Interview mit Finanzwissenschaftler Ottmar Schneck
"Manager optimieren persönliche Vorteile"

Der Telekomkonzern Worldcom hat aufgrund von Bilanzmanipulationen einen der größten Insolvenzen in den USA hervorgerufen. In Eigeninteressen von Managern sieht der Finanzwissenschaftler Ottmar Schneck eine der Ursachen für solche Tricksereien.

Mit dem Finanzwissenschaftler sprach Handelsblatt.com-Redakteur Jürgen Grosche .

Welche Auswirkung hat die Worldcom-Pleite?

Schneck: Auch wenn Worldcom, respektive der Firmenname am Missisippi in den USA in kleinster Form weiterbesteht, so sind doch viele Gläubiger und Mitarbeiter die Leittragenden des Kollaps. Das Unternehmen hatte Falschbuchungen in Höhe von 3,8 Mrd. Dollar eingeräumt und damit einen der größen Skandale der amerikanischen Geschichte ausgelöst. Nachdem bereits Ende 2001 bei Bekanntwerden der Bilanztricks des Energiehändlers Enron dessen Insolvenz zu deutlichen Kurseinbrüchen an den Börsen führte, scheint die Worldcom-Pleite zu einer Vertrauenskrise an den Börsen geführt zu haben.

Mit welchen Strafen und Sanktionen können Bilanzmanipulationen geahndet werden?

Schneck: In den USA sieht die Strafordnung zehn Jahre Gefängnis für Bilanzmanipulationen vor. In Deutschland erwarten den Bilanzbetrüger bis zu fünf Jahre bei vorsätzlicher Manipulation des Jahresabschlusses. Dazu kommt in den USA die zivilrechtliche Klagewut von Anwälten, die zum Beispiel jüngst den Vize-Präsidenten Dick Cheney traf. Dieser soll von 1999 bis 2001 als Vorstandsvorsitzender der Firma Halliburton seine Umsätze um Millionen zu hoch bilanziert haben, da er analog der Firma Worldcom Auslagen als Umsätze in der Annahme verbucht hat, die Auslagen könnten später durch Kundenumsätze kompensiert werden.

Welche weiteren Skandale neben Worldcom spielten in letzter Zeit eine Rolle?

Schneck: Wie aus den Medien in den letzten Monaten zu entnehmen war, haben sich bei US-Großunternehmen neben Enron und Worldcom auch Global Crossing und Xerox Bilanzmanipulationen ereignet, die jeweils das Unternehmen gefährdeten und in den ersten beiden Fällen auch zu Fall gebracht haben. Die Fälle Holzmann und Flowtex in Deutschland sind ebenfalls noch im Gedächtnis.

Wie kommt es überhaupt dazu, dass Manager mit Bilanztricks das Zahlenwerk verfälschen?

Schneck: Die Ursachen, warum Manager zum Mittel der Bilanzfälschungen und-tricks greifen, sind vielschichtig. Zum einen will wohl jedes Unternehmen produktiv, wirtschaftlich, rentabel und liquide sein. Von diesen Größen hängen Ansehen, Image und nicht zuletzt die Kapitalbeschaffungsmöglichkeit ab. Banken werden künftig ihre Ratings auf diese Größen abstellen, und so wird der Druck auf "gute Bilanzen" noch größer werden.

Haben die Verantwortlichen tatsächlich nur die Firma vor Augen - oder spielen Eigeninteressen ebenfalls eine Rolle?

Schneck: Zu vermuten ist, dass insbesondere die für Manager üblichen Belohnungssysteme über Tantiemen oder Aktienoptionen (sog. "stock options") ein Anreiz sind, insbesondere deren Basisgrößen wie Gewinn oder Umsatz so zu manipulieren, damit das eigene Einkommen maximiert wird. Das ist nachweislich bei Worldcom und Enron geschehen, deren Manager fast zu 70 Prozent über Aktienoptionen entlohnt wurden. Aktienoptionen sind Rechte, Aktien - hier der eigenen Gesellschaft - zu einem vorher definierten, meist günstigen Preis zu erwerben. Dies wird natürlich umso attraktiver, je höher der aktuelle Marktwert und damit die Differenz zum Ausübungspreis ist. Wenn ein Manager es also schafft, den Börsenpreis mit Hilfe manipulierter Erfolgsgrößen hoch zu treiben, wird sein persönlicher Vorteil optimiert.

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