Interview mit IOC-Vize Bach
„In China hat sich viel bewegt“

Wenige Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking wächst die weltweite Empörung über die Internet-Zensur der chinesischen Regierung. Ins Zentrum der Kritik rückt dabei auch das IOC. Im Handelsblatt-Interview verteidigt IOC-Vize Thomas Bach die Vergabe der Olympischen Spiele an China und wehrt sich sich gegen den Vorwurf, die Glaubwürdigkeit des Komitees sei beschädigt.

DÜSSELDORF. Handelsblatt: Herr Bach, Ihr Kollege Kevin Gosper hat zugegeben, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit China ausgehandelt hätte, das Internet zu zensieren. Wussten Sie und IOC-Präsident Jacques Rogge davon?

Bach: Nein. Jacques Rogge hat klar und deutlich gesagt, dass es keinen Handel gegeben hat. Das glaube ich ihm. Es gab hier zu Beginn Einschränkungen. Darüber mussten Gespräche mit den Organisatoren geführt worden. Das haben wir getan, der Zugang ist wieder geöffnet worden.

Am Samstag sprach Rogge nur noch von einem „größtmöglichen Zugang“ zum Netz. Vor zwei Wochen hatte er noch gesagt, alle 25 000 Journalisten könnten frei berichten. Ist die Glaubwürdigkeit des IOC jetzt nicht endgültig beschädigt.

Nein. Die Frage des freien Internet-Zugangs war hier in Peking sicher eine große Herausforderung für das IOC. Es waren Verhandlungen nötig, um den Internet-Zugang wieder zu bewerkstelligen. Die Verhandlungen sind erfolgreich geführt worden.

Sie haben 2001 wahrscheinlich für die Vergabe der Spiele an Peking gestimmt, weil sie hofften, das Land werde sich dadurch weiter öffnen. Fühlen Sie sich jetzt verraten?

Warum sollte ich? Ich habe nie gesagt, für wen ich gestimmt habe.

So sehr, wie Sie China verteidigen, können Sie eigentlich nur für Peking votiert haben.

Ich verteidige die Olympischen Spiele. Heute muss man feststellen, dass sich in China vieles bewegt hat. Im Hinblick auf die Menschenrechte ist China noch nicht dort, wo wir uns das Land wünschen. Es gab damals beim IOC aber auch niemanden, der sagte, mit der Vergabe könnten wir etwa die Menschenrechte zu hundert Prozent verwirklichen. Es ging immer darum, den Prozess zu fördern. Das funktioniert an vielen Punkten, aber es ist längst nicht genug.

Trotzdem gibt es Beispiele wie jenes von Fang Zheng. Der Diskuswerfer wurde 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens von einem Panzer überrollt, verlor beide Beine, darf aber nicht bei den Paralympics starten.

Wir haben deutlich gesagt, dass die Verwirklichung der Menschenrechte in China trotz aller Verbesserungen noch unzureichend ist. Sie können die Lage der Menschenrechte von 1,3 Milliarden Chinesen aber nicht an Einzelfällen diskutieren.

Es sind keine Einzelfälle. Da brauchen Sie nur Amnesty International und Human Rights Watch zu konsultieren.

Mit beiden Organisationen hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in den vergangenen Wochen sehr gut zusammengearbeitet. Es geht um die generelle Situation in China. Einzelbeispiele taugen nicht als schlagendes Argument gegen die Tatsache, dass sich schon viel bewegt hat.

Die heftigen Proteste während des Fackellaufs habe Sie überrascht. Das IOC müsse in dieser Frage selbstkritisch nachdenken, forderten sie. Hat das IOC nachgedacht?

Natürlich. Antworten dürfen Sie aber nicht aus den ersten Emotionen heraus einfordern. Hier müssen wir sorgfältig abwägen und miteinander reden. Kernpunkt meiner Überlegung ist, dass wir deutlicher machen müssen, dass die Fackel ein olympisches Symbol ist und nicht ein Symbol des Gastgeberlandes. Wir könnten es wieder zur Regel machen, dass es den internationalen Teil des Fackellaufs künftig nicht mehr gibt.

Hat das IOC Chinas harten Umgang mit Tibet und das Problem der Menschenrechtsfrage unterschätzt?

Unser Anspruch war und ist, dass die Spiele zur Öffnung Chinas beitragen. Dazu gehört, dass sich die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit verstärkt auf China richten. Insofern hatten wir uns auf Demonstrationen eingestellt. Dass Einzelne versucht haben, das Feuer gewalttätig zu löschen, hat uns tatsächlich überrascht.

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