Interview mit der Vorsitzenden der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft
Liz Mohn: "Das Wort Macht passt nicht"

"Unternehmen heißt etwas gestalten", sagt Liz Mohn. Die Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft spricht im Interview über Unternehmenskultur und Führungsstil, Frauenpolitik und Internationalisierung im Gütersloher Medienunternehmen.

1. UNTERNEHMENSKULTUR UND FÜHRUNGSSTIL

HB: In der Öffentlichkeit werden Sie seit kurzem härter angefasst: Man wirft ihn vor, sich in die Machtkämpfe in der Bertelsmann AG einmischen. Lesen Sie so etwas?

Liz Mohn: Ich lese natürlich Zeitungen, aber eine Überempfindlichkeit entwickle ich dadurch nicht. Ich versuche weiter, meinen Weg geradlinig zu gehen.

Sehen Sie sich selber als Unternehmerin mit all der Verantwortung, die sie als Aufsichtsrätin und Miteigentümerin tragen?

Ich bin Sprecherin der Familie, da liegt meine Verantwortung. Unternehmen heißt etwas gestalten: Also bin ich Unternehmerin. Als solche nehme ich die Interessen der Familie im Gesellschafterkreis der Bertelsmann AG wahr. Zusammen mit meinem Mann repräsentiere ich die fünfte Generation der Eigentümer-Familie Bertelsmann/Mohn an der Spitze des Unternehmens, bin Vorsitzende der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft, Mitglied des Aufsichtsrates der Bertelsmann AG und Mitglied des Präsidiums der Bertelsmann Stiftung. Dabei ist mir besonders die Wahrnehmung der gesellschafts-politischen Verantwortung und Kontinuität in unserer Unternehmenskultur ein großes Anliegen und natürlich auch, dass die Führungspositionen nach menschlicher und fachlicher Kompetenz richtig besetzt werden.

Wie weit kann man Ihrer Meinung nach Aufgaben delegieren?

Delegation der Verantwortung ist unser Prinzip bei Bertelsmann. Das heißt aber, den Mitarbeitern sehr viel Vertrauen zu schenken. Und Vertrauen ist eine Leihgabe. Zu dem Prinzip des "geliehenen Vertrauens" gehört dann aber auch, dass, wenn es missbraucht wird, Konsequenzen gezogen werden. Delegation der Verantwortung ist entscheidend, unser Prinzip der Führung.

Haben Sie solche persönlichen Enttäuschungen erlebt?

Doch, aber nicht nur im Unternehmen. Das erleben Sie auch im Freundeskreis oder innerhalb einer Partnerschaft. Für Bertelsmann heißt das nicht, dass wir deshalb das Prinzip der dezentralen Verantwortung verändern, sondern dass wir einem Manager wieder neues Vertrauen entgegenbringen. Es lohnt sich einfach.

Werden Sie Bertelsmann ganz bewusst für die Familie erhalten, für die nächste Generation?

Ja, das sehe ich als meine Aufgabe, auch wenn Bertelsmann im Grunde kein Familienunternehmen mehr ist, sondern ein Konzern, der mit etwa 450 Firmen in mehr als 50 Ländern tätig ist. Das Unternehmen ist jetzt 167 Jahre alt, mein Mann ist Unternehmer in der fünften Generation. Viele Eigenschaften in der Familie, die sich immer sozial engagiert hat, können für die Kontinuität des Unternehmens wertvoll sein.

Ihre Kinder sind ja bereits im Unternehmen und in der Bertelsmann-Stiftung tätig...

Zwei meiner Kinder sind im Unternehmen und empfinden auch Verantwortung Bertelsmann gegenüber. Das kann gar nicht anders sein, dafür schlägt das Herz. Das ist unser Leben.

Sie würden sich wünschen, dass sie, wenn sie die Befähigung dafür mitbringen, auch in der nächsten Generation irgendwann die Rolle übernehmen, die Sie jetzt haben?

Das stimmt. Das wäre in meinem Sinne und im Sinne meines Mannes, und auch für das Unternehmen positiv.

Wir entnehmen Ihren Worten: Sie sind selbst keine Anhängerin von Ideen, Bertelsmann an die Börse zu bringen?

Erst einmal möchte ich etwas richtig stellen. Traditionen müssen nicht immer nur einfach fortgeschrieben werden, sondern Kontinuität muss fortgeschrieben werden. Manche Traditionen, die in der Familie herrschen, taugen morgen vielleicht nicht mehr für die Entwicklung des Unternehmens. Bertelsmann bereitet sich auf den Börsengang vor. Das ist für alle Mitarbeiter ein wichtiger Ansporn. Ich persönlich begrüße die Anstrengungen, die mit dieser Vorbereitung verbunden sind, sehr.

Aber die Rolle, die Familie und Stiftung spielen, wollen Sie nicht reduzieren...

Richtig. Die 75 Prozent der Anteile, für die die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft die Stimmrechte ausübt, bleiben bestehen. Die gehen nicht an die Börse.

Ihr Mann hat die Unternehmenskultur aufgebaut und geprägt. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass auch die nächsten Generationen in der Unternehmensführung bei Bertelsmann sich daran halten?

Die Unternehmenskultur bei Bertelsmann ist daraus entstanden, dass mein Mann mit 17 Jahren in den Krieg gegangen ist und durch seine Erfahrungen die Achtung vor dem Menschen gelernt hat. Als er zurückkehrte, war für ihn das Wichtigste: Was braucht der Mensch, was braucht der Mitarbeiter? Daraus ist unsere Unternehmenskultur gewachsen, der Partnerschaftsgedanke. Durch das beständige Wachstum kam es rasch zur Delegation der Verantwortung. Sie müssen Menschen mögen und den Menschen Vertrauen entgegenbringen. Lassen Sie die Menschen gestalten und lassen Sie ihnen Freiheit zur Kreativität. Wir können aus der Zentrale heraus nicht mehr bestimmen, was unsere Geschäftsführer in China oder in Spanien tun oder lassen sollen. Das sind eigenständige Unternehmer im Konzern.

Ist Bertelsmann ein Modell für andere Unternehmen und andere Branchen?

Ich weiß, dass das Modell der Delegation von Verantwortung Vorbild für andere Unternehmen ist. Die Bücher meines Mannes wurden auch im Mittelstand gelesen. Selbst Gewerkschaften haben gefragt, wie man diese Art von Unternehmenskultur in anderen Firmen implementieren kann. Schließlich geht es bei uns in Deutschland wesentlich darum, wie wir den Mittelstand erhalten und weiterbringen können.

Wie tragen Sie persönlich dazu bei, die Unternehmenskultur weiterzuentwickeln?

Ich fördere beispielsweise die Frauen bei uns im Unternehmen. Ich arbeite gerne mit dem Betriebsrat oder mit Personalleitern zusammen. Dann höre ich ja, was die Mitarbeiter sich wünschen.

Versuchen Sie, in Ihrem Unternehmen ganz bewusst junge Frauen zu fördern?

Junge Frauen und junge Männer. Gefördert wird nach Begabung, Kompetenz und Leistung. Ich freue mich unheimlich, wenn sich eine junge Führungskraft entwickelt und da spielt das Geschlecht keine Rolle. Wir versuchen, den Leuten die Chance zu geben, sich bis zum Äußersten zu belasten. Sonst haben sie immer das Gefühl, sie haben nicht alles erfahren dürfen. Vielleicht auch mal eine Nacht im Bett liegen und die Nerven vibrieren.

>>>Teil 2 des Interviews

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