Interview
Vitali Klitschko: „Ich weiß, ich bin der Gewinner“

HB/dpa LOS ANGELES. dpa: Was ging Ihnen durch den Kopf, als plötzlich alles vorbei war?

Klitschko: "Ich war zerstört. Ich war total enttäuscht. Ich war entsetzt und völlig irritiert. Ich wusste überhaupt nicht, warum der Doktor den Kampf stoppte. Der Doktor hat mich nicht gefragt, der Ringrichter auch nicht. Ich konnte und wollte einfach nicht begreifen, was los war. Ich habe noch alles gesehen. Die Augenverletzung war nicht schlimm. Vielleicht sah es so aus, aber sie war es nicht."

dpa: Ist der Kampf bis zum Abbruch nach Ihren Vorstellungen verlaufen?

Klitschko: "Als Lewis gleich anfing zu fighten, habe ich kurz überlegt, ob ich mich ihm stelle oder aber etwas defensiver agiere. Ich habe mich für die erste Variante entschieden, und die war richtig. In der zweiten Runde habe ich ihn mit der Rechten erwischt, woraufhin er zurückwich. Spätestens da merkte er offenbar, worauf er sich eingelassen hatte."

dpa: In der zweiten Runde hat Lewis mächtig gewackelt.

Klitschko: "Es war wirklich sehr bedrohlich für ihn. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl. Ich sah alle seine Schläge. Nicht einmal seine beiden Aufwärtshaken konnten mich erschüttern. Er konnte seine beste Waffe, die Rechte, nicht wirkungsvoll einsetzen. Ich habe den Kampf kontrolliert".

dpa: Sie lagen auch nach der sechsten Runde bei allen drei Punktrichtern mit 58:56 vorn.

Klitschko: "Ich wusste, dass er nicht in bester Kondition ist. Und meine Taktik war es, ihn in der zweiten Hälfte des Kampfes auszuknocken. Wie ich es mit meinen letzten Gegnern immer gemacht habe. Ich hätte es auch diesmal geschafft. Lewis war am Ende, war total erschöpft. Ich fühlte, ich kann ihn in jeder der nächsten Runden ausknocken."

dpa: Fühlen Sie sich um den Weltmeistertitel betrogen?

Klitschko: "Ich weiß, ich bin der Gewinner. Ich will einen Rückkampf. Ich schlage ihn, ich weiß es hundertprozentig".

dpa: Insgesamt hatten Sie fünf Risswunden, die mit 60 Stichen genäht werden mussten. Wie ist es in der dritten Runde zum ersten Riss unter der linken Augenbraue gekommen?

Klitschko: "Durch einen Kopfstoß. Danach habe ich noch ein paar Punches draufbekommen, sodass die Wunde stark zu bluten anfing. Meine Ecke hat jedoch einen tollen Job gemacht. Die Cuts waren kein Problem für mich. Ich fühlte mich dadurch in keiner Situation beeinträchtigt."

dpa: Vor drei Jahren nach der verletzungsbedingten Aufgabe im WM- Kampf gegen Chris Byrd wurden Sie von den Amerikanern als Weichei verhöhnt. Die gleichen Amerikanern schwärmen nun von ihrem großen Kämpferherz. Tröstet das ein wenig über die Niederlage hinweg?

Klitschko: "Ich habe immer gesagt, dass ich gegen Byrd unglücklich verloren habe. Ich weiß, ich bin ein Fighter. Der Byrd-Kampf hat mir noch zusätzlich Motivation gegeben, um zu zeigen, wer ich wirklich bin. Und ich bin glücklich, dass ich es allen bewiesen habe. Lewis' Schläge konnten mich nicht erschüttern".

dpa: Ist es eine Genugtuung, sich im Mekka des Faustkampfes in die Herzen der Menschen geboxt zu haben?

Klitschko: "Ich fühle mich im Ring wie ein Schauspieler. Wenn man als Schauspieler gute Arbeit macht, bekommt man viel Applaus. Das Publikum gab mir den Beifall, es war glücklich. Dafür möchte ich mich bedanken".

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