Interview mit Helmut Digel
„Wir werden uns daran gewöhnen, nicht mehr zu den besten zu gehören"

Seit knapp einer Woche kämpfen die Athleten aus aller Welt in Athen um olympische Ehren. Doch auch viele Negativ-Schlagzeilen trüben das Bild des größten Sportereignisses des Jahres. Lesen sie, wie der Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF Helmut Digel die Entwicklungen einschätzt.

HB ATHEN. Die Athen-Spiele wurden vom Doping-Skandal um die Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou überschattet. Sind sie erleichtert, dass die Beiden drei Tage vor Beginn der Wettkämpfe auf ihre Olympia- Start verzichteten?

Digel: "Jetzt kann die Leichtathletik in Ruhe losgehen. Ich glaube nicht, dass es weitere Diskussionen unter den Athleten darüber geben wird."

In der US-Leichtathletik ist durch die Affäre um das kalifornische Drogen-Labor und dessen Designersteroid THG Bewegung in den Anti- Doping-Kampf gekommen. Wie blicken Sie dem Auftritt der USA in Athen entgegen?

Digel: "Die Amerikaner werden eine gute Rolle spielen. Im Anti- Doping-Kampf kann die USA inzwischen mit allen engagierten Ländern mithalten. Während in den USA pro Jahr rund 1000 Doping-Kontrollen in der Leichtathletik gibt, sind es in Russland nicht einmal ein Zehntel davon. Von anderen osteuropäischen Ländern wie die Ukraine oder Weißrussland wollen wir gar nicht reden."

Die Zuschauerzahlen bei den Athen-Spielen sind nicht berauschend. Wird das Olympia-Stadion zu den Leichtathletik-Wettbewerben, die am Freitag beginnen, voll werden?

Digel: "Ich habe etwas Sorge um die Vormittags-Veranstaltungen. In Atlanta und Sydney war es auch am Morgen ausverkauft. Vor vier Jahren in Sydney kamen um 09.15 Uhr rund 90 000 Zuschauer zur Hammerwurf- Qualifikation."

Was erwarten Sie von der Leichtathletik in Athen?

Digel: "Die Wettkämpfe werden so spannend wie nie zuvor werden. Es gibt mit Ausnahme von Felix Sanchez über 400-m-Hürden keine Favoriten, von denen man erwarten kann, dass sie sicher Gold gewinnen."

Und wie stark werden die durch die Balco-Affäre dezimierten Amerikaner sein?

Digel: "Wir werden viele neue Athleten sehen, die aber neue Heroen werden können. Bei den US-Trials gewann über 400 Meter mit Jeremy Wariner erstmals seit einer Ewigkeit ein Weißer. Wenn ihm dies auch bei Olympia gelingen würde, wäre das eine Sensation."

Die IAAF ist der Geldkrösus bei Olympischen Spielen und erhält vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) rund 25 Millionen Dollar. Die IAAF ist damit nicht zufrieden...

Digel: "Es wird neue Verhandlungen der Fachverbände mit dem IOC geben. Schließlich sind die Fernseheinnahmen des IOC gestiegen."

Die deutsche Leichtathleten, deren Präsident Sie einmal waren, geben zurzeit kein gutes Bild ab. Fürchten Sie eine Blamage?

Digel: "Wir werden uns daran gewöhnen, bezogen auf die Plätze eins bis acht und im Vergleich mit den Spielen 1996 und 2000 nicht mehr zu den Besten zu zählen. Bei der Weltmeisterschaft 1999 in Sevilla holten wir 148 Nationenpunkte, hier sind mit 40 bis 50 zu rechnen."

Die verpatzte WM 2003 in Paris mit nur einer Silber- und drei Bronzemedaillen für die Deutschen war ein Tiefpunkt. Wie schnell kann es wieder aufwärts gehen?

Digel: "Entscheidend ist, dass zumindest das Niveau von 2003 gehalten wird und man nicht weiter absackt. Nur dann kann man eine Plattform schaffen, um wieder aufzusteigen."

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) bewirbt sich mit Berlin als Austragungsort um die WM 2009. Im ersten Anlauf für 2005 war der DLV an Helsinki gescheitert. Wie stehen nun die Chancen bei der Vergabe durch die IAAF im November ?

Digel: "Beim ersten Anlauf gab es viele hausgemachte Probleme. Heute sind alle klüger und können mit dem Berliner Olympiastadion die schönste Arena für die Leichtathletik präsentieren. Die Berliner würden eine exzellente WM ausrichten. Ich gehe davon aus, dass man in der IAAF die bei der neuen Bewerbung sichtbare Professionalität honorieren wird."

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