Interview: Stiglitz fordert Zinssenkung von der EZB

Interview
Stiglitz fordert Zinssenkung von der EZB

Der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat die Europäische Zentralbank (EZB) aufgerufen, die Zinsen rasch zu senken. Die sich abschwächende Wirtschaftsdynamik als Folge der internationalen Finanzkrise werde auch für die Europäer zum Problem, sagte Stiglitz am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos dem Handelsblatt.

Handelsblatt: Wie schlimm steht es um die amerikanische Wirtschaft?

Stiglitz: Wahrscheinlich wird die US-Wirtschaft in eine Rezession abgleiten. Zwar ist unklar, wie lange der konjunkturelle Abschwung dauern wird, doch Ansteckungseffekte auf die Weltwirtschaft sind nicht zu vermeiden. Vor allem die Exportwirtschaft in Europa ist erheblich gefährdet.

Das Notfallprogramm der Bush-Regierung kann die Rezession also nicht mehr verhindern?

Davon muss man ausgehen. Zudem ist noch gar nicht abzusehen, auf was sich Republikaner und Demokraten überhaupt verständigen können. Klar ist nur, dass das Konjunkturprogramm die Verschuldung des Staates noch einmal nach oben treiben wird. Die US-Bürger sehen den bestehenden Schuldenberg aber schon jetzt ausgesprochen kritisch.

Sollte die Regierung also besser auf den Rettungsversuch verzichten?

Nicht unbedingt. Die Konjunktur braucht einen kräftigen Impuls. Ob allerdings die Ziele erreicht werden können, hängt entscheidend davon ab, wie das Geld eingesetzt wird. Das Notfallprogramm kann nur dann funktionieren, wenn das Geld vor allem an Arbeitnehmer und arme Menschen fließt, damit der Konsum nicht völlig einbricht. Wenn die Steuererleichterungen nur die gut verdienenden US-Bürger erreichen, wird das Konjunkturpaket wenige Impulse bringen.

Was kann der Rest der Welt tun, damit die US-Krise die Weltwirtschaft nicht nach unten reißt?

Es kommt entscheidend darauf an, ob die großen Schwellenländer China und Indien die konjunkturelle Lücke, die Amerika definitiv reißen wird, einigermaßen füllen können. Ich sehe das skeptisch. Beide Länder sind mittlerweile sehr eng in der globalisierten Welt eingebunden. Deshalb geht der Sturm an den Finanzmärkten nicht an ihnen vorbei.

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen schnell und kräftig gesenkt. Sollte die EZB nachziehen?

Ganz klar: Ja. Es gibt zwar erheblichen Inflationsdruck in Europa, aber das größte Problem wird die sich abschwächende Wirtschaftsdynamik sein. Daher sollte die EZB die Zinsen senken. Andernfalls sorgt das Zinsgefälle zwischen Europa und den USA dafür, dass der Kurs des Euros wieder deutlich steigt. Das wäre schlecht für die europäischen Exporte.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
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