Interview mit Paul Tagliabue, Commissioner der National Football League
"Wir wünschten uns jedes Team wäre so wie Fire und Galaxy"

Hohe Erwartungen setzt die American Football-Liga (NFL) in ihre Tochter NFL Europe, die am Samstag in ihre zehnte Saison startet. Im Gespräch mit dem Handelsblatt spricht der Chef der NFL-Muttergesellschaft, Paul Tagliabue, die Erfahrungen und Pläne mit der Liga.

Erinnern wir uns an den Start der World League. Was waren die größten Veränderungen seitdem, welches die größten Überraschungen und Enttäuschungen?

Vor 10 Jahren hätten wir nicht gedacht, dass wir eine rein europäische Liga haben würden. Zu dieser Zeit planten wir eine Liga mit mehr amerikanischen als europäischen Teams. Wir hätten auch nicht gedacht, dass die Liga eine solche Qualität bekommen würde, dass wir sie NFL nennen können. Es war eine sehr bewusste Entscheidung, damals den Titel NFL nicht zu verwenden.
Wir haben sicherlich das Potenzial des Fernsehens überschätzt. Wir sind nur ein Nischenprodukt. Einige der jüngsten Entwicklungen im Privatfernsehen, so bei der Kirch-Gruppe, zeigen, dass der Sport es schwer haben wird, im Sattel des TV-Tigers zu bleiben in diesen sich ständig wandelnden Zeiten. Wir haben aber sicher auch nicht den Erfolg in Düsseldorf und Frankfurt in diesem Ausmaß erwartet. Die einen haben wir über- die anderen unterschätzt.

Hätten Sie gedacht, London schließen zu müssen, obwohl dort die Ligenzentrale sitzt?

Nein. Wir haben London überschätzt. Es gab auch Probleme mit dem Stadion. Unsere Erfahrungen mit Wembley waren sehr positiv. Als wir in anderen Stadien spielen mussten, hatten wir architektonische Probleme. Die Umstände waren selbst für einen Nischensport weit von "ideal" entfernt.

Derzeit haben wir zwei Klassen von Teams. Auf der einen Seite Fire und Galaxy, auf der anderen Seite der Rest. Können Sie damit zufrieden sein?

Man ist nie zufrieden. Wir wünschten uns jedes Team wäre so wie Fire und Galaxy. Als wir nach Amsterdam gingen, hatten wir kein vorhandenes Interesse an unserem Sport. Unsere Entscheidung basierte auf der Offenheit der Niederländer, vor allem gegenüber den USA, dem Verständnis der amerikanischen Sprache und Kultur. Die Fortschritte in Amsterdam halte ich aber für sehr positiv. Die Unterstützung aus der Sponsorenschaft, die unseren Sport überhaupt nicht kannte, ist sehr gut.
Natürlich erlebt man beim Aufbau einer solchen Liga Frustration, Barcelona ist da ein Beispiel dafür. Wir überschätzten das Potenzial dort nach dem Enthusiasmus rund um die Olympischen Spiele 92 und die Unterstützung für die American Bowl-Spiele. Wir unterschätzten die Schwierigkeiten, einen Sport wir unseren in einen Region wie Katalonien zu bringen, die eine ganz eigene Sportkultur mit dem FC Barcelona als Mittelpunkt hat.
Die Partnerschaft mit Barca ist ein großer Schritt vorwärts. Das Stadion liegt jetzt erheblich zentraler und ist einfacher zu erreichen. Das Olympiastadion ist nur schwer mit öffentlichem Nahverkehr zu erreichen und viel zu groß.

Wie sehen sie Berlin Thunder?

Das Potenzial in Berlin haben wir überschätzt, die Schwierigkeiten, Hürden zwischen Ost- und Westberlin zu überwinden haben wir unterschätzt. Aber diese Probleme hat wohl ganz Deutschland unterschätzt.

Würden Sie zustimmen, wenn man sagt, die NFL Europe ist in Wirklichkeit eine NFL Germany?

Das denke ich nicht. Wir haben erfolgreiche World Bowls in Amsterdam und Schottland gespielt. Ich persönlich habe immer geglaubt, dass es lange dauern wird, unseren Sport nach Europa zu transportieren. Ich war von 1969 bis 1980 im Fußball-Bereich in den USA tätig. Das war die Zeit, als Cosmos New York immensen Erfolg hatte mit Pele und Beckenbauer. Das RFK-Stadium war damals beim Spiel Washington - NY ausverkauft. Das hat der Fußball danach nie wieder geschafft. Es ist eine harte Aufgabe, einen Sport in eine andere Kultur zu übertragen.

Was haben Sie von europäischen Ligen gelernt und was können die von Ihnen lernen?

Die Vertiefung des Verständnisses, was einen Sport ausmacht, ist ein dauerhafter Prozess. Selbst in den USA gibt es keine einheitliche Meinung dazu. Nach meiner Meinung ist es das Gefühl von Gemeinschaft Ich glaube, die primären Gründe für das Interesse an Sport sind das Gefühl für Gemeinschaft, das Gefühl, Mitbesitzer eines Teams zu sein und die Bewunderung für Athleten. Zu letzterem gehören die Bewunderung für die übermenschlichen Dinge, die ein Sportler auf einem Feld, einer Bahn oder in einem Ring leistet und Respekt für den Athleten als Führer in einer Gemeinschaft. Viele sagen, Sport sei nur Entertainment und damit nicht anders als Musik oder Kino. Ich glaube die Beweggründe für das Interesse sind total verschieden.
Man muss ein tieferes Verständnis für diese Motivation erlangen um Erfolg mit einer Liga zu haben. Was man Jahr für Jahr tut ist taktisch. Langfristig muss man einen langwierigen Prozess anstoßen, um Menschen dazu zu bekommen, den Sport auszuüben. Das ist das Schwierigste.

Aber das ist in Deutschland und Europa nun wirklich ein langer Weg. Wäre es zunächst nicht einmal wichtig, ausländische Spieler in der NFL zu haben - ähnlich wie das in der NBA der Fall ist?

Das ist ein guter Vergleich. Ich war lange Jahre im Basketballbereich tätig. Ein Mitglied der italienischen Nationalmannschaft, die bei Olympia 1960 Bronze gewann, erzählte mir, dass mit diesem Erfolg das Interesse an Basketball in Italien explodiert ist. Das war die Geburtsstunde für die italienische Liga, bald darauf kamen die ersten US-Spieler um dort zu spielen - mit großen Verträgen. Das war vor 42 Jahren. Wir sind gerade mal hier seit zehn Jahren. Wenn ich mir vorstelle, wo wir in 30 Jahren sind, dann bin ich sehr optimistisch. Ich glaube nämlich, dass die Zeitspanne bis zum Erfolg durch Fernsehen und Internet verkürzt wird. Man kann das heute schon sehen.
Ich hatte gestern ein Treffen in Paris mit dem Chef des französischen Football-Verbands. Dort gibt es einige gute Spieler, genauso wie hier in Deutschland.
Das Problem, das wir derzeit aber haben, ist: Je besser die Qualität der NFL Europe, desto schwerer wird es für europäische Spieler, sich durchzusetzen. Es gibt in Katalonien Spieler, die Barcelona-Coach Jack Bicknell für sehr gute potenzielle College-Spieler in den USA hält. Aber sie sind nicht gut genug für die NFL Europe. Es ist eine große Herausforderung, eine Liga zu schaffen die hohe Qualität hat und gleichzeitig lokalen Spielern die Gelegenheit zu geben, zu spielen.
Etwas was wir übrigens beim Start der NFL Europe auch nicht erwartet hatten, war die Entwicklung des europäischen Fußballs mit der Freigabe der Ausländerbegrenzung und dem rasanten Aufstieg der Super-Teams verbunden mit dem Appeal gegenüber jungen Fans.

Könnte denn die Barca-Kooperation ein Vorbild für den Rest der Liga sein?

Es könnte so sein. Als die Idee mit Barca im November 2000 zum ersten Mal aufkam, kam die Initiative vom FC Barcelona. Wir hatten an ähnliches auch schon gedacht. Barca glaubt, dass dies durchaus ein Vorbild für die anderen Clubs sein könnte. Wir versuchen in jeder Stadt Beratungsgremien zu halten. Ich glaube, das Modell könnte durchaus adaptiert werden.

Können Sie sich denn vorstellen auch ein Team komplett zu verkaufen wie in den USA?

Man kann das nicht ausschließen. Es würde die Flexibilität erhöhen und uns das Controlling erleichtern. Ich halte es derzeit nicht für den richtigen Weg, aber in der Zukunft könnte sich das ändern. Es wird in der Ligenstruktur mit Sicherheit eine Evolution geben.

Es ist interessant, wo Sie während Ihres Europabesuchs hinreisen. Sie waren in Paris - es gab schon im letzten Jahr Gerüchte um eine Erweiterung der Liga. Madrid und Paris galten dabei als heiße Kandidaten...

Madrid ist sicher weiterhin eine Option. Wir haben uns Paris angeschaut aber genauso vier oder fünf andere Städte in Frankreich: Lyon, Marseille, Toulouse, zum Beispiel. Paris ist nicht der aktuelle Fokus. Die anderen Städte haben eine gute Infrastruktur für Sport. Die Möglichkeiten sind dort ähnlich wie in Düsseldorf oder Frankfurt. Wir wollen nicht den Fehler machen, den wir mit London gemacht haben.

Wann könnte es so weit sein?

Wir haben unseren Besitzern gesagt, dass wir ihnen im Herbst einen vollen Bericht liefern. Wir werden dieses Jahr die Fortschritte beobachten und dann abschätzen, wo wir stehen.

Zehn Jahre in der Zukunft - wo wird die NFL Europe stehen? Spielen dann vielleicht die NFL Europe Teams als Division der NFL?

Ich schätze, es wird weiter eine erweiterte NFL Europe geben mit mehr europäischen Spielern geben und mehr Sendezeit im europäischen Fernsehen. Das macht mehr Sinn, als die NFL auf 34 oder 36 Teams auszudehnen. Ich glaube, es würde uns nicht dabei helfen, Menschen zu unserem Spiel zu bewegen, wenn nur sechs Teams in Europa spielen würden. Wir hätten nicht genug europäische Spieler.
Im Moment haben wir nur wenige, aber das kann sich schnell ändern. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass so viele amerikanische Fußballer in Europa spielen? Wer hätte gedacht, dass sich Fußball-Fans derart mit ausländischen Spielern identifizieren?

Es gibt immer wieder Gerüchte, auch andere US-Ligen planten einen Einstieg in Europa. Was halten Sie davon?

Im Moment sagt mir mein Gefühl, dass dies nicht kommen wird. Diese Expansionspläne wurden getrieben vom Glauben, das TV sei die goldene Gans für den Sport. Wir sehen jetzt in den USA, dass die Entwicklung der Fernsehgelder ihren Höhepunkt überschritten hat.
In den USA gibt es nur noch zwei Fernsehgroßereignisse, die Zuschauer und Werbung anziehen: die Olympischen Spiele und die NFL. Die meisten NBA-Spiele laufen im Kabelfernsehen mit sehr limitierte Zuschauerschaft. NBC überträgt nur wenige NBA-Spiele.
Ich sehe unseren Erfolg auch als Beweis für unser Konzept, fast alle Spiele auf einen Tag, den Sonntag, zu konzentrieren. Das gibt uns einen Vorteil bei den großen Sendern. Wenn man realisiert, dass die Möglichkeiten des Fernsehens begrenzt sind, wird man auch moderater was Expansionspläne betrifft.

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