Interview mit Jan Krzysztof Bielecki, Chef von Polens größter Bank Pekao SA
"Wir können uns rasch anpassen"

Interview mit Jan Krzysztof Bielecki, Chef von Polens größter Bank Pekao SA, warum bei Bankgeschäften in Polen noch enorme Potenziale schlummern

Handelsblatt: Sie sind Chef der größten privaten Bank in Polen, und Sie kennen die Banken im Westen. Wenn Sie einen Vergleich anstellen: Was müssen die polnischen Banken noch besser machen? Oder gibt es kaum noch Unterschiede?

Bielecki: Unterschiede gibt es noch viele. Nehmen Sie z.B. das Verhältnis zwischen den gesamten Aktiva des polnischen Bankensektors und dem Buttoinlandsprodukt (BIP). In Polen machen die Aktiva 60 % aus, in der EU fast 300 %. Eine andere Bezugsgröße ist der Anteil der Kredite am BIP der in Polen 36 % beträgt, in der EU über 100 %. Das BIP beträgt in Polen etwa 200 Mrd. Euro, also wären es 72 Mrd. Euro. Das heißt, dass die Expansionskraft der polnischen Wirtschaft noch längst nicht so weit ist wie in der EU. Wenn man die Nutzung von Bankkonten für die Verrechnungen unter die Lupe nimmt, so sind es für Polen 40 % und für die EU 90 %. Die Marktdurchdringung seitens der Banken beträgt in Polen 17 %, in der EU 75 %. Der Faktor des sog. "cross selling", das heißt des Verkaufs mehrer Bankprodukte an einen Kunden, beträgt in Polen 1,1 % und in Großbritannien 2,7 %. In Polen wird erst jetzt mit der Entwicklung des Hypotheken-Kreditmarkts begonnen, was ein sehr wichtiger Markt ist. Also einerseits wurde im Bankensektor in Polen und bei Pekao speziell ein Großteil der Arbeit hinsichtlich der Anpassung geleistet - beim Ausbau des Daten- und Informationssystems, bei der Kundenbetreuung und bei der Segmentierung, d.h. dem Aufbau von Geschäftsfeldern wie Einzelkundengeschäft, Unternehmensfinanzierung und anderes. Doch wenn es um den Umfang dieser Operationen geht, so besteht da noch sehr viel Spielraum.

Polnische Unternehmen müssen sich künftig auf dem gemeinsamen europäischen Markt behaupten. Die großen Firmen werden dies vermutlich besser schaffen als die kleinen und mittleren. Befürchten Sie ein Sterben kleiner und mittlerer Unternehmen in Polen nach dem EU-Beitritt im Mai 2004?

Ich hoffe nicht, denn die polnische Wirtschaft ist schon seit einiger Zeit zu einem großen Teil eine offene Wirtschaft, die ziemlich radikal dem Konkurrenzdruck aus dem Osten, Westen sowie aus Asien ausgesetzt ist. So besteht eine große Chance, dass Firmen, die ihren Platz auf dem Markt erobert und für sich Marktnischen gefunden haben, weiter existieren werden. Charakteristisch für die Polen ist die Fähigkeit der schnellen Anpassung, was sicherlich eine gute Eigenschaft ist. Deshalb sehe ich den Beitritt Polens zur EU vor allem als Chance und nicht als Gefahr.

Der polnische Kraftstoff-Konzern PKN Orlen wird demnächst seine erste Tankstelle unter diesem Namen in Deutschland eröffnen. Welche Trümpfe können polnische Unternehmen künftig auf dem gemeinsamen europäischen Markt ausspielen? Was wird das "Made in Poland" sein?

Es gibt eine Reihe von für polnische Verhältnisse recht große Firmen, die an der Börse notiert sind - die es geschafft haben, auf den europäischen Markt mit Hilfe von Produkten zu kommen, die sich durch eine gute Qualität zu einem guten Preis auszeichnen. Ein Beispiel dafür ist die Haushaltsgerätefirma Amica Wronki, die es trotz sinkender Nachfrage auf dem deutschen Markt geschafft hat, viele neue Kunden zu gewinnen. Dies hängt sicherlich auch mit einem Umdenken der deutschen Kunden zusammen, die in den letzten Jahren viel preisbewusster geworden sind. Deshalb verzeichnete Amica einen zweistelligen Exportzuwachs nach Deutschland in einer Zeit, als der deutsche Markt in diesem Segment Einbußen erlitten hatte. Ein anderes Beispiel könnten die Erfolge des Autositzherstellers Groslin sein, der nicht nur im Fußball Herta BSC Berlin zugesetzt hat, sondern Abnehmer unter den besten europäischen Firmen gefunden hat. Dies ist also ein Zeichen dafür, dass polnische Unternehmen immer wieder auch in "Halbnischen" erfolgreich sein können. Im Fall Polens ist es natürlich schwer von "polnischen" Firmen zu sprechen, da viele Unternehmen auch ausländische Eigentümer haben. Solch ein Beispiel ist auch die Bank Pekao.

Welche künftigen Chancen auf den östlichen Märkten überhaupt sehen Sie für polnische Unternehmen?

Traditionell waren wir auf den dortigen Märkten in den Bereichen Textil, Holzverarbeitung und Lebensmittelverarbeitung sehr aktiv. Dies könnte auch in den nächsten Jahren eine Chance sein. Doch in der weiteren Zukunft sehe ich die Herausforderung vor allem darin, qualitativ höher verarbeitete polnische Produkte zu exportieren. Polen sollte mehr hochverarbeitete Produkte herstellen, denn in Anbetracht der wachsenden Arbeitskosten und des wachsenden Wohlstandes der Arbeitskräfte wird man in Polen immer stärker nach billigeren Produktionsstandorten suchen und sich dafür stärker auf die Produktion hochwertiger Produkte konzentrieren müssen. Philips denkt zum Beispiel daran, einen Teil seiner Produktion nach Polen zu verlegen, während vielleicht polnische Unternehmen die Produktion ihrerseits weiter nach Osten verschieben werden. Der polnische Arbeiter ist heute etwa sechsmal so teuer wie ein Arbeiter in der Ukraine.

Sie waren wirtschaftlicher Berater der 1980 entstandenen Gewerkschaft "Solidarität", Ministerpräsident, Minister und einer der Direktoren der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Ab wann haben Sie sich stärker mit den Perspektiven Europas beschäftigt? Welche europäischen Erfahrungen haben sie geprägt?

Man kann sich auf zwei Ebenen über Europa unterhalten. Die eine Ebene ist die politische, und die wollen wir jetzt einmal beiseite lassen, denn es wird mehr als genug darüber gesprochen. Das sind Regierungsverhandlungen oder Verhandlungen über die EU-Verfassung. Doch die Arbeit in London in einer internationalen Institution hat mir die Arbeitsweise einer europäischen Institution nahegelegt. Jeden Freitag gab es dort eine Art EU-Meeting zwischen Vertretern der EU-Mitglieder und derjenigen Staaten, die EU-Mitglieder werden wollen. Vorher, in meinen ersten politischen Jahren in Warschau bis 1993, habe ich die europäischen Beziehungen auf der oberen, politischen Ebene durchspielen müssen. In den darauffolgenden Jahren in London habe ich das gleiche aus der Arbeitsperspektive getan. Und diese Erfahrung schätze ich sehr, ohne diese Erfahrung könnte ich es mir zum Beispiel nicht vorstellen eines Tages nach Brüssel zu fahren und dort effizient zu arbeiten. Was Polen derzeit sehr fehlt, ist ein Kader von mehreren tausend Menschen, die sich in europäischen Strukturen gut einfinden, dort arbeiten würden und über eine entsprechende Praxis verfügen. Das war einst auch ein Problem Spaniens.

Was bewegt Sie, wenn Sie die einheitliche Front von Politikern und Journalisten in Ihrem Land unter dem Motto "Nizza oder der Tod" sehen? Hängen die EU-Perspektiven Polens tatsächlich vorrangig von der Stimmengewichtung im Europäischen Rat ab?

Das ist für uns Polen eine sehr schwierige Frage, denn die Kampagne für das EU-Referendum wurde zu einem großen Teil unter Verweis auf die Vorteile geführt, die sich für Polen aus dem Nizza-Vertrag ergeben. Und die Kampagne wurde so geführt, dass die außerordentliche Rolle Polens, die sich aus dem Nizza-Vertrag ergibt, besonders hervorgehoben wurde. So wurde in Polen auch nicht darüber gesprochen, dass in der EU eigentlich kaum jemand mit der Ergebnissen von Nizza zufrieden war. Deshalb befinden wir uns in einer psychologisch schwierigen Situation, da ein Großteil der Polen befürchtet, dass sich im Zuge der neuen europäischen Verfassung die Position Polens in der erweiterten EU verschlechtern wird.

Politisch kommen Sie aus dem wirtschaftsliberalen Milieu in Danzig. Wo in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt es heute in Polen liberales Denken? Und wie weit ist es verbreitet?

Es gibt viel Liberalismus im heutigen Polen, doch nicht unter diesem Begriff. Selbst wenn von den Vorschlägen zur Steuerreform in Polen die Rede ist, die eindeutig in Richtung Steuersenkung gehen, so spricht selbst Premier Miller als Chef einer sozialdemokratischen Regierung davon, dass niedrige Steuern sehr gut sind. Also dies ist das beste Beispiel für liberales Denken. Das liberale Denken ist eher versteckt, doch es ist in Polen präsent. Auch wenn Wirtschaftsminister Hausner vorschlägt, die sozialen Ausgaben einzuschränken, so ist dies ein Beispiel einer Politik, die in die richtige Richtung geht.

Können Sie sich nach Ihrer Arbeit in der Bank wieder ein Engagement in der Politik vorstellen?

Vorerst schließe ich das aus, denn für uns ist es jetzt vor allem wichtig, mit der Bank erfolgreich zu sein. Sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren, das ist die wichtigste Frage. Zusammen mit den 16 000 Beschäftigten müssen wir Erfolg haben, denn wir brauchen ihn, genauso wie Polen.

Die Fragen stellte Reinhold Vetter

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