Interview
Schwere Zeit

Es gibt Jobs für Banker, doch wer noch einen hat, sollte nicht zu vorschnell wechseln, rät Andrew Norton, Director für den Bereich Banken von Michael Page City, internationale Arbeitsvermittlung, London.

Herr Norton, im Jahr 2001 haben Investment-Banken vermutlich mehr als 25 000 Stellen gekündigt. Was erwarten Sie für Europa in den kommenden 12 Monaten?

Die Entlassungswelle war in der Tat ziemlich stark in letzter Zeit und wurde auch sehr stark in die Öffentlichkeit getragen. Die Firmen sind nun etwas leiser geworden. Sie haben aber nicht damit aufgehört, ihre Zahlen zu reduzieren. Allerdings geht es jetzt mehr um die Feinjustierung. Die Banken rechnen damit, dass der Boden gefunden ist. Das heißt nicht, dass das Geschäft nicht eine Zeitlang auf dem niedrigen Niveau bleiben könnte oder sogar vielleicht bleiben wird. Aber die Institute denken offenbar, einen Weg gefunden zu haben, ihr Geschäft auch mit der verschlankten Struktur profitabel zu halten. Die Banken müssen nun für Kontinuität in ihren Produkten sorgen. Die größte Welle an Entlassungen dürfte damit vorbei sein.

In welchen Bereichen läuft es noch gut?

Im Fixed-Income-Geschäft gibt es vor allem zwei Sektoren, die noch gut laufen. Zum einen Securitisation, also die Verbriefung von Kreditforderungen. Als Sektor mit guten Wachstums- und damit Karrierechancen würde ich das Geschäft mit so genannten Collaterized Debt Obligations hervorheben, also strukturierte Wertpapiere, deren Auszahlungen durch Anleihen abgesichert werden. Zum anderen "strukturierte Finanzierung", also die kurz- und mittelfristige Finanzierung von Firmenübernahmen, -umstrukturierungen oder fremdfinanzierte Übernahmen, das so genannte "Leveraged Buyout". Wichtig sind dabei Kenntnisse über steuerliche Aspekte.

Wie sind die Karriere-Chancen bei den Investment-Banken? Hält nicht jeder derzeit lieber an seinem Job fest, was die Fluktuation verringert?

Kommt drauf an. Im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen haben sich ganze Lebensstile geändert. Viele Manager haben sich eine Auszeit genommen. Die haben in den Boomjahren genug verdient und merken, dass momentan nichts mehr läuft. In anderen Bereichen gibt es dagegen noch Bewegung.

Wie macht man heute Karriere?

Es kommt auf die Ebene an. Auf niedrigeren Niveaus sollte man nachweisen können, dass man mit innovativen Finanzprodukten umgehen kann. Man sollte solche Produkte bearbeiten und strukturieren können. Auf einem Senior-Level kommt es auf den Track-Record jedes Einzelnen an, also: Wie gut waren die Kunden, die der Banker oder die Bankerin in den letzten zwölf Monaten an Land ziehen konnte? Senior Manager müssen auch die technische Expertise beherrschen. Sie müssen Deals und Modelle verstehen, auch im Detail. Und da die Banken es mit europäischen Klienten zu tun haben, sind Sprachen vorteilhaft.

Wie hoch ist auf höherem Niveau die Fluktuation?

Für gute Leute gibt es immer etwas. Für die Investment-Banken ist die jetzige Situation natürlich gut, einen guten Bereich noch besser zu machen.

Aber beim Gehalt dürfte es doch Abschläge geben?

Bekamen früher rund 50 Prozent der Mitarbeiter eine Quasi-Garantie auf einen Zuschlag, sind es jetzt gerade 25 Prozent. Auch die Prämien haben sich verringert. Früher hat es das Mehrfache eines Grundgehalts gegeben, das ist jetzt doch stark eingeschränkt. Dieses Phänomen zieht sich übrigens über die gesamte Branche: Selbst im Fixed-Income-Geschäft, das in den vergangenen 12 Monaten verhältnismäßig gut gelaufen ist, sind die Boni im laufenden Jahr zwischen 30 und 40 Prozent heruntergegangen. Im M&A-Geschäft gibt es kaum noch Prämien. Wer dort arbeitet, kann sich damit trösten, dass er seinen Job noch hat.

Was hat sich auf Seiten der Arbeitgeber verändert?

Die Banker werden heute wesentlich kritischer auf Herz und Nieren geprüft, so dass der Wechsel deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Die Manager müssen nachweisen, dass sie für das neue Unternehmen gleich zu Beginn Mehrwert erwirtschaften können. Der Prozess mag zwar langwieriger geworden sein, die Tendenz jedoch ist positiv: In Boom-Zeiten werden die Qualitäten des Einzelnen durch die massenhafte Nachfrage eher verwässert. Derzeit sieht es genau anders herum aus.

Worauf achten die Arbeitgeber?

Banker benötigen einen guten Track Record, Erfahrung, den akademischen Hintergrund. Sehr viel Zeit verwenden die Institute auch auf Tests, ob die Einzelnen in die Organisation passen. Team-Orientierung wird immer wichtiger. Bewerber sollten sich auf mehrere Interviews bei der gleichen Bank einstellen. Auch danach brauchen sie Geduld. In der jetzigen Phase benötigen Entscheidungen sehr viel Zeit.

Sind Hedge-Funds noch begehrt?

Ja. Einige Manager haben sogar eigene Hedge-Funds eröffnet. Das gilt aber eher für die Erfahrenen auf den Senior Levels. Die Nachfrage im Hedge-Fund-Sektor ist ungebrochen.

Was raten Sie einem Banker, der in einer Karriere-Sackgasse steckt?

Wenn er intern nachfragt, könnte er einen schlechten Ruf bekommen. Geht er auf den Markt, hat er starke Konkurrenz. Ich würde raten, momentan keine Schnellschüsse zu wagen. Wenn es nicht unbedingt nötig ist und wenn man nicht der Begehrteste ist, sollte man darauf warten, dass der Markt wieder nach oben kommt.

Wie lange kann man sich leisten auszusteigen, wenn man wieder zurück will?

Wer einen guten Track-Record hat, kann auch nach einem Jahr Pause wieder in der Banken-Szene anfangen - doch die Konkurrenz schläft nicht. Einige Leute könnten deshalb böse Überraschungen erleben, wenn sie wiederkommen. Auch erfahrene Banker haben nach einer mehrjährigen Pause nur die gleichen Chancen wie andere.

In welchen Ländern erwarten Sie die besten Perspektiven?

Die Deals laufen über ganz Europa. Insofern würde ich Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien als interessante Märkte bezeichnen.

Wann erwarten Sie, dass es wieder aufwärts geht?

Spätestens Ende nächsten Jahres müsste es wieder nach oben gehen. Zu einem erneuten Boom wie Ende der 90er dürfte es aber kaum kommen.

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