Interview mit dem US-Botschafter in Berlin Dan Coats
Interview: "Beide Seiten sollen aufeinander zugehen"

Das Handelsblatt im Gespräch mit amerikanischen Botschafter in Deutschland, Daniel (Dan) Coats, der seine Tätigkeit in der Hauptstadt nach dreieinhalb Jahren voraussichtlich im Januar 2005 beenden wird.

Herr Botschafter, wie wird sich die Wiederwahl Bushs auf die transatlantischen Beziehungen auswirken?

Beide Seiten sollten nun Schritte aufeinander zu machen. Ich denke, damit hat die US-Regierung in den vergangenen Jahren bereits begonnen. Denken Sie an die Einladung des Bundeskanzlers nach Washington Anfang des Jahres oder die amerikanische Ermutigung für die Vermittlung der drei EU-Außenminister im Atomstreit mit Iran. Die US-Regierung unterstützt zudem die sicherheitspolitische Allianz und wird dies weiter tun. Aber ich glaube, dass positive Schritte jetzt auch von europäischer Seite kommen müssen. Die Glückwünsche des Kanzlers fand ich deshalb sehr ermutigend.

Was erwarten Sie konkret?

Das Wichtigste wäre zunächst die Erkenntnis und die Anerkennung dessen, was der Wahlsieg Bushs bedeutet. Die Tatsache, dass der Präsident mit vier Millionen Stimmen Vorsprung wiedergewählt wurde, zeigt, dass die USA anders sind als in Europa oft wahrgenommen. Die Mehrheit der Amerikaner entspricht eben nicht dem Stereotyp, das Michael Moore oder einige Hollywood-Stars vermitteln. Die Charakterisierung der Amerikaner als extrem rechte religiöse Fundamentalisten ist einfach nicht wahr. Wenn eine britische Boulevardblatt titelt "Wie können 59 Millionen Amerikaner so dumm sein", zeigt dies nur, dass einige Europäer Scheuklappen tragen, wenn es darum geht, wie Amerika wirklich ist.

Ist die europäische Sichtweise Amerikas naiv?

Ich würde nicht naiv sagen. Aber zum einen versuchen wir seit drei Jahren zu vermitteln, dass die Terroranschläge des 11. September die Weltsicht der Amerikaner verändert haben. Zum anderen wurde eben fast immer übersehen, wie wichtig der Mehrheit der Amerikaner Werte wie Familie, persönliche Verantwortung, Freiheit und eben ein tiefer Glaube sind - nur hat dies nichts mit religiösem Extremismus zu tun. Es ist doch erstaunlich, dass viele Europäer eine ähnlich starke religiöse Grundhaltung bei US-Demokraten akzeptieren, bei Republikanern aber nicht. Diese stereotype Charakterisierung hat leider auch die Politik in einigen europäischen Ländern beeinflusst. Es würde helfen, diese Differenzen anzuerkennen und sie zu respektieren.

Bestärkt die Wiederwahl Bushs aber nicht diejenigen in Europa, die die EU als Gegengewicht zu den USA aufbauen wollen?

Dies wäre ein großer Fehler. Wenn die Europäer als Ziel anstrebten, ein Gegengewicht zu sein, wäre dies nicht im europäischen Interesse. Wir können nicht ernsthafte gemeinsam globale Herausforderungen annehmen, wenn sich Europa darauf konzentriert. Dies würde uns spalten. Das hat die Bundesregierung ja auch klar erkannt und betont.

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