Interview mit Ostausschuss-Sprecher Andres Metz
„Osteuropa bietet deutschen Firmen noch viel Potenzial“

Niedrigeres Lohn- und Energiekostenniveau, steigende Kaufkraft und wachsende Absatzchancen auf den dortigen Märkten - immer mehr deutsche Unternehmen entdecken Osteuropa für sich. Mit gutem Grund, findet Andeas Metz, Sprecher des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, und erklärt im Interview mit Handelsblatt.com, für welche Branchen ein Engagement dort besonders vielversprechend ist und welche Länder die attraktivsten sind.

Frage: Seit einigen Jahren expandieren immer mehr deutsche Firmen in Richtung Osten. Würden Sie von einem Trend "Go East" sprechen?

Metz: Das auf alle Fälle. Derzeit stammen 16 Prozent des deutschen Handelsvolumens aus Transaktionen mit Osteuropa. Das ist ein deutlich höherer Anteil als der Handel mit den Amerikanern ausmacht. Deutsche Unternehmen nutzen jetzt die Chance, wachsende Märkte zu besetzen und damit andere, sich abschwächende Märkte zu kompensieren.

Ein großer Vorteil der osteuropäischen Staaten ist die Nähe zu Deutschland. Außerdem steigt die Kaufkraft der Osteuropäer kontinuierlich. Das schafft neue Möglichkeit zum Absatz von Konsumgütern.

Welche Länder sind bei den deutschen Investoren besonders beliebt?

Als die Aufnahme von Rumänien und Bulgarien feststand, stieg das Interesse für die beiden Länder sprunghaft. Besonders für Rumänien. Dabei hat die eigentliche Mitgliedschaft an den Zuständen nicht sonderlich viel geändert.

Auch die Ukraine ist ein willkommener Partner für die deutsche Wirtschaft. Die politische Instabilität ist zwar ein Problem, aber der große Agrarmarkt lockt. Mit deutschen Düngemitteln und landwirtschaftlichen Anlagen könnte die Produktion von Nahrungsmitteln um ein Vielfaches gesteigert werden. Maschinenbau ist schließlich eine typisch deutsche Stärke.

Obwohl Kasachstan viel kleiner ist als die Ukraine, liegen beide Länder im Handel mit Deutschland gleich auf. Kasachstans größte Stärke sind die reichhaltigen Rohstoffquellen. Auch Aserbaidschan sollte im Auge behalten werden. Das ist ein Reformchampion, der in letzter Zeit immer öfter positiv aufgefallen ist.

Sind Polen und Ungarn auf Grund gestiegener Lohnkosten schon wieder weniger interessant für deutsche Unternehmen?

Man könnte sagen, dass es einen leichten Trend gibt, die Fertigung eher in die Ukraine zu verlagern. Zweifellos war die Lohnsteigerung in den beiden Ländern in den vergangenen Jahren sehr stark. Polen und Tschechien bleiben aber als Märkte trotzdem spannend. Zum Beispiel führt Polen demnächst den Euro ein, was vieles einfacher machen wird. Aber beide Länder sind schon fest etabliert. Polen und Russland liegen beim Handelsvolumen mit Deutschland gleichauf. Da Russland wesentlich größer ist, gibt es dort noch mehr Entwicklungsmöglichkeiten.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation Russlands im Hinblick auf den Börsenverfall und den Kaukasus-Konflikt ein?

Die Eintrübung an den Börsen, die seit dem Frühjahr anhält, ist vielleicht nicht das Schlechteste. Eine sinnvolle Korrektur der überhitzten Wirtschaft war angebracht. Der Kaukasuskonflikt hat zwar den Kursverfall verstärkt. Aber wir haben nicht beobachtet, dass diese Krise Investitionen verschoben hätte. Der Handel mit Georgien ist sowieso auf einem sehr niedrigen Niveau.

Seit Putin für stabile politische Verhältnisse gesorgt hat, verzeichnet die russische Wirtschaft stabile Zuwachsraten um die sechs Prozent. Der Im- und Export mit Deutschland wuchs sogar jährlich um 23 Prozent. Und ich sehe da noch viel Potenzial.

4800 deutsche Unternehmer haben bereits den Sprung nach Russland gewagt. Was bietet ihnen das riesige Land?

Die russische Wirtschaft ist sehr rohstofflastig. Dort fehlen Innovationen und die Infrastruktur liegt teilweise noch 20 Jahre hinter westeuropäischen Standards zurück. Genau das sind aber die Stärken der deutschen Wirtschaft. Da in Deutschland die Rohstoffe fehlen, ergänzen sich beide Wirtschaften.

Russland ist immer noch kein Paradies für Investoren. Aber die Situation ist heute viel besser als in den 90er Jahren. Es gibt mehr Rechtssicherheit, auch wenn Korruption immer noch ein Thema ist. Präsident Medwedjew hat versprochen, dagegen vorzugehen. Die Russen wissen ja selbst, wo die Probleme liegen. Aber den Worten müssen eben auch Taten folgen.

Gibt es gewisse Branchen, die besonders Osteuropa-affin sind?

Auf jeden Fall die Maschinenbauer und der Anlagebau. Aber auch die Automobilbranche geht gen Osten. Schließlich hat sich zum Beispiel der Absatz von Neuwagen in Russland binnen eines Jahres verdoppelt. Da die Russen ihre Märkte teilweise mit Schutzzöllen belegen, ziehen die großen Werke auch viele Zulieferbetriebe an. Viele mittelständische Unternehmen haben so den Weg in den Osten gefunden. Auch auf dem Banken- und dem Energiemarkt kann man eine Durchmischung beobachten.

Interessant ist auch, dass sich die deutschen Firmen nicht mehr bloß auf die Zentren konzentrieren. Moskau ist unglaublich teuer geworden und quasi leergefegt, was Fachkräfte angeht. So schaut man sich jetzt eher in Jekaterinenburg und Novosibirsk um. Auch Sibirien hat viel Potenzial. Wie überhaupt der ganze Osten.

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