschaft eine Art eigene Akzeptanzschwelle. Und die ist bei uns zum Teil überschritten worden. Es ist gut, dass die Übertreibungen beendet werden.

Sie können die Kritik an der Selbstbedienungsmentalität nachvollziehen?

Ja. Es geht hier um Ethik. Es liegt doch neben der Sache, wenn man dann juristisch argumentiert und sagt: rechtlich war das alles sauber. Tatsache ist: Da ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Ich sehe es allerdings nicht als ein wirkliches Problem, denn das Gros der deutschen Vorstände wird mit Augenmaß bezahlt. Aber es gibt schwarze Schafe. Die Kritik an ihnen ist berechtigt. Weil sie deutsche Vorstandsverträge mit langen Laufzeiten und hohen Pensionszusagen mit Stock-Options-Programmen nach amerikanischem Vorbild kombinieren. Und das passt nicht zusammen. Ich bin übrigens froh, dass nach Enron und Worldcom die frühere Begeisterung für alles, was die USA uns vermeintlich voraus hatten, wieder durch Vertrauen in die eigenen Stärken und Fähigkeiten ersetzt wird. Die Metro AG soll ein eigener Corporate Governance Code vor Fehltritten bewahren. Die Metro ist einer der ersten Dax-Werte, der seinen Corporate Governance Code als freiwillige Selbstverpflichtung auf die Empfehlungen der Cromme-Kommision stützt. Darin sind auch die Gesamtvergütungen des Vorstandes enthalten, aufgeteilt nach Fixum, erfolgsbezogenen Komponenten und individualisierten langfristigen Anreizen.

Also nicht ganz nach den Cromme-Empfehlungen, die ja die Veröffentlichung der individuellen Bezüge verlangen?

Nein. Nicht die individuellen Gehälter. Aber was ist denn für den Aktionär wirklich wichtig? Doch nur die gesamte Höhe der Vorstandsbezüge und ihr variablen Anteile, wenn die Unternehmensziele erreicht werden. Ob dann der eine Kollege etwas mehr hat als der andere, das ist doch nur im Rotary Club eine Auseinandersetzungsebene - übrigens eine be- und gefürchtete.

Und wenn die Ziele nicht erreicht werden?

Wenn es mal nicht reicht, dann wird auch nicht nachgebessert. Es gibt keine nachträgliche Anderung des Erfolgsziels. Mich stört es aber gewaltig, dass Corporate Governance als Instrument zur besseren und kontrollierten Unternehmensführung darauf reduziert wird, ob die Gehälter individuell veröffentlicht werden oder nicht. Das ist aus meiner Sicht eine dramatische Verkürzung der Diskussion.

Was sind denn für Sie die entscheidenden Punkte einer guten Corporate Governance?

Wichtig sind Transparenz und wertorientierte Führung - vom Aufsichtsrat, über den Vorstand bis zum Filialleiter. Dafür haben wir die Bilanzierung auf International Accounting Standards (IAS) umgestellt und messen den Unternehmenserfolg nach Economic Value Added (EVA). Dem Aktionär als Kapitalgeber kommt dabei eine herausgehobene Stellung zu. Es gibt in Europa keinen anderen Handelskonzern, der seine Aktionäre so strukturiert und zeitnah informiert.

Einigen ihrer deutschen Wettbewerber steht das Wasser bis zum Hals. Ist das die Chance für Zukäufe?

Es gibt eine Reihe Wettbewerber, die erkennbar Probleme hat. Die wollen neuerdings ständig mit uns reden. Aber wir können warten und sorgfältig prüfen, was auf den Markt kommt. Dabei denke ich nicht, das wir in Deutschland ganze Unternehmen kaufen, sondern vielmehr mit einzelnen, attraktiven Standorten den Wert unseres Portfolios steigern.

Die Metro als Krisenprofiteur?

Krisen sind immer die Zeiten der Marktführer - wenn sie an ihren Strategien konsequent festhalten. Wir sind nicht an unsere Werbe-, Expansions- oder Instandhaltungsetats gegangen. Die Metro wird gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Die Metro hatte früher einen schlechten Ruf, weil sie als undurchsichtig galt und der Einfluss der Großaktionäre geschadet hat. Würde es den Kurs treiben, wenn sich an ihrer Großaktionärsstruktur etwas ändern würde?

Ich denke, der schlechte Ruf gehört der Vergangenheit an. Im Übrigen ist die Kursentwicklung unabhängig von der Aktionärsstruktur. Die drei Großaktionäre Otto Beisheim, die Haniel-Familie und die Gebrüder Schmidt-Ruthenbeck, die rund 56 Prozent der Anteile halten, sind auch Händler. Das ist ihr Geschäft, das sie gegründet haben, kennen und beurteilen können. Und ein Großaktionär, der dem Unternehmen und dem Vorstand den Rücken stärkt, hat auch Vorteile.

Interview: Mario Brück/Andreas Henry

Quelle: WirtschaftsWoche

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%