Interview mit Ron Sommer: Telekom will bei UMTS ganz vorne sein

Interview mit Ron Sommer
Telekom will bei UMTS ganz vorne sein

Der Telekom-Chef Ron Sommer nimmt im Interview mit dem Handelsblatt Stellung zum Börsengang von T-Mobile, zum Schuldenabbau und zu den Chancen auf dem US-Markt.

HB: Herr Sommer, im Juni soll T-Mobile an die Börse. Wie wollen Sie die neuen Papiere unters Volk bringen nach dem Flop der letzten Börsengänge von Telekom und T-Online?

Sommer: Jeder der Börsengänge war ein Erfolg. Was wir nicht prognostizieren konnten, waren die kurzfristigen Zyklen an den Börsen. Aber wir können schließlich nicht für Spekulanten arbeiten. Wir können nur an einer langfristigen Strategie und den Fundamentaldaten arbeiten. Und das tun wir. Und ich sage Ihnen, die Telekom ist heute ein viel besseres und stärkeres Unternehmen als wir es bei jedem der bisherigen Börsengänge waren.

HB: Das Klima an der Börse ist zurzeit aber ziemlich rau.

Sommer: Als wir mit der T-Online im April 2000 an die Börse gingen, da sagten mir die Leute, das ist aber ein schlechtes Wetter, um an die Börse zu gehen. Aus heutiger Sicht wissen wir, was schlechtes Wetter wirklich bedeutet. Die Börse erlebt auch immer wieder Modetrends. Und das Gefährlichste für ein großes Unternehmen ist, diesen Modetrends quartalsweise zu folgen. Wir sind nicht am maximalen Preis interessiert, der an dem Tag zu erzielen ist. Für uns ist ein anderer Punkt viel wichtiger: Wir müssen es schaffen, die T-Mobile-Aktie so zu platzieren, dass sich der Kurs von da ab kontinuierlich nach oben entwickelt. Wir verkaufen nicht das Unternehmen, 80 bis 90 Prozent werden weiter den T-Aktionären gehören. Der vorrangige Zweck ist die Akquisitionswährung.

HB: Für einen erfolgreichen Börsengang brauchen Sie gute Nachrichten. Woher sollen die denn in diesem Jahr im Mobilfunk kommen?

Sommer: Es gibt doch eine Reihe von guten Nachrichten. T-Mobile ist hervorragend positioniert, wir sind unter anderem Nummer eins beim Wachstum im amerikanischen Markt und wir sind Marktführer in Deutschland und wachsen hier weiter schneller als die Nummer zwei. Darüber hinaus ist T-Mobile Teil eines integrierten Telekommunikationsanbieters - mit allen sich daraus ergebenden Vorteilen. Künftig wird es für den Kunden keinen Unterschied mehr machen, ob er seine Breitband-Anwendungen mobil oder im Festnetz nutzt.

HB: Die Börse honoriert zurzeit keine Wachstumsstorys.

Sommer: Was ist daran das Problem? Wenn, dann ist das nur ein kurzfristiges Problem. Wenn Sie ein Unternehmen der Größenordnung Siemens oder der Größenordnung Telekom nach den Modetrends der Düsseldorfer Königsallee führen wollen, dann fahren Sie es gegen die Wand.

HB: T-Mobile ist also kein Wachstumswert?

Sommer: Natürlich - aber nicht nur.

HB: Wollen Sie aus T-Mobile eine zweite Volksaktie machen?

Sommer: Volksaktien haben wir noch nie verkauft, auch die T-Aktie ist keine Volksaktie. Volksaktie ist ein Begriff aus anderen Zeiten und für andere Unternehmen. Wir sind eine große Publikumsaktie, das ist gar keine Frage bei drei Millionen Anteilseignern.

HB: Wann müssen Sie die Entscheidung über den Zeitpunkt des Börsengangs treffen? Sie hatten ja den Juni und den November als mögliche Termine genannt. Ist es für Juni nicht schon zu spät?

Sommer: Nein. Ich hätte nicht Juni gesagt, wenn es dafür schon zu spät wäre. Wir haben noch Zeit für die endgültigen Bekanntgaben, bis weit in den März hinein.

HB: Was sind denn nun eigentlich die Good News, die Sie Ihren drei Millionen Aktionären in diesem Jahr anbieten wollen? Bisher gibt es ja nur die Hoffnung, dass es aufwärts gehen wird für die Telekom.

Sommer: Vergleichen Sie doch einfach mal unsere heutige Situation mit 1996, als wir angetreten sind zum ersten Börsengang. Wir waren Monopolist, unproduktiv. Wir haben zugeben müssen, dass wir mindestens 60 000 Leute zu viel haben, und 60 Mrd. DM Schulden, und nur eine Eigenkapitalquote von 15 Prozent. Und über Wachstum wollte keiner mit uns reden. Heute sieht man uns mit anderen Augen. Wir haben bewiesen, dass wir restrukturieren können - trotz der härtesten Regulierung. Wir wollen halten, was wir zugesagt haben: dass wir die Erwartungen erfüllen, und die versprochenen Ergebnisse liefern. Mehr wollen die Aktionäre auch gar nicht. Das steht für sie im Vordergrund.

HB: Warum haben Voicestream-Aktionäre dann ihre T-Aktien so schnell wie möglich verkauft?

Sommer: Das stimmt doch gar nicht. Es ist umgeschichtet worden. Wir haben heute ein Drittel der frei handelbaren Aktien in den USA, also sind wir durch die Voicestream-Transaktion wesentlich stärker in den USA geworden. Zum Teil war es bei den Verkäufen, die es etwa von Sonera und Hutchison gegeben hat, auch keine Frage des Wollens, sondern des Müssens, um Geld in die Kassen zu bekommen.

HB: Voicestream haben Sie teuer bezahlt: Sie haben knapp 40 Milliarden Euro ausgegeben und dafür die Nummer sechs auf dem US-Markt erhalten.

Sommer: Sicher, das war kein risikoloses Unterfangen, aber wir haben mit Voicestream die Nummer eins in den USA mit GSM-Technik erworben. Wir müssen in den USA auch noch beweisen, wie gut wir sind. Aber trotzdem dürfen wir die Situation in den USA nicht mit europäischen Augen sehen. Dort nach Teilnehmerzahlen die Nummer sechs zu sein, ist nämlich gar nicht so schlecht - das ist eine tolle Position, wenn man sich die Probleme der Nummern eins bis fünf anschaut. Schauen Sie auf die Nummer eins, Verizon Wireless, an der Vodafone nur eine Minderheitsbeteiligung hat. Die Verhältnisse der Eigentümer dort sind angespannt. Von den anderen haben zwei Unternehmen den Umbau der Technik auf den GSM-Standard erst noch vor sich. Und seien Sie versichert: Voicestream bleibt nicht die Nummer sechs.

HB: Sondern?

Sommer: Wir werden in den USA sicher eines der bedeutendsten mobilen Unternehmen sein, unter anderem auch dadurch, dass sich die Anzahl der Player dort reduzieren wird. Da sind aber viele Szenarien möglich.

HB: Also wollen Sie in den USA Unternehmen dazukaufen?

Sommer: Das habe ich nicht gesagt, ich habe nur gesagt, es wird auf Dauer nicht sechs Player geben. Um uns mache ich mir keine Sorgen, wir wachsen gut. Wir sind daher zurzeit nicht in Einkaufsstimmung. Aber ich sehe mit Interesse, wie immer mehr Unternehmen sich vom Markt verabschieden oder bitten, gekauft zu werden. Die Preise sinken weiter.

HB: Wenn der Börsengang von T-Mobile nicht den erhofften Erlös bringt und auch der Verkauf des TV-Kabelnetzes an Liberty Media endgültig scheitert, gerät Ihr Schuldenabbau ins Stocken. Ihnen fehlen dann 15,5 Mrd. Euro. Das könnte teure Auswirkungen haben.

Sommer: Kurzfristig, ja. Aber wenn man die Telekom sieht mit einer Bilanz von 170 Mrd. Euro, mit Eigenkapital in Höhe von 70 Mrd. Euro, dann gibt das dem Thema eine andere Relation. Wir sind gut durchfinanziert und halten konsequent am Zielpunkt Schuldenabbau bis auf 50 Milliarden Euro fest.

HB: Die Rating-Agenturen haben da ein anderes Gefühl.

Sommer: Es würde auch ein paar negative Geschichten in den Medien geben, das ist logisch. Nach dem Motto: Sommer kriegt die Verschuldung nicht runter. Was natürlich drohen könnte, wäre ein Herabstufen unserer Kreditwürdigkeit durch die Rating-Agenturen. Das würde uns 80 bis 100 Mill. Euro an zusätzlichen Zinszahlungen kosten, bei einem Zinsaufwand von insgesamt etwa 4,5 Mrd. Euro pro Jahr. Aber auf der anderen Seite: Wir werden das Kabel nicht verschenken.

HB: T-Mobile hat den kommerziellen UMTS-Start nach hinten verschoben, Vodafone will schneller starten. Hängt Chris Gent Sie ab?

Sommer: Nein, seien Sie versichert, die Telekom wird bei UMTS ganz vorne sein, alle unsere Vorbereitungen laufen auf vollen Touren. Es gibt keinen zeitlichen Vorsprung in der Technik. Es gibt aber einen Punkt, wo wir deutlich vorn liegen: bei den Anwendungen. Der Kunde fährt nicht auf die pure Technik ab, sondern auf Dienste, die ihm eindeutig nutzen.

HB: Sie wollen T-Mobile als globale Marke etablieren. Auch bei dem Thema ist Vodafone weiter.

Sommer: Ich bitte Sie, wo sind die denn weiter? In den USA heißt Vodafone noch Verizon Wireless und hat die falsche Technologie, weil sie kein GSM nutzt. Da kann ich Ihnen noch mehr Beispiele nennen. Und was heißt hier, Vodafone hat 100 Millionen Kunden? Ziehen Sie bitte alle die in den USA ab, das sind nicht deren Kunden - die gehören Vodafone nur zu 45 Prozent. Meine Kunden zählen wirklich zu T-Mobile und verwenden GSM-Technologie. So einfach ist die Geschichte.

HB: Also alles nur Bluff bei Vodafone?

Sommer: Ich habe großen Respekt, dass man dort diesen Kult entwickeln konnte. Wir müssen einfach härter arbeiten, weil wir noch gewisse Erbschaften aus unserer Vergangenheit haben. Bei einem müssen Sie aber zustimmen: Es war auch eine Leistung, das Magenta-T als Marke zu etablieren. Das haben wir weder vom Bundesrat noch von sonst wem beschließen lassen, sondern das ist wirklich selbst geschaffen.

HB: Es gibt kaum ein Unternehmen, das so sehr mit dem Namen des Vorstandsvorsitzenden verknüpft ist wie die Telekom mit Ron Sommer. Sie sind Mister Telekom. Es gibt keinen Mister T-Online oder Mister T-Mobile. Wird es nicht Zeit, das zu ändern?

Sommer: Kai-Uwe Ricke ist mit seiner Mannschaft natürlich im Zentrum von T-Mobile, Thomas Holtrop bei T-Online ebenfalls. Aber die Welt ist eben so wie sie ist. Es gibt ja auch tolle Bundesminister, aber letztlich gucken die Leute auf den Bundeskanzler.

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