Interview mit Etienne Jaugey
„Europa bietet Anlass zur Hoffnung“

Etienne Jaugey, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Diamond-Cluster International, sagte dem Handelsblatt, wie es um die Autobranche in Europa und den USA steht. Das Gespräch führte Alexander Freisberg.

Die meisten Autohersteller stehen unter Druck. Wie sehen Sie die gegenwärtige Automobilkonjunktur in Europa und den USA?

In den USA sieht es sehr düster aus; und selbst bei einer Verbesserung der Wirtschaftslage ist wenig Belebung der Nachfrage zu erwarten. Denn das Durchschnittsalter der Fahrzeuge in den USA ist durch den aggressiven Preiskampf der Hersteller schon jünger als normalerweise.

Europa bietet dagegen Anlass zur Hoffnung. In Deutschland etwa ist seit drei Jahren die Nachfrage schwach und das durchschnittliche Alter der Fahrzeuge hoch.

Welche Hauptgründe hat die schwierige Lage?

Da kommt eine Menge zusammen: Schlechte Konjunktur, hohe Arbeitslosigkeit und Job-Unsicherheit gerade in denjenigen Schichten der Bevölkerung, die Massenmodelle kaufen. In Deutschland kommen noch panikartige Steuerdebatten hinzu, etwa wenn es um die Dienstwagenbesteuerung geht. Viele Dienstwagen-Berechtigte nutzen nicht mehr oder nicht ganz das ihnen zustehende Budget.

Man hat auch den Eindruck, es fehle an wichtigen Innovationen.

Dem würde ich widersprechen. Besonders die Industrie in Deutschland ist technologieorientiert, die Unternehmen in Frankreich auch sehr form- und nutzungsgetrieben. Innovationen betreffen aber häufig zunächst Luxusmodelle, oder sie werden als teure Sonderausstattung angeboten. Und da die Kassen leer sind und die Leute Angst haben, wird die Innovation derzeit nicht adäquat honoriert.

Um welche wichtigen Innovationen geht es denn derzeit?

Der Dieselantrieb ist ziemlich am Ende der Innovationsfähigkeit angelangt. Die von den französischen Herstellern eingeführte Filtertechnologie wird zwar den Ruß-Ausstoß verringern - der Verbraucher wird dies aber nicht unbedingt honorieren, da sich dadurch der Verbrauch tendenziell leicht erhöht. Innovationen sind eher für den Ottomotor zu erwarten; z.B. Schichtladung, Direkteinspritzung, Aufladungstechnologie. Ebenfalls zu erwähnen ist der Ganz-Aluminium-Rohbau im Karosseriebau - etwa bei Audi, Jaguar, Honda. Und letztlich stellen die Elektronik/Telematik und künftig die Elektrik - 42-Volt statt 12-Voltnetze, Bus statt Kabelbäume - Innovationen dar.

Welche Hersteller sind zurzeit besonders gut aufgestellt, für welche sieht es schwierig aus?

Einige Hersteller haben ihre Modellpolitik zeitlich denkbar ungünstig gestaltet. Besonders hervorzuheben ist VW mit mehreren Massenmodellen zugleich am Ende des Zyklus. Außerdem wurde hier die Plattform-Strategie über die Konzernmarken hinweg überreizt. Ein Gegenbeispiel bildet in dieser Hinsicht die PSA-Gruppe aus Frankreich. VW ist jedoch nicht ernsthaft gefährdet, ganz anders als zum Beispiel Fiat. Besonders schwierig sieht die Lage in Europa aber für die Amerikaner aus: Hier zeigt sich, was passiert, wenn Controller eine Automobilfirma dominieren; das Auto ist und wird auch in Zukunft ein emotionales Produkt bleiben, besonders wenn man hohe Deckungsbeiträge erzielen will.

Für wann erwarten Sie für die Gesamtbranche eine Erholung der Automobilkonjunktur?

Wenn ich das wüsste, würde ich nicht hier sitzen, sondern Optionen kaufen. Aber ernsthaft, ich rechne mit einer Erholung im zweiten Halbjahr 2004, sofern keine unvorhersehbaren Ereignisse dazwischen kommen.

Immer mehr Hersteller bauen ihre Finanzdienstleistungen aus. Ist das ein sinnvoller Weg?

Offensichtlich, denn es bringt derzeit ja bis zu 30 Prozent der Erträge für manche Herstellerkonzerne. Eine viertel bis halbe Milliarde Euro stabile und ziemlich antizyklische Erträge zu haben, ist immer willkommen. Außerdem ist der Kundenbindungseffekt, insbesondere beim Leasing, zweifelsohne vorhanden. Kaum jemand hat ein aktives Management der im Umlauf befindlichen Fahrzeuge, geschweige denn eine systematische Modellierung der Wechselwirkung zwischen Neu- und Gebrauchtwagenmärkten.Ich würde dazu raten, das Kerngeschäft der Absatzfinanzierung voll auszuschöpfen und nicht Exkurse in artfremde Gefilde ohne Spezialwissen zu riskieren.

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