Interview mit dem populären Unternehmensberater
Roland Berger: „Stoiber hat das mutigere Programm“

Im nächsten Jahr, wenn er 65 ist, will Roland Berger als Chef seiner Firma zurücktreten. Doch der Münchener, der immer wieder für einen Posten in der Politik gehandelt wird, lehnt bislang dankend ab. Dafür gibt er im Interview schon mal Tipps für den nächsten Wirtschaftsminister.

Eigentlich gilt er als ziemlich rastlos: Seine Firma liegt, was den Marktanteil angeht, in Europa hinter McKinsey und A.T. Kearney auf Platz drei. Bergers Nähe zur Politik macht sich dabei bezahlt. So kam er häufig bei Aufträgen zum Zug, die Gerhard Schröder besonders am Herzen lagen: etwa 1999 beim Rettungsversuch für Holzmann. Derzeit arbeiten seine Leute an einem Strukturkonzept für Kirch Media.

HB: Herr Berger, Sie wurden selbst immer wieder als Wirtschaftsminister gehandelt. Jetzt hat es wieder nicht geklappt. Für die Union soll es Lothar Späth machen, und der SPD haben Sie früher schon mal abgesagt. Traurig?

Berger: Gerhard Schröder hatte mich in der Tat 1998 gebeten, Wirtschaftsminister zu werden. Edmund Stoiber hat diese Bitte dagegen nie an mich herangetragen. Ich wäre ihr allerdings auch nicht nachgekommen, weil ein Ministeramt weder meiner Lebens- noch meiner Berufsplanung entspricht. Außerdem glaube ich nicht, dass Quereinsteiger in unserem System von Berufsparteipolitikern große Erfolgschancen haben.

HB: Da dürften einige Kabinettsmitglieder anderer Meinung sein. Schröder hat mit Herrn Müller und Herrn Riester immerhin einige Quereinsteiger zu Ministern gemacht.

Berger: Meinem Eindruck nach ist deren Wirkungsspektrum im Vergleich zu ihren Fähigkeiten eher eingeschränkt. Die Politiker wissen ja selbst, dass ihr von Berufsparteipolitikern dominiertes System nicht zwingend die besten Köpfe der Republik in die politische Verantwortung bringt.

HB: Ist das Flirten mit Quereinsteigern also doch nicht mehr als bloß ein Werbegag?

Berger: So weit würde ich nicht gehen. Richtig ist aber, dass Jost Stollmann vor vier Jahren als Marketinginstrument missbraucht wurde - er hat sich jedoch auch missbrauchen lassen.

HB: Was muss ein Bundeswirtschaftsminister nach der Wahl als Erstes tun - mal unabhängig davon, ob er nun Lothar Späth, Werner Müller oder sonstwie heißt?

Berger: Es sind drei Dinge, die vielleicht überraschen mögen. Erstens: wieder auf die Ordnungspolitik der Sozialen Marktwirtschaft setzen. Der Staat muss sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren, wie äußere und innere Sicherheit, Sozialpolitik, Rechtsstaat. Zweitens: ein handlungsfähiges Ressort fordern und gestalten. Die Grundsatzabteilung muss zurück vom Finanz- ins Wirtschaftsministerium. Aber mehr noch: Auch Arbeits- und Technologiepolitik gehören in ein Wirtschaftsministerium. Drittens: Regulierungen jeder Art schnellstmöglich abbauen.

HB: Das klingt nicht sehr originell. Woran denken Sie da speziell?

Berger: Vor allen Dingen daran, den Arbeitsmarkt endlich von seinen Fesseln zu befreien. Dazu gehören zum Beispiel Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen und die Legalisierung von betrieblichen Tarifabschlüssen. Es müssen der Kündigungsschutz gelockert und die Voraussetzungen für einen Niedriglohn-Sektor geschaffen werden.

HB: Welcher Partei trauen Sie das zu?

Berger: Dazu wäre das Drei-Säulen-Konzept der Union durchaus geeignet, also 400-Euro-Jobs pauschal beim Arbeitgeber mit 20 Prozent zu besteuern; Arbeitseinkommen von 400 bis 800 Euro von Steuern und Abgaben zu entlasten und zusätzlich entsprechende Anreizsysteme einzuführen, Arbeit aufzunehmen, statt Sozialleistungen zu kassieren. Dadurch können durchaus 500 000 bis 1 Million Arbeitsplätze entstehen.

HB: Sie sind Wirtschaftsberater sowohl von Kanzler Gerhard Schröder als auch von seinem Herausforderer Edmund Stoiber. Wer von beiden kann Ihrer Ansicht nach die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland eher in den Griff bekommen?

Berger: Beide kommunizieren regelmäßig sowohl mit Wirtschaftsführern als auch mit den besten Köpfen der Wirtschaftswissenschaft in Deutschland. Sie sind also exzellent beraten. Schröder steckt sicher in mehr Abhängigkeiten; er muss Rücksicht nehmen auf die Gewerkschaften. In dieser Hinsicht ist Edmund Stoiber freier. Beide sind aus meiner Sicht qualifiziert, Bundeskanzler zu sein.

HB: Gibt es denn überhaupt noch gravierende Unterschiede zwischen Schröder und Stoiber?

Berger: In ihren Anliegen sind beide nahe beieinander: Auch ein Kanzlerkandidat Stoiber fährt seine 50-plus-Ergebnisse in Bayern ein, weil er ein großes soziales Herz hat. Aber programmatisch gibt es klare Unterschiede: Das Programm des Herausforderers ist in wesentlichen Punkten innovativer, pointierter und mutiger. Das 3-mal- 40-Programm, also das Ziel, Staatsquote, Lohnnebenkosten und Spitzensteuersatz auf unter 40% zu drücken, ist sehr ambitioniert und geeignet, Deutschland durch neue Dynamik wirtschaftlich wieder an die Spitze zu bringen.

HB: Das klingt so, als würden Sie für Schröders Regierung alles andere als eine Erfolgsbilanz ziehen.

Berger: Die Probleme, mit denen Deutschland heute zu kämpfen hat, sind uns seit Mitte der 70er-Jahre zugewachsen. Schröder hat durchaus signifikante Reformen umgesetzt, wie die Haushaltskonsolidierung, zwei Steuerreformen, die Rentenreform, die Reform des Staatsbürgerrechts bis hin zum umstrittenen Zuwanderungsgesetz. Seine Regierung hat in vier Jahren mehr Reformen durchgeführt als Helmut Kohl in seinen letzten acht Jahren. Ich kann das an einer einfachen Zahl festmachen: In 16 Jahren Helmut Kohl ist der Spitzensatz bei der Einkommensteuer um ganze 3 Prozentpunkte gesunken, in vier Jahren Gerhard Schröder um 4,5 Prozentpunkte.

HB: Würden Sie Schröder als Reformkanzler bezeichnen, oder ist das zu weit gegriffen?

Berger: Angetreten ist Gerhard Schröder mit dieser Absicht auf jeden Fall. Aber anfangs ließ er sich durch Oskar Lafontaine aufhalten. Im letzten Jahr wurde er Opfer seiner eigenen Wahlkampftaktik, der SPD-Linken und der Gewerkschaften. In den zweieinhalb Jahren dazwischen hat Schröder durchaus wichtige Reformarbeit geleistet.

HB: Die Union will die Wiedereinführung der Besteuerung von Beteiligungsverkäufen auf den Prüfstand stellen. Das ist doch Gift für die Wirtschaft!

Berger: Aus meiner Sicht wäre das ein Fehler. Er würde dem Standort Deutschland einen Wettbewerbsvorteil nehmen und das Unionsprogramm konterkarieren. Eine Steuerbefreiung, die auf Strukturreformen ausgelegt ist, kann man nicht nach kurzer Zeit wieder außer Kraft setzen. Außerdem: Beteiligungsverkäufe würden vorgezogen oder unterbleiben, so dass es ohnehin keine zusätzlichen Steuereinnahmen geben würde. In jedem Fall aber ginge der Wettbewerbsvorteil verloren, ein attraktiver Holding-Standort zu sein.

HB: Die Union begründet den Schritt mit der Gleichbehandlung für den Mittelstand.

Berger: Niemand hindert die Union daran, Erlöse aus Beteiligungsverkäufen auch für den Mittelstand steuerfrei zu stellen, etwa indem man steuerfreie Rücklagenbildung für Investitionen bei Personengesellschaften zulässt.

HB: Der Mittelstand fühlt sich immer schnell allein gelassen. Hat er dazu Grund? Auch Schröder sieht sich ja lieber als "Genosse der Bosse".

Berger: Schröder hat wie alle Sozialdemokraten durchaus eine emotionale Nähe zu Großorganisationen. Die Millionen Mittelständler lassen sich dagegen nicht direkt beeinflussen. Hier muss auch ein Kanzler auf den Wettbewerb vertrauen. Umso wichtiger ist es, den Mittelstand bei Steuern und Bürokratie nicht zu benachteiligen.

HB: Herr Stoiber hat in Bayern große Erfolge vorzuweisen. Kann man das Modell Bayern einfach auf den Bund übertragen?

Berger: Zu Teilen schon. Der Erfolg Bayerns beruht vor allem auf einer Umsteuerung der Ressourcenallokation, weg von staatlichen Wirtschaftsaktivitäten hin zu Zukunftsinvestitionen in Bildung, Forschung, Kultur, neue Technologien, Unternehmensgründungen und Innovation. Edmund Stoiber sollte auch seinen sehr intensiven und auf gegenseitiger Verlässlichkeit beruhenden Dialog zwischen Wirtschaft, Arbeitnehmern, Politik und Wissenschaft auf den Bund übertragen.

HB: Aber auch Stoiber setzt mal aufs falsche Pferd wie etwa im Fall Kirch. Schadet ihm das?

Berger: Nein.

HB: Kann denn die momentane Pleitewelle der Politik angelastet werden?

Berger: Nein und ja. Sie hat zum einen konjunkturelle Gründe, weil jeder beginnende Aufschwung zunächst zu mehr Insolvenzen führt. Zum anderen ist natürlich schlicht und ergreifend Missmanagement im Spiel. Aber auch unser miserables Wirtschaftswachstum, das die Politik mit verantwortet, hat zur Pleitewelle beigetragen.

Quelle: Handelsblatt

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