Interview mit Dirk Hohndel, CTO, Suse-Linux AG aus Nürnberg
Linux bei vielen Dax-30 Unternehmen im Einsatz

Im Interview mit Handelsblatt.com zeigt sich Dirk Hohndel, CTO der Suse-Linux AG aus Nürnberg, optimistisch über die Ausichten am Linux-Markt. Ein Börsengang sei für sein Unternehmen aber derzeit kein Thema.

HB DÜSSELDORF. Das Betriebssystem Linux steht an der Schwelle zum Massenmarkt. Schon jetzt haben IDC-Daten zufolge mehr Nutzer an der Software mit dem frei zugänglichen Quellcode Gefallen gefunden als an Apples System OS. Die großen Softwarehersteller haben angekündigt, mit Linux kompatible Produkte auf den Markt zu bringen. Gleichzeitig haben die Unternehmen, die Linux vermarkten, an der Börse nach furiosem Start stark nachgelassen. Eines der Unternehmen, dem nach wie vor Interesse an einem Börsengang nachgesagt wird, ist die Nürnberger Suse-Linux Im Gespräch mit Handelsblatt.com zeigte sich CTO Dirk Hohndel optimistisch über die Aussichten im Linux-Markt. Mehr als die Hälfte der Dax-30 Unternehmen setzen nach seinen Worten bereits Linux ein. Ein Börsengang, versichert Hohndel, sei derzeit gleichwohl kein Thema.

Herr Hohndel: Suse hat kürzlich die Distribution aufgeteilt in eine preisgünstige Personal und eine teurere Professional Edition. Das ist eine klare Aussage an den Markt. Ihr Mitbewerber Redhat geht einen anderen Weg und will in Zukunft mit kostenpflichtigem Online-Support Geld verdienen. Wie werden Sie sich in Zukunft am Linux-Distributorenmarkt positionieren und sich von den anderen Anbietern abgrenzen?

Wir werden unsere Positionierung im wesentlichen nicht verändern. Wir bieten schon seit langem kommerzielle Support-Angebote, bei denen gegen Bezahlung über den einfachen Installations-Support hinaus Support-Dienstleistungen angeboten werden. Wir glauben, dass unser Hauptunterschied im Mitbewerb ist, dass wir eine technisch ausgereifte, sorgfältig zusammengestellte, stabile und professionell einsetzbare Linux-Distribution haben. Unsere Schwerpunkte liegen bei Servern und im Desktop-Bereich, und zwar sowohl für den Heimanwender wie den professionellen Einsatz. Der Markt, in dem man direkt mit Microsoft konkurriert. Meiner Auffassung nach sind wir mit unserem Schwerpunkt auf die beiden Kernmärkte, einer ausgereiften Distribution, Handbüchern und weiteren Dienstleistungen wie Support und Training gut im Markt positioniert.

Sie sehen also die Zukunft für Linux in beiden Märkten, Server und Desktop?

Genau, und diesen Schwerpunkt wollen wir mit der Aufteilung in zwei Versionen noch viel stärker herausstellen. Wir waren die ersten, die KDE integriert haben, die ersten, die eine Office-Suite dabei hatten und sind immer noch die einzigen, die ein online-resizable journalling Filesystem mitliefern [ein Dateisystem, das einen schnellen Server-Neustart erlaubt und dessen Größe im laufenden Betrieb vergrößert werden kann, d. Red.], was im professionellen Markt ein absolutes Muss ist. Server und Desktop sind die beiden Märkte, in denen man heute in großer Zahl Kunden findet und über Dienstleistungen weiter bedienen kann.

Auf der LinuxWorld gab es eine Erklärung der SAP AG, dass sie ihr Datenbanksystem SAP-DB ebenfalls unter die GPL stellen wird. Das kam für viele überraschend ...

... für uns nicht, denn wir waren der Partner, mit dem zusammen SAP das gemacht hat - nur leider hat man vergessen, das in der Presseerklärung zu erwähnen. Wir haben ja heute schon eine Partnerschaft mit SAP. Es gibt eine gemeinsame Erklärung, dass bis zum Ende des Jahres auch Suse-Linux zertifizierbar ist für Mysap.com.

Wie viele große Unternehmen setzen Linux schon produktiv ein?

Ich kann Ihnen sagen, dass mehr als die Hälfte der DAX-30-Unternehmen Linux und speziell unser Linux produktiv einsetzt. Die meisten wollen allerdings nicht genannt werden, aus diesem Grund dürfen wir sie auch nicht als Referenzkunden aufführen.

Ein paar Namen dürfen Sie also doch nennen ...

Ich kann Ihnen sagen: die Deutsche Bank, Daimler-Chrysler oder auch die Telekom.

Schon im August 1999 konnte man im Linux-Magazin lesen, die Suse sei neben VA-Linux und Caldera ein heißer Kandidat für einen Börsengang. Haben sie Ihre Börsenpläne wegen der unsicheren Lage am Neuen Markt aufgegeben?

Wir verfolgen eine andere Politik. Natürlich brauchen wir Arbeitskapital, um unseren Kunden die Distribution und Dienstleistungen in vernünftiger Form bieten zu können. Wie wir zu unserem Cash-Flow kommen, steht nicht im Vordergrund. Suse wurde nicht wie viele Dotcoms gegründet, um einfach nur an die Börse gebracht zu werden, sondern als Unternehmen für die Kunden. Als Unternehmen müssen wir uns Gedanken machen, wie wir unsere Expansion am preiswertesten finanzieren können. Da haben wir verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl: Im vergangenen Jahr haben wir unsere Kapitalbasis durch die Apax/Intel-Beteiligung gestärkt, und wir werden uns nach den Marktgegebenheiten wiederum die vernünftigste Lösung aussuchen. Aber ich sehe heute absolut keinen Handlungsbedarf, und alle Gerüchte, dass wir irgendwas gecancelt, oder verschoben hätten, sind aus der Luft gegriffen.

Nicht aus der Luft gegriffen ist auf jeden Fall das Interesse von IBM an Linux. Kurz vor Beginn der Linux-World in Frankfurt hat die Suse-Linux bekannt gegeben, dass sie für sämtliche Plattformen der e-Server-Linie von IBM Linux-Distributionen liefern wird. IBM hat mittlerweile durch die Integration in eigene Produkte den Worten Taten folgen lassen: Läuft die Linux-Branche nun Gefahr, vom großen Bruder allzu stark umarmt zu werden?

Die Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Aufgrund der Software-Lizenz, der Linux, insbesondere der Kernel, unterliegt, ist es undenkbar, dass irgendjemand dieses Produkt an sich reißen kann. Denn der frei zugängliche Code ist Bestandteil der GNU Public License und deshalb kann niemand die Open-Source-Gemeinschaft hinter sich zurücklassen. Auch die Art und Weise, in der Linux sich weiter entwickelt, spricht gegen die These. Im Gegenteil, eine Mehrheit der Entwickler sieht die Annäherung ausgesprochen positiv, weil ein Unternehmen wie IBM, das über beträchtliche Technologie- und Entwicklerkapazitäten verfügt, in der Lage ist, Linux tatsächlich weiter zu bringen. Und IBM tut das ja auch: Beim Port von Linux auf das System /390 - die z-Series, wie es jetzt heißt - hat IBM die Löwenarbeit auf der Kernelseite, sprich Bereitstellung der nötigen Patches für den Kernel, geleistet und der Open-Source-Gemeinde verfügbar gemacht.

Zwischen der PC-Architektur, auf der Linux zunächst entwickelt worden ist, und der Mainframe-Architektur des IBM-/390-System liegen technisch gesehen Welten - man denke nur an die Zeichensatzkodierung: hier ASCII-, dort EBCDIC-Code. Auch der Linux-Kernel muss geändert worden sein. Lässt sich das noch integrieren in den Source-Tree, den Linus Torvalds verwaltet?

Selbstverständlich. Der Aufwand auf Seiten der IBM war sicher nicht unbeträchtlich, unterm Strich hat sich aber wieder heraus gestellt, dass Linux eine verblüffend einfach portierbare Software ist, was in der Architektur des Kernels begründet ist. Bei den Applikationen gab es das eine oder andere Stück Software, das sich da ein bisschen gesträubt hat. Aber auch da sind wir mit vertretbarem Aufwand zu einer ausgesprochen zufrieden stellenden Distribution gekommen, die auch von unseren Kunden in den bisherigen Pilotprojekten sehr positiv aufgenommen wird.

Läuft die Kommunikation mit Linus Torvalds über Suse oder über IBM?

Linus spricht viel mit unseren Kernel-Entwicklern, und natürlich auch mit den Leuten von der IBM, das läuft weder so noch so exklusiv. Da, wo die IBM selbt entwickelt, geht sie auch von sich aus auf Linus zu, und da, wo die IBM mit uns zusammen Probleme löst, sind es oft wir, die auf Linus oder die Kernel-Gemeinde zugehen.

Kommen wir von den großen Unternehmen zu den kleinen Geräten. Auf der LinuxWorld hielt Linux-Vordenker Jon "Maddog" Hall einen Organizer und anschließend einen Flaschenöffner in die Kameras, um zu demonstrieren, wie einfach Linux auf Handhelds zu bedienen sein wird. Doch der zur Cebit 2000 von Samsung angekündigte Yopy-PDA ist immer noch nicht im Handel erhältlich. Wie geht es bei den Handhelds Ihrer Einschätzung nach weiter?

Linux auf Handhelds ist ein ganz aktuelles Thema. Das große Problem aber ist, dass die Benutzbarkeit noch nicht die eines Flaschenöffners ist. Heute ist der PDA mit seinem proprietären Betriebssysten noch einfacher zu benutzen, da muss die Linux-Entwicklung noch ein kleines Stückchen weiter gehen. Ich gehe davon aus, dass wir zur nächsten Cebit jede Menge Linux-Handhelds sehen werden und dass sich Linux mittelfristig als Betriebssystem auf den Handhelds auch etablieren wird.

Linux leistet sich die Parallelentwicklung zweier Desktop-Windowmanager, KDE und GNOME. Ist das nicht für Anwendungsentwickler ein Hemmnis? Warum setzt Ihre Firma auf KDE und wie sehen Sie die Zukunft dieser beiden Desktops?

Suse setzt auf KDE, weil KDE heute dem Windows-Anwender einen sehr einfachen Wechsel ermöglicht. Das heißt die Verwendung von KDE ist sehr ähnlich zu dem, was der Windows-Anwender heute schon gewohnt ist. Was uns zudem für KDE bewogen hat, ist die hohe Stabilität und der hohe Entwicklungsstand von KDE, das heute schon voll produktiv einsetzbar ist und als Desktop Environment für mich die Reifeprüfung bestanden hat. So hat Suse einen Auftrag einer Investment Bank gewonnen, bei dem es darum ging, einen Trading-Floor mit Linux-Systemen auszustatten, die mehrere Bildschirme zugleich bedienen mussten. Das ist wohl eine der kritischsten Desktop-Umgebungen. Andererseits sind wir sehr wohl daran interessiert, auch die Entwickung von GNOME zu fördern, was sich auch daran zeigt, dass wir bei Suse mit Martin Baulig einen Mitarbeiter haben, der zu den Haupt-GNOME-Entwicklern gehört. Wir sehen aber, dass heute im Einsatz, d.h. für unsere Kunden, KDE die wesentlich bessere Lösung ist.

Windows ist aber nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil es eine einzige Oberfläche gibt, an die sich der Anwender gewöhnt. Er muss sich nicht entscheiden. Bei Linux aber hat er die Qual der Wahl. Wird das in ein oder zwei Jahren immer noch so sein?

Schwierig zu sagen. Die "freedom to innovate", die unsere Freunde in Redmond [Firmensitz von Microsoft, d. Red.] für sich als großes Motto auf die Fahnen geschrieben haben, hat leider nicht zu Innovationen, sondern zu Stagnation geführt. Denn die Abwesenheit von echtem Wettbewerb führt nicht zu besserer Technologie, sondern dazu, dass sich die Strukturen verfestigen und sich dann nicht mehr viel tut. Windows 95, 95 a, b, 98, 98 2nd, Millenium - das sind sechs neue Versionen, die im User-Interface nichts geändert, nichts verbessert haben.

Das kann man natürlich auch als eine kluge Marktstrategie bezeichnen.

Richtig. Aber bei Linux sind zwei Teams von sehr intelligenten Menschen in einem Wettstreit um die beste Lösung. Und diesen Wettstreit halte ich für sehr positiv. Interessanterweise war eines der Ergebnisse des Podiums auf der LinuxWorld, dass Gnome von der Idee her von Entwicklern für Techniker ist, und dass KDE sehr stark am User ausgerichtet und an den Interessen des Users orientiert ist. Wenn man diese unterschiedlichen Zielrichtungen anschaut, sieht man, dass da Platz ist für verschiedene Implementationen. Eines der wesentlichen Ziele, die Suse verfolgt und die wir mit beiden Teams immer wieder intensiv erörtern, ist sicherzustellen, dass eine Interoperabilität soweit gegeben ist, dass eine GNOME-Applikation in einer KDE-Umgebung läuft und umgekehrt und dass auch Dinge wie Drag-and-Drop über die Systemgrenzen hinweg funktionieren. Und da werden wir sein, wenn KDE2 und GNOME2 herausgekommen sind. Die Interoperabilität der Anwendungen ist gewährleistet.

Inklusive einer systemweiten Zwischenablage?

Da wird´s ein bisschen schwieriger. Wir arbeiten daran.

Herr Hohndel, wir danken Ihnen für das Gespräch.



Die Fragen stellte Heribert .

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%