Interview
"Kursrally, wenn Bin Laden gefunden wird."

Nachgefragt: Robert Shiller

"Eine Kursrally wird es nur geben, wenn Bin Laden gefunden wird." Wie wird sich der Krieg gegen das afghanische Taliban-Regime auf die Aktienmärkte auswirken?

Der Ausgang des Kriegs bewegt sich zwischen zwei extremen Szenarien. Die eine Möglichkeit ist, dass wir den Terroristenanführer Osama Bin Laden sehr schnell fangen und die Terroristengruppe ausheben. Das würde zu einer kräftigen Kurs-Rally führen. Es kann aber auch passieren, dass wir Bin Laden nicht finden und es zu neuen Terror-Attacken in den USA kommt. Das hätte sehr negative Folgen für die Aktienmärkte. Wir müssen dabei auch berücksichtigen, dass sich die Weltwirtschaft ohnehin in einer Rezession befindet. Neue Störungen der Geschäftslebens würden zusätzlich auf die schwachen Quartalsergebnisse drücken. Wenn die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der US-Aktien, bezogen auf die Ergebnisse der letzten 12 Monate, dann erst einmal die 30 überschreiten, dürfte das viele Anleger zusätzlich schrecken. Derzeit bewegen sie sich bei etwa 28.

Sind die US-Aktien nach den jüngsten Kursstürzen also immer noch zu teuer?

Auch wenn es eine kurzfristige Rally gibt - mittel- und langfristig dürfte sie verpuffen, denn die Unternehmensgewinne rechtfertigen nicht das gegenwärtige Kursniveau. Es kann Jahre dauern, bis die Quartalsergebnisse so weit gestiegen sind, dass Aktien ihr Geld wert sind. Nach dem Golfkrieg etwa sind die Kurse rasch nach oben gegangen, als er gewonnen war. Doch erst nach zwei oder drei weiteren Jahren war die Rezession überwunden. Diesmal dürfte die Erholung länger dauern, weil die US-Wirtschaft das Platzen der Technologie-Blase zu verarbeiten hat.

Könnten Verteidigungsausgaben die fehlende Investitions-Nachfrage der Unternehmen ersetzen?

Ein Krieg sorgt meistens für einen kräftigen Nachfrageschub. Kriegs-Ausbrüche haben schon häufig eine Ökonomie gerettet. Doch wir haben hier nur Gegenschläge gegen eine Handvoll Terroristen. Die Regierung Bush scheint ohnehin nicht geneigt zu sein, die Wirtschaft mit Staatsausgaben anzuheizen. Das Steuererleichterungs- und Subventionspaket von 60 Mrd.$ macht weniger als 1% des Brutto-Sozialprodukts aus.

Marktstrategen begründen ihren Optimismus häufig auch mit der aggressiven Geldpolitik der US-Zentralbank...

Hier fürchte ich, dass die Mittel stumpf geworden sind. US-Zentralbankchef Alan Greenspan genießt zwar ein hohes Ansehen und hat Charisma. Deshalb setzt die Wall Street große Stücke auf ihn. Doch er hat die Zinsen in so rascher Folge erhöht und wieder gesenkt, dass seine Geldpolitik längst nicht mehr so viel Wirkung zeigt wie früher. Man sieht das an den langfristigen Zinsen, sie haben sich trotz der aggressiven Zinssenkungs-Schritte der Zentralbank kaum verändert.

Wie sollen sich Anleger in der gegenwärtigen Situation verhalten?

Sie sollten vor allem nicht auf eine Wiederkehr der Technologie-Aktien hoffen und ihr Portfolio umschichten. In der gegenwärtigen Situation sind Aktien generell eine sehr risikoreiche Anlage. Festverzinsliche Wertpapiere sind derzeit wesentlich sicherer und wahrscheinlich auch lukrativer.

Prof. Robert Shiller von der Yale-Universität ist Spezialist für Ökonomie und Finanzmärkte und Autor des Buches "Irrationaler Überschwang". Die Fragen stellte Gertrud Hussla.

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