Interview mit Anatolij Tschubajs
„Die Berliner Mauer im Stromsektor einreißen“

Anatolij Tschubajs, Chef des russischen Strommonopolisten Vereinte Energiesysteme (UES) und Vater der Privatisierung in Russland, über die russische Politik und die Entwicklung des Stromsektors.

HB: Anatolij Borisowitsch, Sie waren lange einer der einflussreichsten Politiker Russlands. Nach dem Rücktritt der Regierung im März 1998 kamen Sie an die Spitze des Strommonopolisten Vereinte Energiesysteme (UES). War das Ihre Wahl?

Tschubajs: Ja. Ich habe fast acht Jahre in der Regierung und an der Spitze der Präsidial-Verwaltung nur eines vor Augen gehabt: Den Aufbau eines Marktes in Russland, die Schaffung von Konkurrenz und freien Preisen, die Einführung moderner Management-Methoden anstatt der Leitung durch unfähige Sowjet-Bürokraten. Und was ich jetzt bei UES mache, ist doch genau das Gleiche. Zudem haben mir alle immer vorgehalten: Deine Reformideen kommen aus Kabinettsstuben und taugen nicht für die Praxis. Denen wollte ich es beweisen.

HB: Warum sind Sie dann ausgerechnet zu UES gegangen und nicht etwa zum weltgrößten Gaskonzern Gazprom?

Tschubajs: UES war 1998 in einer katastrophalen Lage, Russlands Energiewirtschaft stand vor dem Kollaps. Gemessen daran, ging es Gazprom mit seinen hohen Export-Erlösen gut. Im Strombereich wurden hingegen gerade 17 % aller Lieferungen tatsächlich auch mit Geld bezahlt, die Masse mit Bartergeschäften. Wir hatten gigantische Lohnrückstände bei unseren 670 000 Mitarbeitern. Zudem ist Gazprom von den geographischen Ausmaßen her viel kleiner. UES ist Russland, von Kaliningrad bis Kamtschatka. Es ist also viel größer, die Lage viel komplizierter, also alles ist viel spannender.

HB: Was macht Ihre Arbeit bei UES heute vergleichbar mit Ihren früheren Regierungs-Jobs?

Tschubajs: Der Stromsektor war die letzte Bastion des Sozialismus in Russland. Wie im Staat als Ganzem schaffe ich heute auch auf dem Energiesektor einen freien Markt.

HB: Wie sieht denn das von der Regierung beschlossene Reformprogramm für die Entmonopolisierung des russischen Stromsektors aus?

Tschubajs: UES verschwindet bis zum Herbst 2004. Die Reform läuft auf vollen Touren: Wir zerteilen UES in einen konkurrierenden Sektor aus zehn Stromerzeugern und-verteilern sowie einen Monopolbereich. Das Hochspannungsnetz kommt zur Föderalen Netzgesellschaft und bleibt staatliches Monopol. Nach der Reform hat der Kunde die Wahl, vom wem er Strom bezieht. Das ist das Ziel unserer Reform.

HB: Gegen Ihre Reform rührt sich Widerstand...

Tschubajs: ...wie immer von den Kommunisten. Diese Partei und die kommunistischen Gouverneure versuchen, die Reform aufzuhalten. Aber die Liberalisierung ist ja kein Konzept allein von UES oder Tschubajs, das ist die von Präsident Putin abgesegnete Regierungslinie. Wir suchen dabei nach dem breitest möglichen Konsens - mit den Gouverneuren, den Minderheitsaktionären, dem Mehrheitseigner Staat, dem Management der Stromproduzenten, Großkunden, den Haupt-Brennstofflieferanten und den Verbrauchern. Das scheint zu gelingen. Bis 2004 ist UES aufgelöst und ich trete als UES-Chef ab.

HB: Mit welcher Bilanz?

Tschubajs: Wir haben heute keine Lohnrückstände mehr, keine unregulierten Steuerschulden oder Verbindlichkeiten bei unseren Lieferanten. Die Bilanz ist bereinigt. 2000 haben wir sogar erstmals Gewinn gemacht, etwa 16 Mill. $. Im vorigen Jahr hat sich der Gewinn sogar noch um Dutzende Male erhöht. Die genauen Zahlen kommen mit der Bilanz im Sommer.

HB: Auch deshalb gibt es jetzt wohl Interesse westlicher Investoren an UES?

Tschubajs: Ja, wir arbeiten sehr eng mit Eon zusammen. Von den deutschen Stromkonzernen ist Eon am weitesten auf den russischen Markt vorgedrungen. Eon hält Anteile an einigen russischen Stromerzeugern. Wir arbeiten ernsthaft an gemeinsamen Investitionsprojekten, haben schon ein Memorandum darüber unterzeichnet. Dabei prüfen wir den gemeinsamen Bau neuer Kraftwerke in Russland, wie etwa eines Wasserheizkraftwerkes. Bis Juni soll ein Projekt ausgewählt sein.

HB: Neben der Binnenreform des russischen Stromsektors verfolgen Sie die Idee der Vereinigung des Stromnetzes der früheren Sowjetunion mit dem Westeuropas. Warum?

Tschubajs: Es geht uns um das Beseitigen von Barrieren beim Austausch von Strom zwischen West und Ost. Westeuropa hat die mitteleuropäischen Reformstaaten inzwischen an sein Netz angekoppelt. Jetzt stehen sich Europa mit einem Energiesystem mit mehr als 500 000 Megawatt und unser System mit gut 300 000 MW wie durch eine Berliner Mauer getrennt gegenüber. Um den Strom frei fließen zu lassen zwischen beiden Lagern, stehen wir vor einem gigantischen Dilemma: Wir müssen entweder viele einzelne Stationen zur Umwandlung von Gleich- und Wechselstrom für je 70 bis 80 Mill. $ an den Grenzen bauen oder das ganze System muss synchronisiert werden. Die Synchronisation ist die strategisch richtige Entscheidung. Präsident Putin und die EU-Führung haben diese Energiekooperation deshalb als vordringliches russisch-europäisches Projekt vereinbart.

HB: Aber was bringt das?

Tschubajs: Heute stehen die leistungsfähigsten Stromleitungen Europas zwischen der Ukraine und Polen, Ungarn und Rumänien ungenutzt in der Landschaft. Aber völlig verschenkt sind die Möglichkeiten des Energieaustausches: Wir könnten dabei die Zeitzonen und die daraus erfolgende Verschiebung der Spitzenzeiten beim Stromverbrauch morgens und abends nutzen. Polen könnte Deutschland zu Spitzenlast-Zeiten Strom liefern, wenn es selbst bei Bedarf aus der Ukraine oder Russland beliefert wird. Und umgekehrt. So könnte man mit wesentlich weniger Kraftwerken auskommen und viel weniger Reservekapazitäten für Notfälle. Das spart beiden Seiten viel Geld und Kraftwerks-Neubauten. Die Überkapazitäten von heute sind ja nicht für alle Ewigkeit.

HB: Aber Sie verfolgen doch dabei offenbar nicht nur wirtschaftliche Gründe.

Tschubajs: Hier geht es um mehr als um Wirtschaft. Ich will die neue Berliner Mauer, die den Stromsektor trennt, einreißen. Das nützt allen GUS-Staaten, und die Annäherung an den Westen ist die strategische Entwicklungsrichtung für Russland.

HB: Warum regt sich bei westlichen Stromkonzernen Widerstand?

Tschubajs: Einige befürchten, dass wir mit Dumping westliche Märkte erobern wollen. Aber es geht uns nicht um Stromexporte. Die Preise gleichen sich ohnehin immer mehr an: Heute kostet eine Kilowattstunde Strom unsere Verbraucher etwa 1,7 Cents, in Europa etwa 2 ??? Cents. Wenn die Tariferhöhungen im gleichen Tempo weiter gehen wie jetzt, dann haben wir in drei Jahren Preis-Gleichstand.

HB: Zurück zur Politik. Wie bewerten Sie Putins Halbzeitbilanz?

Tschubajs: Die Regierung hat in den zwei Jahren seit Putins Amtsantritt Phantastisches und Beispielloses geleistet - die Steuer-, die Land- und eine Rentenreform. Dabei greifen die Reformen erst richtig in zwei bis drei Jahren. Der volle Wachstums-Effekt ist jetzt noch nicht zu spüren.

HB: Was muss denn getan werden, um das sich abschwächende Wirtschaftswachstum wieder zu beschleunigen?

Tschubajs: Dazu müsste man eine viel härtere Wirtschaftspolitik machen, müsste die Eigentümer viel mehr vor Übernahmen durch Lobbygruppen schützen, den Arbeitsmarkt liberalisieren. Aber das beinhaltet ein hohes politisches Risiko. Dann werden die Demonstranten nicht wie früher Tschubajs-Puppen verbrennen und auch nicht nur Puppen von Wirtschaftsminister German Gref, sondern anderer.

HB: Putins?

Tschubajs: Heute genießt Putin hohes Ansehen im Volk. Aber genau um die Unterstützung für ihn geht es, wenn ich von politischem Risiko spreche.

HB: Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Putin, mit dem Sie lange in St. Petersburg gemeinsam gearbeitet haben?

Tschubajs: Unser gutes persönliches Verhältnis hat sich seither nicht geändert. Es ist übrigens charakteristisch für ihn, dass er bei seinem Aufstieg alte Freundschaften nicht aufkündigt.

HB: Sie haben aber seine Politik der Schließung unabhängiger Fernsehsender kritisiert.

Tschubajs: Ja. Doch viel wichtiger als zu kritisieren ist zu handeln. Deshalb haben ein paar Unternehmer und ich zusammen mit Journalisten den Fernsehsender TV6 gekauft, der vom Moskauer Gericht - wohl nicht ohne Einmischung von außen - geschlossen wurde. Der neue Kanal hat nicht die Aufgabe, den Machthabern zu gefallen, sondern unabhängig zu sein.

HB: Wird er dann aber nicht auch wieder geschlossen?

Tschubajs: Das wäre so ein gigantischer Fehler, darauf wird Putin sich wohl nicht einlassen. Im übrigen lebe ich schon seit zehn Jahren mit Risiken: Die Zahl der Menschen, die mich erschießen, hängen, köpfen oder auf dem Roten Platz vierteilen lassen wollen, geht in die Millionen. Außerdem steht es um die Pressefreiheit in Russland zwar schlechter als in Deutschland, aber besser als in Italien.

HB: Sie haben eben Ihren Abschied von UES für 2004 bekannt gegeben. Gehen Sie dann zurück in die Politik?

Tschubajs: In die Politik zieht mich nichts. Es reicht. Ich wollte schon nach der Präsidentenwahl 1996 nicht in den Kreml zurück. Ich wollte in die Wirtschaft, ich möchte etwas tun, um die Management-Methoden zu verbessern. Mehr will ich noch nicht verraten. Ich möchte mich endlich mit etwas beschäftigen, was mich von der Sache her interessiert.

EINE FRAGE NOCH: Was haben Sie mit Ihrem Voucher gemacht, dem Privatisierungs-Scheck, den durch Ihr Programm jeder Russe als Anteil an der Privatisierung bekommen hat?

"Den habe ich in einen Investment-Fond gesteckt. Leider erfolglos, es brachte kaum Geld."

ZUR PERSON: Anatolij Borisowitsch Tschubajs, am 16. Juni 1955 in einer weißrussischen Offiziersfamilie geboren, nennen sie in Russland den "Vater der Privatisierung": Als Privatisierungsminister gab er jedem der rund 150 Millionen Russen 1992 einen so genannten Voucher als Anteilsschein an der Entstaatlichung der sowjetischen Betriebe. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler, ging er noch zu Sowjetzeiten 1990 als Vize in die Leningrader Stadtverwaltung. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion machte der zweifache Familienvater blitzschnell Karriere: Eigentumsminister Russlands, Finanzminister, Vize-Ministerpräsident, wichtigster Wahlkampfmanager Boris Jelzins, Kreml-Administrationschef. Seit Mai 1998 ist der Wassersportfan Chef des größten russischen Konzerns, dem zu 52% dem Staat gehörenden Strommonopolisten Vereinte Energiesysteme (UES). Der Politik blieb der Co-Vorsitzende des russisch-europäischen Runden Tischs der Industriellen aber als einer der Chefs des liberalen Bündnisses "Union Rechter Kräfte" bisher treu. In einer Experten-Umfrage des Moskauer Wirtschaftsmagazins "Kompanija" wurde er gerade als einflussreichster russischer Oligarch genannt.

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