Interview mit Stephan Kohler
„Das Verbundnetz muss optimiert werden.“

"Die Standorte, die um das Offshore-Geschäft konkurrieren, müssen unbedingt konzeptionell vernetzt werden. Denn Arbeit ist für alle da", sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie Agentur (dena) im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Wären die deutschen Planer von Offshore-Windparks nicht besser beraten, ähnlich wie Dänemark, die ersten Pilotanlagen in flacheren Gewässern zu bauen und nicht gleich in Wassertiefen von 30 Metern und mehr zu gehen?

Ich kann nur sagen, glückliches Dänemark. Wir haben weder in Nord- noch Ostsee solche Standorte für Offshore-Windparks. In der Nordsee kollidieren potenzielle Flächen mit dem Nationalpark Wattenmeer und mit den beiden wichtigen Schiffsrouten Richtung Hamburg. Es ergibt sich aber so ein Wettbewerbsvorteil für die deutsche Windindustrie bei Offshore-Geschäften im Ausland, wo es auch nicht nur flache Gewässer gibt.

Wann rechnen Sie damit, dass die geplanten Offshore-Anlagen auch wirklich in Wassertiefen von 30 Metern und mehr aufgestellt werden?

Ein führender deutscher Hersteller hat angekündigt, dass der erste Prototyp seiner 4,5-Megawatt-Maschine auf Land aufgestellt wird. Andere Hersteller haben angekündigt, im nächsten Jahr folgen zu wollen. Diese Anlagen werden erst einmal intensiv an Land getestet. Deshalb sehen wir diese neue Maschinen auf See nicht vor dem Jahr 2005/2006 in Betrieb gehen. Alles andere wäre auch ein zu großes technisches Risiko.

Zeichnet sich mit dem Bau von Offshore-Windfarmen in der Nord- und Ostsee nicht eine Umstrukturierung des deutschen Verbundnetzes ab, das sich bislang eher an historischen Verbrauchszentren orientiert hat?

Es gilt jetzt, das deutsche Verbundnetz in Richtung Offshore-Windenergie zu optimieren. Das ist aber prinzipiell nichts Neues. Der Grundgedanke des energiewirtschaftlichen Verbundes ist, unterschiedliche Kraftwerkstypen mit verschiedenen Erzeugungscharakteristiken miteinander zu verbinden, um damit Synergieeffekte zu erzielen. Deshalb wurden z.B. rheinische Braunkohlekraftwerke über das Verbundnetz mit Wasserkraftwerken in Süddeutschland und Österreich verbunden, also Grundlastkraftwerke im Norden mit den Speicherkraftwerken im Süden. In das heute bestehende Verbundnetz müssen nun in den kommenden Jahren die neuen Windkraftwerke in der Nord- und Ostsee integriert werden, wofür auch ein zusätzlicher Ausbau des Verbundnetzes erforderlich sein wird.

Was muss getan werden, um die deutschen Stromnetze "offshore-tauglich" zu machen?

Es gibt keine spezifische Offshore-Tauglichkeit, das vorab. Wir müssen die 220/380-kV-Leitungen Richtung Nordsee verstärken. Nord- und Ostfriesland haben nicht die Verbrauchsschwerpunkte, um dort den Windstrom von der See gleich zu verbrauchen. Meines Erachtens ist es unverzichtbar, die Trassen Richtung Ruhrgebiet sowie Richtung Hannover und Kassel, sprich in den Frankfurter Raum, auszubauen und zu verstärken. Wenn das gemacht wird, sehe ich keine Schwierigkeiten, etwa 10 000 Megawatt Windstromleistung bis zum Jahr 2015 in das Verbundnetz integrieren zu können.

Das bleibt aber nicht ohne Auswirkungen auf die bestehende Kraftwerksstruktur?

Dieser Punkt ist beim Thema Offshore-Ausbau bislang vernachlässigt worden. Unsere Einschätzung ist eindeutig: Wir werden künftig mehr Mittellast- und Spitzenlastkraftwerke bekommen, die zur Regelung und Steuerung eingesetzt werden. Offshore-Windparks, die mit einer jährlichen Benutzungsstundendauer von bis zu etwa 4 200 Stunden ins Netz einspeisen werden, sind untere Mittellastkraftwerke, die zur Regelung und zur Reserve Mittellast- und Spitzenlastkraftwerke erfordern. Der Vorteil ist, dass der Aufbau der Offshore-Kapazitäten zeitlich zusammen mit der Erneuerung des heutigen Kraftwerkparks fällt, der ab Ende dieses Jahrzehntes erforderlich wird. Ich kann deshalb die deutsche Elektrizitätswirtschaft nur auffordern, bei der Optimierung des Verbundnetzes sowie bei der Planung der Ersatzinvestitionen in den Kraftwerkspark die Belange der Offshore-Windparks aktiv mit einzubeziehen. Für die Integration von Atomkraftwerken in den 70er- und 80er-Jahren mussten auch die Netzstrukturen ausgebaut werden, was von der Elektrizitätswirtschaft bekannterweise auch geschafft wurde.

Muss jede Kilowattstunde, die auf See erzeugt wird, wirklich in die Stromnetze eingespeist werden, oder bietet sich eine Wasserstoffproduktion nicht als Alternative an?

Wir halten Speichertechnologien und damit auch die Wasserstoffproduktion für eine bedenkenswerte Option. Abhängig von der Energiepreisentwicklung rechnen wir aber nicht damit, dass der Windstrom vor 2015/2020 direkt auf See oder an der Küste in Wasserstoff umgewandelt wird.

Mit welchem Finanzierungsbedarf rechnet die Deutsche Energie-Agentur (Dena), wenn wirklich 20 bis 25 000 MW auf See bis 2030, wie von der Bundesregierung geplant, Wirklichkeit werden?

Nach Schätzungen, die bislang vorliegen, ist mit einem Investitionsvolumen zwischen 30 bis 35 Mrd.Euro zu rechnen. Der Reduktion der Kosten kommt eine große Bedeutung zu, sowohl bei der Anlagentechnik als auch bei der Logistik. In diesem Bereich steht die Branche noch ganz am Anfang, weshalb auch die Deutsche Energie-Agentur plant, sich stärker mit diesem Thema zu beschäftigen. Es müssen kosteneffiziente Logistikkonzepte erarbeitet werden, die von der Produktion über den Aufbau der Anlagen und die Verschiffung aufs Meer reichen, aber auch Wartung und Reparatur der Anlagen mit berücksichtigen. Bei dem derzeitigen Rennen der norddeutschen Hafenstädte, künftig Basishafen für das Offshore-Geschäft zu sein, muss nicht jede Seestadt alles machen müssen. Alle Standorte konzeptionell miteinander zu vernetzen, das sehen wir als eine der dringendsten Aufgabe an, denn Arbeit ist für alle da.

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